Standard: Ob Ukraine-Krieg, Energiekriese oder Teuerung: Die Unsicherheiten sind groß. Mit welchen Gedanken blicken Sie ins Neue Jahr?
Helnwein:
Die Unsicherheit der Menschen kann ich gut nachvollziehen, der Ukraine Konflikt hat uns an den Rand eines Atomkrieges gebracht. Es scheint, dass sich die Menschheit schwer damit tut, aus der Geschichte zu lernen. Schon vor dem ersten Weltkrieg hat Bertha von Suttner vor der kommenden Katastrophe gewarnt und geschrieben: ”Keinem vernünftigen Menschen würde es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden”. Ihre Warnung war natürlich vergeblich. Die Macht der Propaganda ist immer stärker und überzeugender für die Menschen.
Wie viele Künstler, habe ich ein notorisches Misstrauen gegen offizielle Narrative und die Gläubigkeit der Massen. Ich frage mich immer: was passiert wirklich?
Standard: Was meinen Sie damit?
Helnwein: Ich bin davon überzeugt, dass die offiziellen Narrative nie der Wirklichkeit entsprechen.
Egon Bahr hat einmal gesagt, egal was man ihnen erzählt, in der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte, sondern nur um die Interessen von Staaten.
Oder um Henry Kissinger zu zitieren: Amerika hat weder Freunde, noch Feinde, nur Interessen.
Damit sind wir schon näher an der Wahrheit.
Standard: Sie argumentieren ähnlich wie Alice Schwarzer und Peter Weibel, die mit einem Offenen Brief gegen die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine eingetreten sind. Jetzt Monate später, zeigt sich, wie wichtig die Waffen für die Ukraine sind. Der Ausgang des Krieges ist komplett offen.
Helnwein: Wie nach jedem kriegerischen Konflikt, werden sich die Kriegsparteien schliesslich doch irgendwann auf irgendeinen Friedensvertrag, einen Kompromiss einigen müssen.
Die Verlierer dieses Krieges werden, wie immer die Menschen, die Frauen und Kinder sein, und die Gewinner, wie immer, die Waffenindustrie und die Banken. Je länger der Konflikt dauert, desto mehr Opfer wird es geben. Alle beteiligten politischen Kräfte arbeiten derzeit nur an einer weiteren Eskalation, ich sehe keinen einzigen Politiker, der sich ernsthaft um eine De-Eskalierung bemüht.
War es wirklich fair, dass Alice Schwarzer und hunderte Künstler und Intellektuelle, die sich in ihrem Appell für Friedensverhandlungen eingesetzt haben, mit einem derartigen shit-storm überzogen wurden?
Standard: Fragen zu stellen ist eine Aufgabe von Kunst. Im Mittelpunkt ihrer Kunst steht das Thema Gewalt, vor allem gegen Kinder. Wie erfolgreich waren sie in Ihrer Karriere im Entwerfen von Gegennarrativen?
Helnwein:
Ich bin kurz nach dem Krieg geboren und durch die Nachkriegszeit geprägt. Die ersten Informationen über den Holocaust und besonders der Prozess gegen Franz Murer, dem Schlächter von Wilna, der in der Nazizeit tausende Menschen gefoltert und getötet hat, und in einem Skandalprozess freigesprochen wurde, haben mein Vertrauen in die Gesellschaft, die Autoritäten und die Werte meiner Elterngeneration erschüttert.
Ich habe damals begonnen, mich geradezu obsessiv mit dem Thema Gewalt zu beschäftigen, auch mit dem Vietnamkrieg, der damals stattfand, den Gräueltaten der Soldaten an der Zivilbevölkerung und der Verwüstung der Natur durch Agent Orange. In meinen Recherchen bin ich immer wieder auf die weitverbreitete Gewalt gegen Kinder gestossen. Irgendwann wurde mir klar, dass Kunst die einzige Möglichkeit war, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
Kunst hat keine unmittelbare Macht, aber sie kann den Menschen eine andere Sicht auf die Dinge vermitteln und zu einer neuen Art des Denkens verleiten.
Ich denke dabei immer wieder an Goyas Zyklus ‘Die Greuel des Krieges’ (Los desastres de la Guerra), in dem er in 80 Radierungen den Aufstand der Spanier gegen die Französische Besatzungstruppen thematisiert. In dieser Arbeit wurde das erste Mal Krieg nicht glorifizierend und als Heldentum dargestellt, Goya hat nicht partei für irgendeine Seite genommen, sondern gezeigt, was Krieg wirklich ist: der Augenblick in dem der Mensch auf die niedrigste Stufe seiner Existenz sinkt und zur Bestie wird.
Der Amerikanische Performance Künstler George Carlin hat die Sinnlosigkeit des Krieges
so formuliert: “Killing for Peace is like Fucking for Virginity.”
Standard: Die gesellschaftlichen Maßstäbe an Kunst sind heute andere als vor Jahrzehnten. Was damals erregte, interessiert heute kaum mehr. Oder umgekehrt. Wie erleben Sie das in Ihren künstlerischen Arbeiten?
Helnwein: Die Menschen haben eigentlich immer sehr emotional auf meine Arbeiten reagiert.
Bei meiner letzten Albertina Ausstellung hat Direktor Schröder gesagt, dass er das erste Mal gesehen hat, dass Besucher vor Bildern geweint haben.
Die Reaktion der Menschen auf meine Arbeiten haben sich eigentlich nicht wesentlich verändert, aber die Richtlinien der Autoritäten und Institutionen schon. PC und Cancel Culture haben unsere Freiheit enorm eingeschränkt. In den 60er und 70er Jahren hatten wir das Gefühl, wir hätten uns endgültig die totale künstlerische Freiheit erobert, es gäbe keine Tabus mehr und wir waren überzeugt, dass diese Zustand irreversibel sei.
Die letzten Jahre haben aber gezeigt, dass das nur ein kurzer Traum war, denn diese neue political correctness schränkt uns immer mehr ein und nimmt uns langsam die Luft zum Atmen.
Sie ist ein äusserst raffiniertes System der Kontrolle und Zensur, gegen das man sich nicht so leicht wehren kann, da es im Mantel des Gutmenschentums daherkommt.
Standard: Ist es nicht wichtig, dass Minderheiten geschützt oder Hassreden aufgezeigt werden?
Helnwein: Natürlich, aber diese Rechtfertigung wird leider massiv ausgeweitet und missbraucht, um alle, die sich nicht konform verhalten, zum Schweigen zu bringen und aus dem sozialen Netz auszuschliessen.
Wir erleben das ja ganz aktuell bei den sozialen Medien: Elon Musk, ist gerade dabei, das ganze Ausmass an Manipulation und Zensur bei Twitter aufzudecken. Er sagte: “Alle Verschwörungstheorien bezüglich Twitter haben sich als wahr herausgestellt’”
Es ist nun bewiesen, dass CIA, FBI und andere staatliche Stellen direkt kontrolliert haben, wer was sagen durfte, und Millionen Menschen, Wissenschaftler, Künstler und Journalisten mundtot gemacht wurden.
Standard: Sie ecken immer wieder an, sind selbst, mit Verlaub, ein alter, weißer, heterosexueller Mann. Ist es nicht ein Beweis für eine offene Diskussionskultur, dass Sie ihre Meinung äußern können?
Helnwein: Dafür muss ich jetzt auch schon dankbar sein? In den sozialen Medien wurden übrigens auch meine Bilder immer wieder zensiert, und das, obwohl sie in der Vergangenheit in Ausstellungen und Büchern schon oft gezeigt wurden.
Standard: Museen sind per se Institutionen, die die Kunst kontrollieren. Auch vor ihrer großen Retrospektive im Herbst in der Wiener Albertina gehen sie wieder raus in den öffentlichen Raum, so wie jetzt mit ihrem Plakat am Wiener Stephansdom. Ist das der Versuch, sich der Kontrolle des Kunstsystems zu entziehen?
Helnwein: Ich habe immer auch nach Medien ausserhalb der üblichen Institutionen gesucht, um Menschen mit meinen Arbeiten zu konfrontieren. Mich hat die spontane Reaktion der Menschen immer sehr interessiert.
Standard: Sie planen vor ihrer Albertina-Retrospektive eine Installation am Ringturm, so wie bereits 2018. Was werden Sie affichieren?
Helnwein: Selbst wenn ich es wüsste, wurde ich es Ihnen nicht sagen. Lassen Sie sich überraschen.