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Heimkehr-eines-Weltstars
January 13, 2023
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Heimkehr eines Weltstars
Heins Sichrovsky, Susanne Zobl
Interview
Ich habe überhaupt kein Talent zur Konformität. Was immer ich mache oder sage, sorgt seltsamer Weise immer wieder für Aufregung und Empörung. Politisch korrekt zu sein, wird mir wohl nie gelingen.



Herr Helnwein, vor 40 Jahren habe ich mit der Meldung „Helnwein verlässt Österreich" hübsche Schlagzeilen lukriert. Jetzt haben Sie sich großzügig in Niederösterreich eingekauft ...


Ja, ich habe habe vor kurzem ein Barockschloss im Waldviertel erworben. Über eine Gesellschaft, mit einem Partner, Klemens Hallmann, ich habe 50 Prozent Anteil. Ich habe mich entschlossen meinen künstlerischen Nachlass in Form einer Stiftung nach Österreich zu bringen, und das Schloss soll der Sitz der Stiftung sein. Der grösste Teil meiner Arbeiten kommt nach Wien, wo mein Werk hoffentlich museal präsentiert werden wird.


In der Albertina wo Sie ja bald wieder ausstellen?

Die Albertina ist ein Teil davon. Aber es gibt auch Pläne, die darüber hinausgehen.
 

Wird das Schloss ein Museum?

Ich beschäftige mich seit langem intensiv mit alter Architektur, und In den nächsten Jahren will ich diesen bedeutenden Barockbau sorgfältig restaurieren. Ich werde meinen Anteil nicht meinen Kindern vererben, sondern, wie gesagt,  einer gemeinnützige Stiftung überlassen, die dann entscheiden soll, wie mein Werk der Öffentlichkeit am besten zugänglich gemacht werden kann.


Sie sind seinerzeit verärgert nach Deutschland abgewandert, nannten Österreich provinziell  und wurden um eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste gebracht. Woher jetzt die neue Verbundenheit mit der Heimat?

Die Welt hat sich verändert, Wien hat sich verändert und ich habe mich auch verändert. In der Nachkriegszeit war diese Stadt durch den Zusammenbruch der Monarchie, das Trauma zweier Weltkriege und des Holocaust in einer art Schockstarre.
Das allgemeine Klima in den 60er, 70er Jahren war wirklich unerträglich. Die meisten Künstler wollten weg, wie Artmann, Hundertwasser, andere mussten weg, wie Günther Brus und Oswald Wiener.
Mit dem Fall des Eisernen Vorhanges geschah das Erstaunliche: wie aus einem bösen Traum erwacht, verwandelte sich Wien in kurzer Zeit zu einer modernen, weltoffenen Stadt.
Aus der Distanz sind mir irgendwann die Qualitäten meines kleinen Heimatlandes bewusst geworden.  Ich habe immer gerne in Amerika gelebt, aber man spürt doch die Kälte des  kapitalistische Systems, das sich vorwiegend auf die Interessen der grossen Konzerne und des Militärs konzentriert, und keine soziale Verantwortung kennt. Bildungswesen, Gesundheitsversorgung und Kultur spielen in den Strategien dieses Imperiums keine Rolle.
Die österreichische Sozialpartnerschaft ist wahrscheinlich eine der besten Realpolitischen Errungenschaften, die es je gegeben hat. Wie meine mittelmässigen Vorfahren das geschafft haben, ist wirklich kaum zu begreifen.
Dass Österreich seinen Grossmachts-Status im 20ten Jahrhundert verloren hat, und dass es militärisch und wirtschaftlich keine Rolle mehr spielt, und darüberhinaus noch zu ewiger Neutralität verpflichtet ist, betrachte ich als grosses Glück.
Nur kulturell ist Österreich eine Grossmacht geblieben, und es ist gut, dass die meisten Politiker hier das auch wissen.


Sie werden uns doch nicht abgeklärt?


Diese Gefahr besteht bei mir nicht. Ich habe überhaupt kein Talent zur Konformität. Was immer ich mache oder sage, sorgt seltsamer Weise immer wieder für Aufregung und Empörung.
Politisch korrekt zu sein, wird mir wohl nie gelingen.

 
Ein gutes Stichwort! Es gibt in der Literatur schon Tendenzen, dass Männer nicht mehr über Frauen schreiben sollen. Sie malen aber oft gequälte Frauen, auch Mädchen, nicht?

Der Index der verbotenen Worte, und die Regeln, was man nicht sagen darf, und was man sagen muss, werden immer länger.
Ich habe in Amerika schon sehr früh die Entstehung dieser neuen Woke Realität erlebt, die deutliche durch die calvinistisch-puritanische Tradition des Landes geprägt ist. Alles was wir jetzt hier in Europa erleben, ist einfach eine Kopie davon.


Sie malen also auch künftig nicht nur alte weiße Männer?

Das Thema Gewalt und die Figur des Kindes waren waren von Anfang an zentrale Aspekte meiner Arbeit.
Die Darstellung des leidenden, verwundeten Menschen, des Blutes, hat eine lange Tradition in der Kunst, besonders in der christlichen Ikonographie, das reicht von der Darstellung Gottes als blutüberströmter Schmerzensmann und den Märtyrern bis zu Hermann Nitsch.
Ich denke Empathie ist ein wichtiges Element der Kunst.
Gewalt gegen Wehrlose, vor allem gegen Kinder und Frauen, hat mich immer beschäftigt. 1971 hat Gerhard Richter seinen Zyklus “die 48 Portraits” bedeutender Persönlichkeiten der Moderne gemalt, ausschliesslich Männer.
20 Jahre später habe ich mein Gegenstück der 48 Frauen gemalt. Beide Arbeiten befinden sich nun in der Sammlung Ludwig, und wurden das erste mal 2011 einander gegenübergestellt, in einem Museum ausgestellt.
In der ganzen Geschichte der Menschheit, in allen Kulturen wurden Frauen immer diskriminiert und unterdrückt. Frauen als vollwertige Menschen zu sehen, ist eigentlich eine ganz junge Idee, als im Zuge der Aufklärung im 18 Jahrhundert, das erste Mal das Konzept der allgemeinen Menschenrechte formuliert wurde.
Die Frauen hatten aber vergeblich gehofft, dass die Französische Revolution auch ihre Revolution sein würde, denn sie hatten übersehen, dass es hiess: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, von “Schwesterlichkeit” war nie die Rede gewesen.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts konnten Frauen keinen akademischen Titel erwerben.
In Amerika konnten selbst ehemalige schwarze Sklaven, solange sie männlich waren, bereits im 19 Jahrhundert wählen. Frauen mussten bis 1920 warten, bis man es auch ihnen gestattete.

Jetzt nimmt die Gewaltspirale gegen Frauen wieder zu. Im Iran findet ein Krieg gegen Frauen statt, Afghanistan wurde vom amerikanischen Imperium in die Steinzeit zurückgebombt und dann den Taliban überlassen, womit das Schicksal von Millionen Frauen besiegelt war, für sie begann damit ein Leben in der Hölle, sie sind völlig rechtlos, können nicht mehr zur Schule gehen, dürfen keinen Beruf ergreifen, werden geschlagen und gesteinigt.  Mädchen von acht Jahren werden zwangsverheiratet und von bärtigen Turbanträgern vergewaltigt.
Deshalb habe ich das Bild des verwundeten Mädchen auf dem Stephansdom installiert.
Es wird noch weitere Installationen geben, im Herbst auch eine ganz grossformatige auf dem Ringturm.

 
Auch in Amerika werden die Rechte der Frauen immer mehr eingeschränkt. Ein Beispiel ist das Abtreibungsverbot, nicht?

Richtig, aber es gibt viele Formen der Gewalt gegen Frauen weltweit, und sie gehen durch alle soziale Schichten und Ethnien, angefangen von den Reichsten, wie Epstein, Weinstein und Bill Cosby, bis zu den Ärmsten der sogenannten Dritten Welt, den Taliban und den Massenvergewaltigern in Indien. Gewalt gegen Frauen und Kinder nimmt ständig zu, sie  ist das größte Menschenrechtsproblem, das wir haben.


Sie haben bei uns zuletzt schwere Vorbehalte gegen Biden geäußert. Haben sich die nach Trumps Quasi-Putsch verflüchtigt?

Deshalb lebe ich gerne in Amerika, weil ich da die Dinge vor Ort und direkt verfolgen kann, nicht nur aus der Distanz und durch die Medien.
Natürlich ist Trump eine Katastrophe, aber Biden schafft es ganz leicht ihm Konkurrenz zu machen. Ich bin fassungslos, wenn ich seine konfusen Reden verfolge. Der Mann war nie ein Schlaumeier, und dass er sich nun im Stadium fortgeschrittener Demenz befindet, hilft natürlich auch nicht.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich die Amerikanische Gesellschaft im freien Fall befindet. In Downton LA, wo ich früher mein Studio hatte, sind ganze Strassenzüge überflutet mit Obdachlosen und täglich werden es mehr.
Die meisten sind drogensüchtig und geisteskrank, manche irren nackt und wildgestikulierend  durch die Strassen. In San Francisco und anderen Städten ist es ähnlich. Die Gewaltspirale und die Verbrechensrate sind ausser Kontrolle.
Man kann hier in Echtzeit sehen, wie ein Turbo-kapitalistisches System ohne Ethik und soziale Verantwortung am Ende implodiert und sich selbst zerstört.
Tatsächlich schlittern wir hier gerade in ein “Mad Max” Endzeit-Szenario.
Die meisten meiner Freunde, die übrigens alle ‘Liberals’ sind, haben Los Angeles verlassen und sind nach Texas oder Florida gezogen.
 
Ist das durch Biden denn noch extremer geworden?


Es sieht ganz so aus.
Das Verwirrende ist, dass alle alten Werte auf den Kopf gestellt werden,
Die Demokraten sind mittlerweile zur Partei der multi-Millionäre und Milliardäre geworden. Dass sich nun die reichsten und skrupellosesten Superkapitalisten und Monopolisten, wie Soros, Bezos, Gates, Zuckerberg und Warren Buffet etc. zu Ehrenlinken ernannt haben, lässt einen doch am guten alten Links-rechts Paradigma zweifeln.
Vor allem, wenn die traditionellen Wähler der Democrats, Arbeiter, Hispanos und Schwarze, die sogenannten “kleinen Leute”, die Verlierer des Systems, immer mehr zu rechten, populistischen Politikern wie Trump überlaufen.

 
Und Musk?

Der ist schwer einzuschätzen.
Auf jeden Fall hat er mit seiner Kampagne gegen die Zensur in den Sozialen Medien überrascht. Aber er scheint es tatsächlich ernst zu meinen, er hat mittlerweile nachgewiesen, dass staatliche Institutionen, wie CIA, FBI und andere, bei Twitter systematisch manipuliert und zensiert haben und damit unzählige  Wissenschaftler, Künstler und Journalisten mundtot gemacht wurden.
Er sagte kürzlich, ich zitiere: “Alle Verschwörungstheorien bezüglich Twitter haben sich als wahr herausgestellt’”


Beeinflusst Russland tatsächlich die Wahlen in den USA?

Es ist zu einer Manie geworden, die Schuld, für alles was bei uns schief läuft, den Russen in die Schuhe zu schieben.
Man kann doch Russland nicht auf der einen Seite als stümperhaften Dritte Welt-Staat bezeichnen und gleichzeitig behaupten, sie seien so allmächtig, dass sie den Ausgang der Wahlen in der westlichen Welt bestimmen können.
Über das was in Amerika geschieht, entscheidet schon noch vor allem der Amerikanische Military Industrial Complex.


Was aus Russland kommt, soll jetzt gecancelt werden. Wie sehen Sie das?

Ich empfinde jede Art von Sippenhaft, Zensur und Bilderstürmerei als Rückfall in die dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit.
Laut einem Bericht der taz, hat das ukrainische Kulturministerium die Vernichtung der gesamten Russischer Literatur in den Bibliotheken angeordnet.
Für die Aktion „Russische Literatur ins Altpapier”, räumen Bürger*in­nen ihre Regale leer und werfen die Werke von Puschkin, Tschechow, Tolstoi oder Anna Achmatowa, in dafür errichteten Sammelstellen, auf  einen riesigen Haufen zur Vernichtung. Dostojewski, Bulgakow und alle anderen russischen Autoren werden aus dem Unterricht gestrichen.
Lebende Autoren, die einen russischen Pass haben, oder hatten, dürfen nicht mehr publiziert werden.
Aber auch der Westen schliesst sich diesem Vernichtungsfeldzug an: russische Schriftsteller, Künstler, Sportler und Medien werden mit einem Bann belegt.
Die Münchner Philharmoniker haben ihren russischen Chefdirigenten Valery Gergiev entlassen, und die New Yorker Metropolitan Opera hat ihre Beziehungen zum russischen Bolschoi-Theater abgebrochen.Tschaikowsky wurde aus  Konzertprogrammen gestrichen. Russische Musiker und Sportler sind von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen worden.
Nur zur Erinnerung: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den sowjetischen Schulen weiterhin die deutsche Sprache gelehrt, Orchester führten weiterhin Bach und Mozart auf, und die Menschen lasen weiterhin Schriftsteller wie Goethe und Thomas Mann. Der Kampf der Sowjets gegen Nazi-Deutschland hat sich nicht auf die Kultur erstreckt.

Kommen wir nochmals auf den erfreulichen Anlass des Gesprächs zurück. Werden Sie selber in Ihrem Schloss wohnen, sich dauerhaft nach Österreich orientieren?


Ich werde sicher öfter in Österreich sein, aber noch habe ich meinen Lebensmittelpunkt in Irland und in Amerika. Da leben ja auch meine Kinder und Enkelkinder. Und ich habe viele Freunde hier.
In den nächsten Tagen treffe ich Sean Penn in Los Angeles zu einem Dialog in einem Film über Gegenwartskunst, in dem auch David Hockney, Chuck Close und andere Künstler mitwirken.

 
Hier herrscht allerdings auch eine bedrohliche Kultur des Vernaderns und Regulierens. Stößt Sie das nicht ab?

Das gibt es zwar auch in anderen Ländern, aber wahrscheinlich ist diese Eigenschaft in den deutschsprachigen Ländern besonders ausgeprägt.
Ich erinnere mich an die Hasskampagne gegen Peter Handke, der seine Affinität zur serbischen Literatur kundgetan hat, ungünstiger Weise zu einem Zeitpunkt, da die Nato gerade Belgrad bombardierte.
Als Günther Grass in der Süddeutschen ein Gedicht veröffentlichte, das sich auf den Konflikt zwischen Israel und Iran bezog, flog ihm alles um die Ohren, er wurde als Nazi und Antisemit beschimpft und Israel verhängte ein Einreiseverbot.
Bedeutende Museen sagten Ausstellungen des 1980 verstorbenen Malers Philip Guston ab, dessen Werk ich immer bewundert habe. Seine rätselhaften Bilder grotesker, Comic-hafter Gestalten sind eine brillante Gesellschaft-Satire. Da in einigen Bildern weisse Zipfelmützen vorkommen, beschuldigte man den jüdischen Künstler, den Ku-Klux-Klan zu verherrlichen.  
Vor allem in den digitalen Medien kann ein Lynch Mob das Rechtssystem aushebeln und durch einen gut inszenierten Shit-Storm Existenzen vernichten, jeder kann Ankläger, Richter und Exekutor zugleich sein.

 
Und #Metoo?

Eine ganz wichtige Bewegung, die endlich den ständigen Terror und sexuellen Missbrauch von Frauen in Amerika thematisiert hat. Aber, wie so oft wurde auch dieser genuine Widerstand instrumentalisiert und missbraucht:
Wie z.B bei Chuck Close, einem bedeutenden Künstler, dessen geplante Ausstellung abgesagt, und Bilder in Museen abgehängt wurden, weil eine Frau, die ihm für ein Foto Modell stand, ohne irgendwelche Beweise, sexuelle Belästigung vorwarf.  Man muss sich allerdings  fragen, wie er das gemacht haben soll, da er seit Jahrzehnten im Rollstuhl sass und praktisch vollkommen bewegungsunfähig war.


Und wie blicken Sie auf das Jahr 2023?

Etwas sorgenvoll, wenn ich sehe, wie wir im Zeitalter der sogenannten Political Correctness und Cancel Culture, immer mehr unserer Freiheiten verlieren, die wir so lange als selbstverständlich betrachtetet haben.






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