Bei gleichem Grundaliegen wie Lukács, nämlich der Durchbrechung von zwanghaften Formen der Entfremdung, jedoch ohne die Perspektiven von Tonalität, Werkbeziehung und Symbolniveau werden Realität und Engagement auch im bedenkenlosen Einsatz von Montage, Massenklischee und reproduzierbaren Vorstellungsmustern vertreten. Die Formulierungen W. Benjamins werden dabei in anderer Richtung als in der von Lukács verfolgten interpretiert.
Eine Kunst wie Rockmusik oder wie die Massenkunst der Comics gegen die autonome Kunst des Bürgertums und seines elitären Bildungsanspruchs findet Peter Gorsen in den Bildern und erklärten Absichten von Gottfried Helnwein (Helnwein, Arbeiten von 1970-1985, Albertina Wien 1985 10 ). Er verteidigt diese Trivialästhetik unter Berufung auf Walter Benjamin, der die auratische, auf Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit angelegte, noch kultisch bestimmte Kunstproduktion gegenüber den seriellen Reproduktionsbildern des industriellen Zeitalters als periphere und anachronistische abwertet. Eine traditionell hermetische Malerei könne mit der simultanen Kollektivrezeption z.B. des Films nicht mehr mithalten.
Für Benjamin steht die Massenkunst als Ausdruck der Bemühung um soziale und demokratische Einstellung und Produktion gegen eine, die den Stufungen des Bildungsstandes entspricht und mit einem hierarchischen System der Bildungsvermittlung zusammenhängt. Die Kunst der mittelalterlichen Klöster und Kirchen ist dafür das abschreckende Beispiel. Kunst bzw. elitäre Ästhetik als Vermittlung wird von da her dem Kultischen angehängt. Man erweckt damit die Illusion, die Massenkunst sei unvermittelt und keineswegs manipuliert und manipulativ. Die heute auch auf der Ebene anspruchsvollster Literatur berücksichtigte Rezeptionsästhetik wird als Markenzeichen der Massenkunst reklamiert.
Richtig daran ist, dass es eine Beschäftigung mit Kunst gibt seitens mancher Maler, Kritiker, Kunsterzieher , die sich auf dem Niveau einer Reiz-Reaktions-Psychologie nur mehr mit dem Provozieren von voraussehbaren Reaktionen beschäftigt. Das Interesse für Bildeffekte verdrängt die Fähigkeit, sich mit dem Werk als Malerei, Skulptur usw. zu befassen. (Gorsen hat hier Helnweins Fähigkeit als Maler keinen guten Dienst erwiesen.) Das Beispiel zeigt deutlich, wie weit sich das auf die Vorstellungsschemata bezogene, reproduzierbare Bild und das Malen, Skulpieren, Konstruieren usw. als in der Besonderheit eines Werkes vergegenständlichte Auseinandersetzung mit Realität, als Leibhaftes, sinnenbezogenes Realisieren, auseinander-entwickeln. Gegensätzliche Standpunkte in der Kunstbewertung kommen oft deshalb zustande, weil man die beiden Ebenen des Interesses an Bildwerken die Bildschemata und die im Werk konkretisierte Beziehung in ihrer spezifischen Differenz nicht wahrnimmt und Realität bald im Werk, bald im Kontext des Werkes oder des Bildes aufsucht. Das Übergreifende, das mit Transzendenz gemeint ist, wird dementsprechend jeweils anders bestimmt und gewertet.