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June 14, 2018
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Die Presse
Helnwein: "Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das ist ein neues Phänomen"
Almuth Spiegler
Gottfried Helnwein will mit seiner Ringturmverhüllung „die Menschen zwingen, zu sehen“: vor allem die Glorifizierung des Tötens.
Diesen Sommer also kein sorgenloser „Weitblick“ vom Ringturm der Wiener Städtischen wie voriges Jahr das Bergbild von Mihael Milunović hieß. Kein Riesen-Swimmingpool (Tanja Deman, 2015), kein luftiges Agnes-Schleierbild (Arnulf Rainer, 2014). Sondern erstmals Provokation auf Wiens größter Fläche für Kunst im öffentlichen Raum. Gottfried Helnwein lässt ein Mädchen mit einer Maschinenpistole auf das Treiben am Donaukanal zielen. Worauf genau? Das weiß auch Helnwein nicht, wohl auf irgendein Wohnhaus donauaufwärts. Auf der Rückseite geht währenddessen eine Stadt in Flammen auf. Ein Konversationsstück in bester künstlerischer Manier. Daran fährt keiner unberührt vorbei.
Zwei Reaktionen sind bisher vorherrschend auf Ihre Ringturm-Verhüllung. Erstens, ist es Bundesheerwerbung, weil ja direkt neben der Rossauer Kaserne? Zweitens: Wie erkläre ich es meinem Kind?

Helnwein: Die Leute stellen sich diese Fragen immer dann, wenn sich Kunst mit dem Thema Gewalt  auseinandersetzt. Bei meinen Museumsausstellungen werden in der Regel Warnhinweise aufgestellt, die empfehlen, Jugendliche unter 18 Jahren nicht unbeaufsichtigt in die Ausstellung zu lassen.
Und das in einer Zeit in der Kinder durch das Internet und die Massenmedien ständig extremsten Formen von Sadismus und Gewaltpornografie ausgesetzt sind.
Aber Gewalt ist ein wesentliches Element des amerikanischen Neo-Kapitalismus, der sich über die ganze Welt ausbreitet: Gewalt als Mittel der Politik eines globalen Herrschaftssystems, aber auch Gewalt im Alltag, in der Unterhaltung und im Spiel.
Zum Beispiel in Computerspielen, in denen man ununterbrochen Menschen abknallen kann, was sich übrigens kaum von dem unterscheidet, was junge Mitarbeiter des Pentagon und der CIA machen, wenn sie mit ihrem Joystick Drohnen losschicken, um in irgend einem fernen Land tatsächlich Menschenleben auszulöschen. Tausende und Abertausende, Frauen und Kinder. Wobei laut CIA-eigener Dokumente nur 2% dieser Bomben die beabsichtigten Zielpersonen treffen.


Die Diskrepanz ist doch, dass die Gewalt sonst auf kleinen Displays stattfindet, also irgendwie intim, und nicht auf großen Plakaten im öffentlichen Raum. Da gibt man sich dann entsetzt.


Helnwein: Aber Gewalt ist doch in unserer heutigen Gesellschaft omnipräsent.
In den Filmen sind Killer in der Regel die Helden: eiskalt, tätowiert, coole Typen, die ihre Waffen idiotisch schräg halten, wenn sie mit gelangweilter Miene und einem coolen Spruch abdrücken und einen Schädel platzen lassen worauf sich die Gehirnmasse in Zeitlupe im Raum verteilt.
Seit Columbine haben wir uns daran gewöhnt, dass Kinder manchmal in die Schule gehen, um soviele Kinder wie möglich zu töten. Kinder, die Massenmorde an Kindern begehen, das ist ein neues Phänomen, das hat es bisher in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben.
Es empfiehlt sich das Video anzusehen, welches der letzte Schulkiller von Florida auf seinem Smartphone einige Tage vor dem Massaker aufgenommen hat: Keine Botschaft,  kein Zorn, keine Bitterkeit, nur sinnloses, gelangweiltes Brabbeln. Er phantasiert von mindestens 20 Toten, die er sich zum Ziel gesetzt hat, und dass in ein paar Tagen, die ganze Welt von ihm reden würde.  


Warum regt es die Leute in der Kunst dann auf und in Hollywood nicht?

Helnwein: Wahrscheinlich weil Kunst einen anderen Zugang hat, und Gewalt plötzlich aus dem gewohnten Kontext gerissen ist.

 
Sie stellen die Gewalt aber doch auch cool dar.

Helnwein: Weil das in unserer medienorientierten Zeit eine wesentliche Charakteristik des Tötens ist.
Ich lebe ja in Amerika wo man noch viel deutlicher erleben kann, wie Gewalt glorifiziert und  zu einem Mythos der Coolness erhoben wird.
Viele Filme werden sogar direkt vom Pentagon mitfinanziert. ‘Pearl Harbour’ etwa, ein erstklassiges Beispiel für Propaganda und Geschichtsfälschung.
 Oder ‘America Sniper’. Clint Eastwood, der eigentlich ein begnadeter Regisseur ist, hat offensichtlichen in einem Anfall von Altersschwachsinn, einen heroisierenden Film über einen Massenmörder gemacht, der im Irak mit seiner hochmodernen Präzisionswaffe aus sicherer Entfernung, über Kilometer hinweg, wahllos, ahnungslose Menschen abgeknallt hat. Der Film ist natürlich mit mehreren Oskars ausgezeichnet worden.
Chris Kile, so hiess der junge, gutaussehende Killer, ist dann zusammen mit einem Kameraden von einem dritten Kriegs-traumatisiertem Veteranen auf seinem eigenen Schiessstand erschossen worden.
In Texas wurde daraufhin ein Denkmal für ihn errichtet und der Governor von Texas hat zu seiner Ehre einen “Chris Kyle Day” ausgerufen.


Sie sind ja wohl nicht vom österreichischen Bundesheer finanziert.

Helnwein: Kaum. Ich glaube, ich bin eher ein Störfaktor, der nervt. Aber Kunst darf ja auch irritieren, und den Finger auf die Wunde legen.

 
Aber weil Sie sich auch gerne auf Goya berufen – der hat eben die Gräuel dargestellt, nicht die Coolness, oder die vermeintliche.

Helnwein: Coolness ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.
Goya lebte in einer ganz anderen Zeit. Er wird Zeuge der Grausamkeiten des Aufstandes seiner Landsleute gegen die Napoleonischen Besatzungstruppen und er macht etwas, das es in der Geschichte der Kunst bis dahin nicht gegeben hat: er beschreibt in 82 Radierungen den Krieg nicht als heroischen Akt, und er ergreift keine Partei,  er stellt ihn dar als das was er ist: die Bestie Mensch auf ihrer niedersten Stufe.
Mehr als hundert Jahre später reagiert Picasso mit einem monumentalen Gemälde auf den Massenmord deutscher Nazis an der Bevölkerung der kleinen spanischen Stadt Guernica. Ein Ereignis, an das sich heute niemand mehr erinnern würde, da es vor dem Hintergrund der Schrecken des 2ten Weltkrieges als viel zu unbedeutend erschiene. Aber Picasso hat dieses Ereignis durch sein Werk für immer in das kollektive Bewusstsein der Menschheit eingebrannt. Natürlich hat er das mit den ästhetischen Mitteln seiner Zeit gemacht.
Ich befinde mich jetzt im 21. Jahrhundert, im digitalen Zeitalter der Massenvervielfältigung in der wir einer endlosen Flut synthetischer Bilder und virtueller Realitäten ausgesetzt sind.
Ich mag künstlerisch anders herangehen, aber es ist das gleiche Grundanliegen, das mich mit Goya oder Picasso verbindet – die Menschen zu zwingen, zu sehen.


‘I saw this’ ist ein Zitat aus Goyas ‘Gräuel des Krieges’. Ein Titel.

Für mich war das der Schlüsselsatz aus diesem Zyklus, und vielleicht zur Rolle des Künstlers überhaupt.
Die menschlichen Verdrängungsmechanismen sind wahrscheinlich eine notwendige Einrichtung der Natur, weil die Menschen sonst zerbrechen würden, wenn sie all das bewusst wahrnehmen müssten, was sie tagtäglich anrichten. Aber es gibt Momente in denen der Künstler die Verpflichtung hat, Zeuge zu sein. Stellvertretend für die Menschheit zu sehen. Goya ergreift nicht Partei, er moralisiert nicht, er erkennt das gesamte Ausmass dieses Wahnsinns und hält jedes Detail davon fest, um die Menschheit zu zwingen, sich zu erinnern.
Inmitten dieses Malstroms des Vergessens beharrt er starrköpfig darauf: ‘I Saw This’  


Die Irritation bei dieser Zeugenschaft ist das weißgeschminkte, maskenhafte Gesicht des Mädchens.

Helnwein: Schon in meinen ersten Bildern habe ich die Gesichter und Hände meiner Kinder bandagiert. Es  ist schwer, etwas wahrzunehmen oder sich mitzuteilen, wenn das Gesicht und die Hände bandagiert sind.  Und die weisse Farbe im Gesicht nimmt das Leben heraus und gibt den Gesichtern etwas Maskenhaftes, Eingefrorenes.


In diesen Dystopien wurden die Negativseiten betont, aber wir sehen auch die positiven Seiten der technischen Entwicklung in Forschung, Medizin. Bis jetzt werden sie auch positiv verwendet.


Helnwein: Es ist niemals alles ganz schwarz oder ganz weiß.
Aber leider sind die Schreckensvisionen von Orwell, Huxley, Pasolini und anderen nicht nur eingetroffen, sondern inzwischen bei weitem überholt worden.  Das erste mal in der Geschichte der Menschheit ist es technisch möglich, jeden einzelnen Menschen vollkommen zu überwachen und jedes Leben auf diesem Planeten auszulöschen.
Und wie wir wissen, gibt es immer wieder Männer, die größenwahnsinnig werden und um jeden Preis die Welt beherrschen wollen. Es gab nicht nur einen Holocaust, die Geschichte ist eine Folge von Holocausts.
Europäische Einwanderer haben in Amerika 20 Millionen Ureinwohner abgeschlachtet. In Indien hat das British Empire fast 30 Millionen  Menschen verhungern lassen. Der belgische König Leopold II hat sich den Kongo als Privateigentum unter den Nagel gerissen, die gesamte Bevölkerung versklavt und um sie zu immer höheren Leistungen in seinen Plantagen und Minen anzutreiben, hat er den Frauen und Kindern Hände und Füße abhacken lassen. Ungeachtet dessen stehen die Statuen dieses Monsters in Belgien immer noch überall herum.
Die technischen Errungenschaften und der grössere Wohlstand sind eine Realität. In erster Linie jedoch für die sogenannte Erste Welt und insbesondere für das eine Prozent der Weltbevölkerung, das mehr besitzt als der gesamte Rest.Die Kluft zwischen Arm und Reich war noch nie so groß.
 

Aber der allgemeine Wohlstand war noch nie so hoch.

Helnwein: Aber um welchen Preis. Zum Teil ist unser Wohlstand nur möglich, weil der Rest der Welt gnadenlos geplündert wird. Der amerikanische Überfall auf den Irak war ein eindeutiges Kriegsverbrechen, das durch kein Gesetz der Welt gerechtfertigt ist. Die Kosten für dieses Massaker werden auf 3-4 Billionen geschätzt. Die damalige US-Aussenministerin Madeleine Albright wurde in ’60 minutes” gefragt, ob die 500 000 Kinder, die bei diesem Angriff getötet wurden, den Preis wert waren, und sie antwortete:’Wir sind der Meinung, sie sind den Preis wert’.


Die Sachertortenschachtel, die Sie gerade entworfen haben, steht allerdings auch für Konsum, für Profit, Marketing, Image etc.

Die Gleichzeitigkeit ist Zufall. Es handelt sich hier um eine Künstler-Edition, deren gesamter Erlös schwerkranken und behinderten Kindern zugute kommt. Sie sind die einzigen, die in diesem Fall davon profitieren. Das Projekt ist übrigens nicht neu. Rainer, Nitsch und Wurm haben sich in der Vergangenheit ebenfalls an dieser Aktion beteiligt.

 
Aber auch die Wiener Städtische, die Sie verhüllen, steht für das kapitalistische System, das Sie anprangern.

Ich prangere weder den Kapitalismus noch irgendein anderes System an, sondern den Missbrauch davon. Die Unmenschlichkeit. Die Masslosigkeit. Die Gier. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen.
Die gesamte bildende Kunst war immer nur möglich, weil es Reiche gab. Es gäbe weder die Sixtinische Kapelle noch die Nachtwache, hätten nicht Päpste, Könige und Banker diese Werke durch ihre Finanzierung erst möglich gemacht. Michelangelo hat auch nicht gefragt, wie Papst Julius sein Geld zusammengeklaut hat.
Der Künstler wäre eindeutig überfordert, wenn er jedesmal eine Untersuchung einleiten müsste, um festzustellen ob das Vermögen seines Auftraggebers ethisch erworben wurde. Das wäre das Ende von allem.
 

Aber man hat sofort den Verdacht des Korrupten.

Es gibt natürlich eine rote Linie, die man niemals überschreiten darf. Leni Riefenstahls “Triumph des Willens’ ist ein gutes Beispiel für so einen Sündenfall in der Kunst. Aber das heißt nicht, dass jede Kunst, die bezahlt wird, automatisch korrupt ist. Goya hat seine Radierungsserie ‘Die Gräuel des Krieges’ dem spanischen König verkauft und er hat Aufträge von allen Seiten angenommen. Er hat als Hofmaler sowohl die Königsfamilie gemalt, aber auch  Joseph Bonaparte, den Bruder Napoleons, der mit seinen Truppen Spanien besetzte.
Vielleicht ist es bei vielen Reichen, die Kunst sammeln oder Stiftungen hinterlassen – auch eine Form der Wiedergutmachung an der Gesellschaft, die sie vorher ausgebeutet haben. Das Bedürfnis, etwas davon zurückzugeben.


Aber man kommt aus dem System doch nicht heraus. Auch Sie profitieren ja davon am Ende.

Lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Sie arbeiten für die ,Presse’, die zu 98,33% dem  ‘Katholischen Medien Verein’ gehört, wenn ich richtig unterrichtet bin.  Sie werden für Ihre Arbeit bezahlt, profitieren also davon. Können Sie als Journalistin dennoch objektiv und integer sein?
Ich habe jedenfalls niemals eine einzige Aktie besessen,  niemals etwas geerbt oder geschenkt bekommen und niemals eine Subvention erhalten. Ich bin niemandem verpflichtet. Alles, was ich habe, ist durch meine Arbeit entstanden. Und ich kenne eine Menge Linker in Amerika, die in Rüstungs- und Monsanto-Aktien investieren. Aber das scheint nichts Neues zu sein. Ich habe vor ein paar Tagen von Christoph Ransmayr erfahren, daß selbst einer der größten Menschenfreunde der europäischen Geistesgeschichte, Voltaire, sein Vermögen mit mehr als eintausend Prozent Gewinn in Aktien des Sklavenhandels angelegt hatte.



2018




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