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May 2, 2025
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"Mal abkühlen" Nach Helnwein-Eklat heuer kein Kunst-Fastentuch im Stephansdom
Michael Wurmitzer
"Leute, die prinzipiell eine Ablehnung gegen Interventionen mit moderner Kunst im Dom haben und meinen, der Dom genügt sich selbst, gibt's natürlich auch im Domkapitel." Das kann Monate dauern. Manchmal dauert es aber auch noch länger. "Herrn Professor" Gottfried Helnwein habe er sechs Jahre vor dem Projekt erstmals angesprochen. "Er hat dann immer wieder 'Ja' gesagt, nach dem fünften 'Ja', auf das aber nichts gefolgt ist, bin ich dann lästiger geworden. Ich war sogar in seinem Schloss in Irland. Als es dann wahr wurde, war ich am Höhepunkt meiner Euphorie."

Nach der letztjährigen Aufregung um Gottfried Helnweins Serie hat man sich für eine Cool-off-Phase entschieden. Dompfarrer Toni Faber ist "schmerzvoll berührt"



Dompfarrer Toni Faber (rechts) vergangenes Jahr mit Künstler Gottfried Helnwein im Wiener Stephansdom bei der Präsentation des ersten Tuchs seines Oster-Triptychons.
2024

Auch noch die andere Wange hinhalten? Das wollte man heuer nicht. Landauf, landab zeigen größere und kleinere Kirchen aktuell künstlerische Auseinandersetzungen mit der Osterzeit. Wer dieser Tage den Stephansdom in Wien betritt, wird aber enttäuscht. Ein Patchwork aus Häkeldeckchen von Eva Petritsch als Erinnerung an die Generationenabfolge (2016), in knisternde goldige Rettungsfolien eingehüllte Heilige von Victoria Coeln als Kommentar auf die Migrationspolitik der EU (2017) oder 1332 unter der hohen Decke schwebende Steine in Anspielung auf die Steinigung des Domheiligen sowie die "lebendigen Steine" aus dem Petrusbrief, die ein "geistiges Haus" zu Ehren Gottes bauen sollen, von Peter Baldinger (2019) findet man dort heuer nicht.

Seit 2013 wurde das österliche Kirchenschiff jedes Jahr künstlerisch gestaltet, wurden die Altäre mit teils aufsehenerregenden Fastentüchern verhüllt. Heuer Fehlanzeige. Da, wo sich 2020 ein Riesenpulli von Erwin Wurm als "Hinweis auf die Deformierungen unseres Lebens" an einem überdimensionalen Kleiderbügel ausdehnte, hängen nur klassische, liturgisch für die Zeit im Kirchenjahr korrekt violette Tücher. Warum?

Keinen Wind säen

Anruf bei Dompfarrer Toni Faber mit dem Verdacht, dass es mit dem Wirbel vergangenes Jahr zu tun hat. Er bestätigt das. Biblisch könnte man zusammenfassen, man wollte heuer keinen Wind säen, um nicht wieder Sturm zu ernten. Zur Erinnerung: Damals wurde eine dreiteilige Serie von Tüchern des Künstlers Gottfried Helnwein mittendrin abgebrochen. Schon das Fastentuch mit dem Motiv des auf dem Kopf stehenden Grabtuchs von Turin wurde, sagt Faber, "als gotteslästerlich völlig missverstanden. Es hat einige Katholiken so sehr verunsichert, dass sie gedacht haben, sie müssen sich beschweren. Auch Menschen, die vorher und nachher nie im Dom waren." Tausende "organisierte" Protestschreiben seien eingegangen.

Zum geplanten Ostertuch, der 14 Meter hohen Darstellung eines Kindes mit den blutigen Wundmalen Christi, kam es in der Folge nicht mehr. "Irgendwann ist der Kardinal so weit gewesen, zu sagen, er möchte zu Ostern eine Ruh' haben", sagt Faber. Ein "beeindruckendes und ernstzunehmendes Kunstwerk", gab das Domkapitel daraufhin über Helnweins Ostertuch bekannt, das aber riskiere, "Menschen zu verstören oder in ihren Gefühlen zu verletzen". Helnwein reagierte verärgert auf die Entscheidung, ortete eine "Zensurorgie".

Ein Pfarrer am Höhepunkt

Eine Ruh' sollte auch heuer sein. "Man wollte mal abkühlen", habe sich das Domkapitel heuer gedacht, sagt Faber auf die Fragen, ob man nicht ein weniger provokantes Kunstwerk statt gar keines hätte finden können und ob die Kirche Angst gehabt hätte, durch erneute Aufregung mehr Schäfchen zu verlieren als ohnehin. Glücklich klingt er mit dem Beschluss nicht. Er sei "schmerzvoll berührt", sagt er. Das einfache violette Tuch heuer sei "natürlich eine vergebene Chance", nimmt er die Entscheidung des Domkapitels, in dem er nur eine von zwölf Stimmen hat, zerknirscht zur Kenntnis. Die künstlerische Ostergestaltung des Doms ist nämlich seine Erfindung.

Wie der Prozess, ein Kunstwerk in den Dom zu bringen, abläuft? Zuerst nimmt Faber Kontakt mit einem Künstler oder einer Künstlerin auf und berät mit ihnen, bespricht Entwürfe, holt den Dombaumeister dazu. Wenn er denkt, er habe mit einem Projekt "eine Chance" beim Domkapitel, präsentiert er es diesem. Angebrachte Umsicht, denn: "Leute, die prinzipiell eine Ablehnung gegen Interventionen mit moderner Kunst im Dom haben und meinen, der Dom genügt sich selbst, gibt's natürlich auch im Domkapitel." Das kann Monate dauern.

Manchmal dauert es aber auch noch länger. "Herrn Professor" Gottfried Helnwein habe er sechs Jahre vor dem Projekt erstmals angesprochen. "Er hat dann immer wieder 'Ja' gesagt, nach dem fünften 'Ja', auf das aber nichts gefolgt ist, bin ich dann lästiger geworden. Ich war sogar in seinem Schloss in Irland. Als es dann wahr wurde, war ich am Höhepunkt meiner Euphorie."

"Toni, ein geiles Projekt"

Musste er im Verlauf schon viele Projekte wieder fallenlassen? Er erinnert sich an Projekte, die nicht durchgeführt worden sind, weil ihn Entwürfe nicht überzeugt hätten. Ein Künstler habe sich "nicht bemüht". Bei manchen Überlegungen habe er indes gleich am Anfang zu Künstlern gesagt, dass er aus praktischen Gründen nicht glaube, sie wären durchführbar. Mitunter war er da schon voreilig mutlos. Billi Thanners Himmelsleiter am Südturm des Doms zu Ostern 2021 etwa war so eine Arbeit, die er sich aufgrund des Aufwands nicht habe vorstellen können, erzählt Faber.

Dann habe eine Sponsorin zu ihm gesagt: "Toni, das ist so ein geiles Projekt, wenn du das machst, zahl ich alles!" Gesagt, getan. Über ein Jahr blieb das Werk da. "Wenn ich nicht jeden einzeln um 5000 Euro anhauen muss, da 10.000 Euro aufstellen, dort 20.000, ist mir die Sache auch leichter", sagt Faber. Denn Kirchenbeitragsgelder fließen nicht in die Projekte.

Etwas nicht zu versuchen aus der Angst heraus, dass es auf Widerstand stoßen könnte, dafür ist er nicht zu haben. So gibt es also Hoffnung: Nächstes Jahr wird es im Dom wieder ein "höchstkarätiges" Kunstwerk zur Osterzeit geben, kündigt Faber an. Es sei schon bewilligt. Getreu dem österlichen Motto: "Fürchtet euch nicht!" 


(Michael Wurmitzer, 15.4.2025)






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