Frau Rollig, das Museum Lentos zeigte im Frühjahr 2006 Ausstellungen von Vanessa Jane Phaff (“Spiegelkabinett”) und Gottfried Helnwein (“Face it”), in deren Mittelpunkt Bilder von Kindern stehen. Warum stellten Sie gerade diese beiden aus?
Wir wollen angesehene KünstlerInnen nach Linz bringen – bereits bekannte und etablierte wie Helnwein, aber auch Newcomerinnen wie Phaff -, um mit dem Blick auf die Kunst die Entwicklungen in unserer Welt zu verfolgen. Ich halte ein Museum für einen Ort der Begegnung – zwischen Kunstschaffenden ebenso wie mit den Fragen von heute.
Zu den Fragen von heute zählt die “Kinder-Frage”: Einerseits gibt es in den Ländern des Nordens einen drastischen Geburtenrückgang, andererseits werden Kinder bei gleichzeitigem Verlust von Kindheit vergöttert. Wie ist ihr Zugang zum Thema Kind und wie wirken die gezeigten Kinderbilder auf Sie?
Die Wahrnemung von Kunst ist natürlich immer subjektiv geprägt. Ich etwa habe in meinem ganzen persönlichen Leben nur wenig mit Kindern zu tun. Bei den beiden Ausstellungen begegnen mir Kinder, die als starke Individuen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein dargestellt sind. Nie wird ein Kind lieblich oder klischeehaft abgebildet, wie in vielen Bilderbüchern oder auf Politikerplakaten. Diese Kinder zeigen eine grosse Stärke in ihrem Inneren, die ihnen erlaubt, auch eine “Schutz-Distanz” zu dem einzunehmen, was die (Erwachsenen-)Welt ihnen zumutet. So zeigen die meisten Bilder von Vanessa Jane Phaff – oft sehr reduziert – Mädchen, die auf den ersten Blick sehr angepasst und brav wirken. Ihr Gesichtsausdruck sagt aber oft: “Komm mir nicht zu nahe.”
Warum sind bei Phaff und Helnwein eigentlich überwiegend Mädchen abgebildet? Verfolgt die zeitgenössische Kunst Absichten im Sinne des Gender-Mainstreamings?
Es fällt mir seit etwa zehn Jahren auf, dass besonders stark im Bereich Film, aber auch in der bildenden Kunst – besonders auch in Video und Fotografie – die Figur des kleinen Mädchens und des weiblichen Teenagers stark präsent ist. Vielleicht lassen sich an Mädchen besser als an Buben jene Wiedersprüche und Verunsicherungen festmachen, die wir alle spüren. Etwa, dass sich Geschlechterverhältnisse verunklären. Einerseits gilt für Mädchen Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung, zumindest der Anspruch darauf, andererseits erfahren sie, dass das für Frauen im Alltag nicht stimmt. Das Leben in einer prekären Situation, mit prekärer Identität lässt sich beispielhaft am Leben junger Mädchen abhandeln.
Die Arbeit des gebürtigen Österreichers Gottfried Helnwein regt auf und wird sehr kontrovers diskutiert. Einerseits wegen seiner schockierenden Darstellungen, andererseits bezeichnen ihn viele als oberflächlich und kommerzorientiert.
Wie viele andere halte ich Helnwein für einen Künstler mit hohem moralischen und ethischen Bewusstsein. Er möchte das Publikum mit unhaltbaren Zuständen konfrontieren und dazu anregen, das eigene Verhalten zu reflektieren, ja Wiederstand zu leisten. Das Kind ist in Helnweins Arbeit ein grosses Thema, 2004 wurde in San Francisco seine grosse Ausstellung “The child” gezeigt. Grundsätzlich lassen sich seine Kinderbilder in zwei Arten teilen. Da gibt es einerseits jene älteren und von vielen Betrachtenden schwer auszuhaltende Werke, die Kinder zeigen, die verletzt wurden oder denen Gewalt angetan wurde. Die andere, zunehmend an Bedeutung gewinnende Wergruppe sind Bilder, die auf ganz zarte Weise Kinder porträtieren. Die oft schlafenden Kinder sind meist in sich gekehrt, ganz bei sich, in einem Zustand der Nicht-Kommunikation mit der Welt und ungeheuer verletzlich. Wenn ich diese sanften Gesichter betrachte, projizire ich in sie all das, was Kindern passieren kann – und das ist sehr beunruhigend. Die Schönheit und Unversehrtheit der Abgebildeten ist kaumauszuhalten, weil wir alle wissen, dass jedem Kind auch Schlimmes zustossen kann und wird.
Helnweins Bilder haben teilweise riesige Formateund wirken daher sehr plakativ, man könnte auch sagen “dick aufgetragen”. Das gilt sowohl für die Anmut als auch für den Schrecken. Was kann denn die Botschaft überdimensional gemalter Föten mit Missbildungen sein?
Die Bilder heissen “Schlafende Engel” und mich erinnern sie an die viel zitierten elegischen Verse Rilkes: “Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.” Der Hintergrund für Helnweins Bilder sind im Wiener “Narrentum” ausgestellte Präparate von missgebildeten Kindern. Dass Menschen als Studien- oder Gruselobjekte aufbewahrt werden, erschütterte ihn derart, das er ihnen auch durch das überhöhte Format eine Persönlichkeit geben wollte, die ihnen auf Erden nicht vergönnt war. Er wollte diese Kinder beseelen.
Welches Feedback haben sie auf die Ausstellungen erhalten und was ist ihr Wunsch?
Die Rückmeldungen des Publikums auf beide Ausstellungen waren so persönlich, wie ich das zuvor noch nicht erlebt habe. Was auf diesen Bildern zu sehen ist, trifft und betrifft. Persönliche Auseinadersetzung gelingt dann, wenn ich mir gestatte, auf das Kind zu hören, das ich selber war. Es ist daher mein Wunsch, dass die BetrachterInnen ihre innere Tür zu jenem Kind öffnen, das sie selbst einmal waren.