Interviews
Schlaf-der-VernunftSleep-of-Reason
November 21, 2021
.
Ludwig Museum Koblenz, Sale Monumentali, Biblioteca Nationale Marciana,
Schlaf der Vernunft/Sleep of Reason
Beate Reifenscheid,
Direktorin des Ludwig Museum Koblenz
Beate Reifenscheid im Gespräch mit Gottfried Helnwein






Ludwig Museum Koblenz
Gottfried Helnwein – Sleep of Reason
April 11, 2021 - June 20, 2021

Sale Monumentali, Biblioteca Nazionale Marciana, Venice
Gottfried Helnwein - Quel silenzioso bagliore
July 2, 2021 - August 15, 2021



Reifenscheid
In Ihrer Wiener Wohnung haben Sie Goya hängen. Goya ist ja für Sie offensichtlich einer der ganz bedeutenden Künstler. Haben Sie das Gefühl, dass gerade jetzt in der Zeit der Pandemie und des Lockdowns und den vielen Verschärfungen von Gesetzen, auch heute noch ganz viel Wahrheit für uns in seinen Werken zu finden ist?

Helnwein
Ja, ich glaube, der erste Eindruck, wenn ich Goyas Arbeiten betrachte, vor allem die Radierungen oder die schwarzen Bilder (La pintura negra – Anm. Red.), bin ich immer verblüfft über diese Zeitlosigkeit. Ich habe das Gefühl, sie sind gerade erst entstanden. Sie sind so aktuell, berühren mich unmittelbar. Die Zeit, die in Kunstwerken immer auch mitschwingt, der Zeitgeist einer anderen Epoche, das fällt hier weg. Sie sind unabhängig von einem bestimmten Ort oder Zeitpunkt. Sie sind von ewiger Gültigkeit. 
Was Goya darin offensichtlich zutiefst beschäftigt hat, ist diese Tragödie der menschlichen Existenz, der ewige Kreislauf von Unterdrückung, Schmerz, Tod, das Auflehnen dagegen, der Kampf um das Überleben. Es ist das Drama der Menschheitsgeschichte, vom Beginn bis zum heutigen Tag, vor allem im Element der Gewalt, der Grausamkeit wie in seiner Desastres de la Guerra Serie oder den Spukgestalten seiner eigenen Alpträume im Zyklus Los Disparates. Kunsthistoriker haben immer wieder versucht, diese Bilder zu entschlüsseln und zu erklären, aber ich halte das für einen völlig falschen Ansatz: Es gibt keine rationale Erklärung für dieses Werk, keinen Code für die Dechiffrierung dieser Visionen, keine Übersetzung in ein verbales Narrativ. Man muss sich diesem Aufschrei des Künstlers einfach ausliefern, und man wird merken, dass seine innersten Ängste und Dämonen unseren eigenen sehr ähnlich sind, und seine Visionen von universeller Gültigkeit. Dazu kommt, dass Goya diese Arbeiten zu einem Zeitpunkt schuf, als die Welt vor einem großen Paradigmenwechsel stand, an der Schwelle der industriellen Revolution, dem Beginn des kapitalistischen Zeitalters, das zugleich das Ende des Ideals der Aufklärung bedeutete. In diesen Bildern spürt man auch die Vorahnung künftiger Dystrophien und Abgründe. Ich habe den Eindruck, dass wir jetzt, 200 Jahre später, am Ende dieses Umbruchs stehen, der damals begonnen hat, an der Schwelle zu einem neuen dunklen Zeitalter. Der kürzlich globale Lockdown, der die ganze Menschheit schlagartig unter Hausarrest gestellt und ihrer Grundrechte beraubt hat, war vielleicht so etwas, wie ein Wetterleuchten, eine Ankündigung für das, was uns bevorsteht.

Reifenscheid
Ist es nicht auch so, dass Goya in seinen Radierungen gerne diese merkwürdigen Kreaturen und Monster zeichnet, die er ja auch selbst Monster oder Fabelwesen nennt? Aber häufig habe ich das Gefühl, dass eigentlich die agierenden Menschen bei ihm die Monster sind und nicht unbedingt ausschließlich diese eigentümlichen Kreaturen.

Helnwein
Es gelingt ihm, was nur sehr wenigen gelingt: Einmal zurückzutreten, und aus einer gewissen Distanz die Tragödie dieser Menschheit von außen zu betrachten. In seinem Radierungszyklus Desastres de la guerra ist er Zeuge der Gräueltaten der Soldaten Napoleons im Kampf mit der aufständischen spanischen Bevölkerung. Er erweist er sich als genauer und objektiver Beobachter, nimmt keine der beiden Seiten ein. Alle sind Täter und Opfer zugleich: Die Menschen verkrallen sich ineinander, winden sich, ringen, hacken und dreschen aufeinander ein. Er beschreibt diesen fürchterlichen, schrecklichen Kreislauf, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Reifenscheid
Einige Romantiker sind ihm in diese düsteren Visionen durchaus gefolgt. Ganz herausragend natürlich Caspar David Friedrich, der in zweien seiner berühmten Landschaftsbilder eine eigene Vision des Zweifelns und Untergangs ausbreitet. Anders als Goya spiegelt er seine Zweifel an der Natur. Ich finde, dass das Eismeer (1823/24, Hamburger Kunsthalle) ebenso wie der Mönch am Meer (1808-10, Staatliche Museen zu Berlin) seine berühmtesten Beispiele liefern, wobei ich denke, er hier das Zerbrechen dieser romantischen Seele zeigt, diesen Zweifel an Gott und an der Spiritualität, weil er ahnt, dass die Realität und das Ideal der Romantik nicht in Einklang zu bringen sind. Im Eismeer scheint er zu verankern, dass der Mensch sich in seiner Anmaßung, die Natur bezwingen zu können, nur scheitern kann. Gott wird ihm hier nicht greifbar – trotz der Erhabenheit der Natur, in der sich die Romantiker seiner so gerne vergewisserten. Eine Art Gotteszweifel wird spürbar. Dieses Perspektivlose, was ich da drin finde, sehe ich auch in Ihren Bildern. Überdies bringen Sie sich selbst mit dem Eismeer von Caspar David Friedrich als verletzter Künstler in unmittelbare Beziehung (Abb. Foto).

Helnwein
Ich glaube nicht, dass es die Intention des Künstlers ist, durch diese Darstellungen der Gewalt Ausweglosigkeit zu bekunden und die Menschen zur Resignation zu verleiten. Vielmehr glaube ich, dass die Ästhetik uns die Möglichkeit gibt, uns dem Grauen und dem Abgründigen zu nähern und letztlich zu überwinden. Die Kunst hat die Macht, das Schreckliche und Unerträgliche zu transzendieren, ja, das heißt, den Tod zu besiegen. Für mich ist Ästhetik das einzige Gegenmittel zum Scheitern der Menschheit. Durch die Kunst verliert der Tod seine Macht.

Reifenscheid
Ist es nicht auch eben die Möglichkeit, über das ästhetische Erleben dann - Befreiung geht mir schon zu weit - aber zu mindestens in einen Zustand des Reflektierens zu geraten? Wenn man sich Ihre Bilder anschaut und auch versteht, dass es in diesen um die Unschuld des Kindes geht, aber zugleich auch um Übergriffe auf Kinder und dass da ganz viele Momente der Gewalt mitspielen, dann eröffnet sich hierin beides: Es gibt die Ebene der Ästhetik, die sich über die Virtuosität der Malerei, aber auch durch das Erkennen der kunsthistorischen Zitate erschließt (z.B. von Goya, Füssli, C.D. Friedrich, Runge etc.) sowie jene Momente, in denen einen Unwohlsein oder Grauen bis hin zum Schockierenden beschleichen und dann bündelt sich dieses über die Reflexion dessen, was ich als Betrachter erlebe: Was macht das mit mir jetzt, hier und heute? Und wie gehe ich damit um? Ist es nicht eben dieser Appell, sich zu trauen, über Dinge, die scheinbar grauenvoll und unaussprechlich erscheinen, tatsächlich zu reden? Also, ich glaube, das ist ja mit eine Ihrer zentralen Botschaften oder Ihrer Appelle zu fordern: Schaut doch einfach hin. Ja! Verschließt eben nicht die Augen, sondern lasst uns auch darüber reden! Ich empfinde es nicht als die sprichwörtliche Peitsche ins Gesicht, sondern als einen echten Anreiz, über die Dinge, die zu sehen sind, angedeutet oder auch artikuliert sind, offener zu reden. Gerade weil sie in Ihren Werken Gedanken und assoziative Querverbindungen zum Ausdruck bringen (z.B. in Epiphany II) werden scheinbar Irreales und grausame Wirklichkeit noch einmal umso deutlicher. Dies gilt ganz besonders für die Konnotationen zur Nazi-Vergangenheit - aber es fällt mir da schon wieder schwer, `Vergangenheit‘ zu sagen, weil sie eben immer noch gegenwärtig ist und dieses menschenverachtende NS-Gedankengut, das nicht aufgearbeitet worden ist, heute wieder aufkeimt. Die Leute haben über Generationen darüber geschwiegen. Jetzt fällt es vielleicht ein bisschen leichter mit einer gewissen kleinen historischen Distanz, was auch geschehen in den letzten Jahrzehnten, aber dennoch gerade gegenwärtig wieder neue Akzeptanz zu finden scheint. Umso wichtiger ist es, das man über diese Dinge und ihre historischen Kontexte redet. Und ich glaube, genau das lösen Ihre Bilder aus. Es ist nicht unbedingt sofort für mich eine Erlösung, sondern es ist eher die Befreiung, darüber zu reden und darüber nachzudenken. Aber das wäre ja der Beginn der Erlösung.

Helnwein
Um Erlösung zu erlangen, muss man zuerst bereit sein, sich dem Grauen zu stellen, ihm ins Auge zu blicken. Ohne diesen Schritt gibt es keine Erlösung. Erlösung kann nie von außen kommen, sie kommt nur aus einem selbst. Aber Kunst kann helfen einen Prozess der Reflexion in Gang zu setzen. 
Ein ganz wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist der Dialog mit dem Betrachter. Die Arbeit im Atelier ist ja ein einsames Geschäft, aber irgendwann, wenn die Arbeiten in einem Museum oder in eine Galerie hängen und ich sehe, dass meine Bilder Menschen emotional berühren und aufrühren, wenn sie ganz spontan auf die Arbeiten reagieren und über ihre Gefühle und ganz persönliche Dinge zu reden beginnen, dann habe ich die Gewissheit, meine Kunst ist angekommen.

Reifenscheid
Sie operieren ja oft mit übermächtigen, großen Bildern. Merken Sie, dass das eine andere Wirkung hat, als wenn Sie in kleineren Formaten arbeiten?

Helnwein
Jede Darstellung braucht ein bestimmtes Format. Manche Bilder müssen groß sein. Wie meine Mickey Mouse Bilder zum Beispiel. Walt Disney ist einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der unsere Sichtweise, unsere Vorstellung von Ästhetik vollkommen verändert hat. Sein Einfluss hat alle Bereiche unseres Lebens durchdrungen, auch, und vor allem in der Kunst. Von Warhol und der Pop Art bis Jeff Koons ist sein Einfluss sichtbar.
Diese kleine Maus ist so etwas wie die Ikone des 20. Jahrhunderts geworden. Mit ihr hat Disney in Steam Boat Willie, den uralten Traum der Kunst verwirklicht: ein künstliches Wesen zu schaffen, ihm Leben einzuhauchen, eine Stimme zu verleihen und vor der ganzen Welt tanzen zu lassen. Aber aus diesem unschuldigen kleinen Wesen aus dem frühen 20. Jahrhundert ist inzwischen mit dem Disney Konzern ein Monster geworden, ein Symbol für das unersättliche, gefräßige amerikanische Imperium, welches nun dabei ist, die ganze Welt zu verschlingen. Aus dem Traum ist ein Alptraum geworden.

Reifenscheid
Es gibt von Ihnen auch ein Werk mit Adolf Hitler und der Mini-Maus. Da spielt das da doch auch noch einmal mit rein, dass Hitler angeblich ein großer Disney-Fan war…

Helnwein
Ja, das stimmt. Er war begeistert von Disney-Zeichentrickfilmen. Offiziell, ideologisch, musste er das natürlich verdammen als dekadent, amerikanisch, jüdisch, aber er hat sich ständig heimlich die neuesten Micky-Maus-Filme besorgen lassen und angesehen. Diesen realen Hintergrund gibt es also tatsächlich. Das habe ich mit dem Bild und der Serie Encounters aber natürlich nicht gemeint. Sondern ich lasse da einfach unterschiedliche Welten aufeinanderprallen. Meine Bilder haben ja meist einen narrativen Charakter, das heißt, sie erzählen eine Geschichte. Die Leinwand ist meine Bühne, auf der ich die unterschiedlichsten Darsteller zusammenbringen und agieren lassen kann wie immer ich will: Kinder, Verstümmelte, Hitler und Donald Duck. Hier bin ich Ursache über Raum und Zeit. Die Naturgesetze sind aufgehoben. Auf meinem Bild ist aber nur ein einziger eingefrorener Augenblick dieser Geschichte sichtbar. Anfang und Ausgang des Geschehens liegen in der Entscheidung des Betrachters.

Reifenscheid
Gerade diese Offenheit als Möglichkeit, die Sie als Künstler trotz dieses einen eingefrorenen Moments anbieten, das ist ja eigentlich das Herausfordernde an der Kunst: das Multiperspektivische!

Helnwein
Ich denke, Kunst sollte keine finale Aussage oder eine Antwort auf etwas sein. Ich sehe sie eher als Frage oder als das Öffnen von Türen zu unendlich vielen Möglichkeiten. Bei der Betrachtung großer Kunst, wie bei Goyas schwarzen Bildern oder Rembrandts späten Selbstportraits, habe ich immer das Gefühl mit der Innersten Welt des Künstlers in Berührung zu kommen und mich langsam darin zu verlieren. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, der Person hinter dem Werk so unfassbar nahe zu sein, dass ich erschauere. Diese ultimative Intimität, das Eintauchen in die Untiefen seiner Seele ist in seiner Intensität nur zu vergleichen mit einem ekstatischen Liebesverhältnis.

Reifenscheid
Ich würde gerne einen Gedanken noch mal aufgreifen: nämlich tatsächlich die Kinder, die bei Ihnen ja eigentlich die größte Rolle überhaupt in Ihrem Oeuvre spielen. Die gibt es von passiv-verträumt bis hin zu jungen, sehr früh pubertierenden Mädchen, die einen schon wissender anschauen. Aber es gibt eben in den letzten Jahren auch zunehmend die “bösen“ Mädchen, die zur Waffe greifen. Wann haben Sie für sich entschieden, dass es diesen Turn auch noch geben sollte?

Helnwein
Die Gestalt des Kindes hat mich immer fasziniert und sie ist zum zentralen Thema meiner Kunst geworden. Es stimmt, in meinen Arbeiten sind es eigentlich immer Mädchen, meisten zwischen sieben und zehn Jahre alt. Sie sind androgyn; nicht mehr ganz Kind, aber noch nicht erwachsen. Es ist vor allem die geistige Identität eines Menschen in dieser Phase, die mich hier interessiert. Die Verletzbarkeit, aber auch das geistige und kreative Potenzial. Aber meine Kinder erwecken nie den Eindruck, dass sie gebrochen sind. Es sind nie vollkommene Opfer. Sie haben nie aufgegeben, nie kapituliert, sondern man spürt immer eine Art von unzerstörbarer Würde, die sich niemals brechen lässt. 
Die Kinder mit Waffen in meinen Bildern verkörpern nicht so sehr das Böse, sondern Widerstand, das Sich-Wehren, das Zurückschlagen. Und die Gestalt des Mädchens steht für die weibliche Hälfte der Menschheit, die durch die ganze Geschichte hindurch unterdrückt wurde. In weiten Teilen der Welt sind Frauen immer noch vollkommen rechtlos, aber auch in unserer sogenannten fortschrittlichen, aufgeklärten Welt ist der Kampf um Gleichberechtigung immer noch nicht zu Ende. Man darf nicht vergessen, dass Frauen auch in der westlichen Welt bis 1920 nicht wählen durften.
Die Romantik - um den Bogen zurückzuschlagen - war keine politische Bewegung, sondern ein geistig-ästhetischer, intellektueller Aufstand für ein Ideal des Zusammenlebens, der Kulturen, der Visionen. Wenn man Novalis anschaut oder Caspar David Friedrich, ging es nie um Gewalt oder um Zerstörung irgendwelcher Strukturen, sondern es war die Sehnsucht nach einer Utopie, die anders  als das alltägliche Leben, nicht von Gier, Unterdrückung, Hass und von Enge definiert ist.

Reifenscheid
Das hat für Goya offensichtlich zugetroffen, aber sicherlich eben auch für Caspar David Friedrich und viele andere, die dann gefolgt sind. Also, man kann ja nur was Ideales projizieren, wenn man sozusagen das Gegenteil kennt.

Helnwein
David Bowie hat gesagt: ‘Religion is for people who believe in hell. Spirituality is for people who have been there.’ Es sind die, die aus der Hölle kommen, die ihren Schrecken überwunden und Furcht oder Ehrfurcht vor ihr verloren haben, die nur mehr die Sehnsucht nach einer Welt in sich tragen, in der alle materiellen Beschränkungen wegfallen, einer transzendierten Welt, in der das Geistige, das Seelische, und die Ästhetik alles durchdringen - verkörpert durch das Ideal der blauen Blume wie bei Novalis, Tieck und Wackenroder, den zentralen Gestalten dieser Bewegung.

Reifenscheid
Aber das Faszinierende ist ja, dass diese Bewegung wirklich ganz Europa erfasst und über weite Strecken sozusagen mitgetragen worden ist. Das ist ja nicht nur eine singulär deutsche Erscheinung gewesen, sondern wirklich über Frankreich, Großbritannien, Russland und andere Staaten gegangen.

Helnwein
Ja, die Romantik hat sich über ganz Europa verbreitet, aber Deutschland und Österreich waren das Epizentrum dieser Bewegung, hier hat sie sich am intensivsten ausgedrückt, zumindest – so mein Eindruck - brennender als vielleicht in Italien oder anderen Ländern.
Es war wie ein verzehrendes Feuer, ein Aufstand der Träumer, auf der Suche nach Esoterik, Spiritualität und Mystik vergangener Zeiten, um eine neue, ideale Welt zu schaffen. Es war der verzweifelte Versuch dieser jungen, rebellischen Künstlergeneration, den Aufbruch in die Moderne, das Zeitalter des Materialismus und Kapitalismus, der Diktatur der Ratio zu verhindern. “Die Kunst heilt die Wunden, die der Verstand schlägt”, sagt Novalis. 
Es war der Zeitpunkt, als in England die Industrialisierung begonnen hatte. Kinder wurden in Kohleminen hinuntergejagt, Leute haben sich zu Tode gearbeitet - ihre Lungen gefüllt mit dem Staub der Webereien. Das neue System der Massenproduktion führte zur Ausbeutung und Verelendung der Menschen der neuentstandenen Arbeiterklasse. Die Diktatur des Kapitals löste das alte Feudalsystem von Aristokratie und Kirche ab. Es war auch der Beginn der Profanisierung der Welt. 200 Jahre später stehen wir nun am Ende dieser Entwicklung und es beginnt sich ein neues dystopisches Zeitalter abzuzeichnen, wie es Orwell, Huxley, Bradbury und Pasolini vorausgesehen haben. Einer der einflussreichsten Protagonisten der kapitalistischen Elite, Klaus Schwab, Gründer des ‘World Economic-Forums’, verkündet bereits die nächste, sogenannte ‘Vierte industrielle Revolution’, in der den Menschen Micro-Chips ins Gehirn gepflanzt werden sollen, um ‘gefährliche Gedanken’, wie er sagt, rechtzeitig zu entdecken. Huxley hat 1962 in der 'California Medical School' eine Rede gehalten. Dort sagte er: „There will be, in the next generation or so, a pharmacological method of making people love their servitude, and producing dictatorship without tears, so to speak, producing a kind of painless concentration camp for entire societies, so that people will in fact have their liberties taken away from them, but they rather enjoy it, because they will be distracted from any desire to rebel by propaganda or brainwashing, or brainwashing enhanced by pharmacological methods. And this seems to be the final revolution." Präziser könnte man den Prozess, der gerade stattfindet, nicht formulieren.

Reifenscheid
Wir sollten noch einmal den turn zur Gegenwart wagen. Mit Blick auf die Romantik und deren Beschwörung der Spiritualität, argumentieren Sie ja, dass mit ihr dieser Geist, diese Freiheit verloren gegangen ist. Ich selbst empfinde es so, dass wir immer mehr gefangen sind in Regularien und Techniken, in Finanzmärkte und Meinungsmachern. Immer mehr Funktionäre, die alles überregulieren und eine Arbeits- und Lebenswelt, in der wir alle stark fremdbestimmt werden und keine Zeit mehr investieren dürfen, um eigene Ideen zu entwickeln. Als wäre man in einer riesigen, unsichtbaren Maschinerie gefangen. Und als Künstler, glaube ich, hat man die Möglichkeit, da ein Korrektiv zu sein, gerade innerhalb der Gesellschaft. Das Korrektiv zur Freiheit, das Korrektiv zum Auflehnen, zum Protestieren, zum Wachrütteln oder schlicht zum Nachdenklich werden.

Helnwein
Deshalb ist die Autonomie des Künstlers in jeder Gesellschaft so unglaublich wichtig. Tyrannen zu allen Zeiten haben sich Hofnarren gehalten, weil sie tief in ihrem Inneren spürten, dass das Prinzip der freien Rede, zumindest als Symbol, erhalten bleiben musste.

Reifenscheid
Ja, auch gegenwärtig leben wir wieder in einer Zeit der Unfreiheit und des Zwiespalts. Die Pandemie hat uns an viele Abgründe geführt, menschlich, emotional und auch den gesamten Kultursektor. Aber oftmals habe ich mich gefragt: Wo sind die Künstler geblieben? Sie sind quasi mundtot gemacht worden: Konnten nicht auftreten und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Klar, im digitalen Netz ging schon mal was. Aber mir fehlte trotzdem der gute Revoluzzer-Geist, der sich deutlicher gewehrt hätte – ich beschwöre jetzt mal die 1968er – als gerade Künstler, Philosophen und Studenten sich aufbäumten und alte Strukturen zerschlugen. Wo war dieser Spirit in den letzten Monaten? Alle Aktionen, die ich wahrgenommen habe, verhallten fast folgenlos….

Helnwein
Der letzte ernsthafte Versuch einer Rebellion gegen die Diktatur des Kapitalismus - gegen dieses komplexe technokratisch-militarisierte System, das nun die ganze Welt fest im Griff hat, waren die Studentenrevolten in den 60er Jahren. Dieser etwas naive, gut gemeinte Aufstand der zornigen Jugend, ist allerdings komplett gescheitert. Die Linke hat damals immer wieder vom ‘Marsch durch die Institutionen’ gesprochen, aber bei diesem Marsch haben die Institutionen gewonnen. Schily, Fischer und Mahler sind links unten hineinmarschiert und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Man kann es ruhig sagen: der Kapitalismus hat bei dieser Auseinandersetzung den totalen Sieg errungen. Aber um auf die Kunst zurückzukommen und zu der Frage, warum die Künstler schweigen: Die vollkommene Eroberung unserer Welt durch diesen Neo- Kapitalismus hat natürlich auch vor der Kunst nicht Halt gemacht. In den frühen 80er Jahren haben Investment-Banker den Kunstmarkt und dem damit verbundenen Potential entdeckt und sich kurzerhand unter den Nagel gerissen. Das hat natürlich den Begriff und Sinn der Kunst maßgeblich verändert.
Kunst schlittert mehr und mehr in die Rolle, einen Markt für die Upper Class zu bedienen. Es geht um Status, Macht, aber vor allem um Investment mit gigantischen Gewinnsteigerungen. Der Wert eines Kunstwerkes definiert sich nunmehr ausschließlich durch die Summe, die bei Auktionen dafür erzielt werden kann. Wenn ein Bild des jung verstorbenen Künstlers Jean-Michel Basquiat, um 100 Millionen Dollar versteigert wird, handelt sich einfach um einen genialen Coup einiger gerissener Spieler dieses Marktes. 
Wenn Saudi-Kronprinz Mohammed bin Salman, einer der brutalsten Diktatoren der Welt, das Leonardo da Vinci zugeschriebenes Werk ‘Salvator Mundi’ für eine halbe Milliarde kauft, hat das nicht das Geringste mit Kunst zu tun. In der fundamentalistischen islamischen Staatsreligion seines Landes sind künstlerische Darstellung von Menschen und Christliche Symbole verboten. Wir können also ruhig davon ausgehen, dass er das Bild, welches Christus als Herrn der Welt darstellt, nicht aus religiösen Gründen gekauft hat und dass ihm der Ästhetik des Bildes am Arsch vorbei geht. Es war einfach eine eiskalte, brutale Machtdemonstration, den anderen Reichen der westlichen Welt den Finger zu zeigen. Es ist ein Spiel der Superreichen, das sie vom Rest der Welt abhebt. Für Künstler wird es immer mehr ein Konkurrenzkampf um höhere Auktionsergebnisse und bessere Positionen auf den ‘Hundert-Besten’ Liste. Natürlich gibt es immer noch gute Kunst auf diesem Kunstmarkt, aber ich vermisse den Geist, die Leidenschaft, die Rebellion, Provokation und Abrechnung mit einer korrupten Bourgeoisie, wie bei Goyas Radierungszyklen Caprichos und den Desastres de la guerra. Dahinter steckten keine kommerziellen Interessen, es war der Aufschrei des Künstlers, und seine Auflehnung gegen die Unterdrückung der Menschen durch eine suppressive Gesellschaft.

Reifenscheid    
Na, das ist doch ein perfektes Schlusswort!







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