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June 8, 2024
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Junge Welt
Der beste Lehrer
Marc Hieronimus
Donald Duck zum 90. Geburtstag
Gottfried Helnwein hat Barks bei einem Gespräch 1992 gesagt: »Im Ernst – von Donald Duck habe ich mehr gelernt als in allen Schulen, in denen ich war.« Damit ist er sicher nicht alleine.


Donald Duck beim Fenster putzen, 1940

Im Sonderheft »Zum Geburtstag viel Glück, Donald« erzählt der damals gerade 50jährige Jubilar seine Geschichte wie folgt: »Geboren wurde ich am 9. Juni 1934. (…) An diesem Tag tobte ein fürchterliches Unwetter. Der Sturm peitschte den Regen durch die Nacht, und eine besonders heftige Bö knickte den Ast, auf dem sich mein Nest befand, ab wie ein Streichholz.« Man sieht ein Ei auf den Boden fallen und den kleinen Donald schlüpfen. »Kaum hatte ich das Licht der Welt erblickt, führte mich das Schicksal auf eine Straße, auf der sich eine große Luxuslimousine näherte.« Darin sitzen Dagobert Duck und seine Schwester. Nun geht es ohne auktorialen Erzähler weiter. Sie möchte das Küken mitnehmen, »der kleine Kerl braucht eine Familie«. Er ist zögerlich. »Familie? Hast du dir schon mal überlegt, was das kostet? Das wird teuer!« Sie setzt sich aber durch und bestimmt: »Wenn du schon nicht Vaterstelle einnehmen willst, dann werde wenigstens sein Onkel!« – »Hm, Nun gut! Dann bin ich eben sein Onkel! … und du bist seine Oma! Haha!«
Das ist natürlich alles Quatsch. Ein Laufentennest in einem Baum? Oma und Dagobert liebevolle Adoptiveltern? Für Entenhausen-Kenner befremdlich geht es weiter. Donald arbeitet in New York, später in Hollywood. Eines Tages werden ihm Trick, Trick und Track mit einem mütterlichen Begleitschreiben zugeschickt. Sie sind nicht durch magische Veronkelung zu seinen Verwandten geworden, sondern offenbar seine leiblichen Neffen – aber woher kommt die Schwester? Der Verlag entschuldigt sich ungelenk für die Geschichte: »Sie hält sich zwar nicht an die Regeln, die von Carl Barks und anderen berühmten Erfindern von Donald-Geschichten gesetzt wurden. Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz, dass eine völlig neue Seite von Donald Duck entdeckt wurde.«
Nein, liegt er nicht, dafür ist der Donaldismus eine viel zu ernste Angelegenheit. Es mag der Nichtkennerin etwas puristisch und versnobt vorkommen, unter den unüberschaubar vielen Donald-Geschichten nur die von Carl Barks als die einzig wahren gelten zu lassen. Donald erfunden hat er zwar nicht, der Erpel wurde für einen Zeichentrickfilm entworfen: An besagtem 9. Juni 1934 hatte er seinen ersten Auftritt in der Animation »The Wise Little Hen«. Aber Barks hat Donald zu der Ente gemacht, die er ist, hat ihm eine Familie und eine Heimatstadt voller wundersamer Gestalten gegeben und ihn neben vielen kleinen an der Seite seines Onkels, der reichsten Ente der Welt, einige wahrhaft epische Abenteuer erleben lassen, die an Größe und Tiefe an die Klassiker der Weltliteratur heranreichen – nur dass sie lustiger und spannender sind: »Armer alter Mann«, »Das goldene Vlies«, »Im Land der viereckigen Eier«, »Der verlorene Zehner«, »Der verhängnisvolle Kronkork« etc.
Barks’ Gesamtwerk ist vorbildlich ediert und »kongenial« von Erika Fuchs übersetzt, wenn auch gelegentlich mit einem Geschmäckle. Einmal singen die Panzerknacker »Heute gehört uns die Kohldampfinsel, morgen die ganze Welt.« Außerdem heißen die Ganoven im Original Beagle Boys, Fuchs hat sie nach einer Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg benannt. Gemessen am oscar­gekrönten Achtminüter »Der Fueh­rer’s Face« von 1943 ist das freilich harmlos: Donald erwacht im Nazideutschland, es herrschen Blasmusik, Lebensmittelknappheit, Propaganda und Arbeitszwang. Zum Glück ist alles nur ein Traum. Kaum aufgewacht, umarmt er die Freiheitsstatue und ist »stolz, amerikanischer Staatsbürger zu sein«.
Barks kann man solche Verirrungen ebensowenig vorwerfen wie all die Superhelden-, Detektiv-, Piraten-, Weltraum- und sonstigen Donald-Geschichten aus anderen als seiner Feder. Er hat DD als tendenziell cholerischen, aber genuss- und liebesfähigen Faulpelz entworfen, der keine ehrgeizigen Ziele verfolgt und mit wenig zufrieden ist, ganz anders als seine quirligen Neffen oder sein kapitalistischer Onkel. Gottfried Helnwein hat Barks bei einem Gespräch 1992 gesagt: »Im Ernst – von Donald Duck habe ich mehr gelernt als in allen Schulen, in denen ich war.« Damit ist er sicher nicht alleine.




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