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Helnwein-ueber-die-US-Wahl
November 13, 2024
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NEWS
Helnwein über die US Wahl
Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky
Interview
Der österreichische Weltkünstler mit Wohnsitz USA kommentiert die Ereignisse "Besser ein trashiger Clown, der Frieden will, als ein eleganter Massenmörder." Besondere Wertschätzung bringt er dem durchaus gewöhnungsbedürftigen Gigantenspross Kennedy jr. entgegen. Ein kantiges, ungewöhnliches interview, wie man es vom nie alternden Rebellen Gottfried Helnwein erwartet.




Herr Helnwein, im Interview, das wir vor einem Jahr führten, sagen Sie, wenn Biden im Amt bliebe, wäre das schlimmer als die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus. Wie sehen Sie Trumps Sieg über Kamala Harris?
 
Trumps Sieg signalisiert einen interessanten, historischen Augenblick. Er zeigt, dass diese Illusion vom guten alten Links-Recht-Schema, an dem man so lange verzweifelt festgehalten hat, in den USA jetzt endgültig zusammengebrochen ist. Wir leben heute in einer völlig anderen Zeit.

Es ist naiv anzunehmen, dass die Demokratische Partei irgendetwas mit der traditionellen Linken Europas zu tun hat. Die Elite der Demokraten besteht vor allem aus Superkapitalisten, Milliardären und Monopolisten wie George Soros, Bill Gates, Warren Buffet, Zuckerberg und anderen, die sich alle selbst zu Ehrenlinken erklärt haben.
Nun sind auch der Faschist und Kriegstreiber Dick Cheney und 200 Neocons, inklusive Mit Romney zu Kamala übergelaufen, ausserdem 700 hochrangige National Security Officials, CIA, NSA Agenten, 233 hohe Offiziere und andere Pentagon Officials, die sich auf ihre Seite geschlagen haben.

Andererseits sind hochrangige Liberals, wie Robert Kennedy Jr, Tulsi Gabbard, die linke Feministin Naomi Wolf, Elon Musk, Joe Rogan und andere in das Trump Lager gewechselt.
Und zum ersten Mal haben die traditionell linken Zeitungen „Los Angeles Times“ und die „Washington Post“, keine Wahlempfehlungen für die demokratische Kandidatin ausgesprochen. In beiden Fällen war dies die Entscheidungen der Eigentümer der Zeitungen, die, wie könnte es auch anders sein, ebenfalls Milliardäre sind, einer der beiden ist sogar einer der  reichsten Männern der Welt.
Soviel zu dieser Partei der Arbeiterklasse.
Hinzu kommt noch, dass der tatsächlich linke Flügel, der vor allem aus Studenten besteht, im ganzen Land mit Protesten für die Palestinenser in Gaza auf Konfrontationskurs mit der offiziellen Parteilinie der Demokraten gegangen sind.

 
Was bedeutet dieses Wahlergebnis für die USA?

Ich zitiere einen der wenigen authentischen Sozialisten des Landes - Bernie Sanders, der es auf den Punkt bringt, wenn er sagt, wir sollten uns nicht wundern, dass die Wahl so ausgegangen ist:
“Die Amerikaner sind zornig und wollen eine Veränderung, und das ist auch richtig so, denn die Demokraten haben die Arbeiterklasse schon lange im Stich gelassen, und jetzt hat die Arbeiterklasse die Demokratische Partei verlassen. Zuerst waren es die weißen Arbeiter und nun sind es auch die Latinos und die Schwarzen”.

Wir sollten uns der Realität stellen: Die USA sind das mächtigste Imperium und die grösste Kriegsmaschine, die es je gegeben hat. Friedensnobelpreisträger Obama hat einmal stolz verkündet, dass Amerika mehr für die Rüstung ausgibt, als die nächsten zehn Nationen zusammen. Unter seiner Präsidentschaft sind auch mehr Bomben auf mehr Länder abgeworfen worden, als unter Busch und Cheney.
Amerika hat im letzten Jahr fast 900 Milliarden in den Military-Industrial Complex gepumpt.
Wie lässig mit diesen gigantischen Summen umgegangen wird, kann man ermessen, wenn wir uns an Donald Rumsfeld erinnern, der am 10. September 2001, eine Tag vor dem Terroranschlag auf das World Trade Center, öffentlich erklärt hat, dass dem Pentagon 2,3 Billionen (nicht Milliarden) abhanden gekommen seien, von denen man nicht wisse, wo sie geblieben sind.

Im Gegensatz dazu hat die Regierung absolut nichts für Bildung, Kultur, soziale Einrichtungen und das Gesundheitswesen getan.


Auch unter Präsident Biden?

In den letzten 16 Jahren ist es mit Amerika steil nach unten gegangen, ein grosser Teil der Bevölkerung lebt heute in Armut, oft unter dem Niveau der dritten Welt, Viele sind obdachlos und schwer drogensüchtig, in vielen Städten, wie San Francisco, herrschen teilweise chaotische Zustände, die Kriminalitätsrate ist ausser Kontrolle, und alle paar Tage tauchen Mass Shooters auf, die wahllos irgendwelche Menschen abknallen.
Da die Demokraten in 12 dieser 16 Jahre das Weisse Haus fest in ihrer Hand hatten, können sie die Schuld für diese Zustände wirklich nicht auf jemand anderen schieben.

Ich meine, das System funktioniert ja tatsächlich gut - für die kleine Elite der Superreichen, deren Reichtum sich ständig vervielfacht, aber für die grosse Mehrheit der arbeitenden Menschen ist das Leben ein Alptraum geworden. Sie sind die Verlierer in diesem Real Life Monopoly. Und diese Verlierer sind nun zu Trump übergelaufen.

 
Trump ist doch auch kein Armer.

Aber er ist ein ein Aussenseiter, und dass er, seitdem er in die Politik eingestiegen ist, ununterbrochen von allen Medien attackiert und verhöhnt wird, hat ihm eigentlich mehr geholfen als geschadet, denn für die Menschen, die jedes Vertrauen in die politische Nomenklatura und in die Corporate Media verloren haben, erscheint er als Rebell der nicht Teil  dieses Systems ist und auf ihrer Seite steht.
Er kommt ja aus der Trash-Television Szene und so tritt er auch als Politiker auf, und so sind seine Reden: anzüglich, prahlerisch und oft gehässig, stammtischmässig eben, aber genau das macht ihn in den Augen der Menschen authentisch. Ja, er brabbelt wild vor sich hin, aber es sind seine eigenen Worte, während Biden, Harris und co nur vom Teleprompter herunterlesen, was andere geschrieben haben.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: fast alle meine Freunde sind Liberals, ich bin weder für Trump und die Republikaner noch für die Demokraten, ich halte eine gesunde Distanz zu allen Ideologien und Systemen. Ich versuche einen objektiven Blick auf die Dinge zu haben, denn ich bin notorisch neugierig - ich will einfach wissen, was wirklich los ist. Ich suche mir so viele Informationsquellen, Fakten und Daten zusammen wie möglich, und ich analysiere selbst, und ziehe meine eigenen Schlüsse, und wenn das mit dem offiziellen Narrativ kollidiert, dann ist es halt so.
Ich brauche keine influenzier, Oberlehrer und Aufpasser, die mir die Welt erklären und bestimmen, was ich denken und sagen darf und was nicht.


Sehe ich das richtig, dass Trump keinen Krieg begonnen hat?

Was immer man von ihm oder seiner Frisur hält, er war tatsächlich seit langem der erste Amerikanische Präsident, der keinen neuen Krieg angefangen hat. Ich weiss nicht warum, aber es scheint, dass er tatsächlich keine Kriege will und er hat ja immer wieder angekündigt, dass er als Präsident die Konflikte in der Ukraine und Israel sofort beenden und Friedensverhandlungen einleiten wird.
Er ist ein gigantischer Narzisst und natürlich will er der Welt zeigen, dass er der beste und der einzige ist, der dazu im Stande ist. Wie realistisch das ist, wird sich zeigen.

 
Wäre eine Präsidentin Harris bereit, einen Krieg zu führen?

Alle, ich denke, auch die meisten in ihrer eigenen Partei wissen, dass sie nur eine Marionette des Military industrial Complex ist, der ihr auch sofort 1 Milliarde für den Wahlkampf zur Verfügung gestellt hat.
Robert Kennedy jr., Elon Musk und all die anderen Liberals, die sich in letzter Minute auf Trumps Seite geschlagen haben, haben sich in der Vergangenheit äusserst kritisch über Trump geäussert, sein jetziger Vize hasste ihn sogar und sagte einmal:”mein Gott, was für ein Idiot!”
Laut deren Aussagen war der Grund für ihre 180 Grad Wendung, die offensichtliche Inkompetenz von Kamala Harris, ihre Abhängigkeir vom Miltarary Industrial Complex und die damit verbundene Gefahr eines dritten Weltkrieges und sie sahen in Trump, trotz aller Schwächen, die einzige, letzte Chance die Katastrophe noch abzuwenden. Ich zitiere nur.
Bei vielen scheint die Message angekommen zu sein, dass es sich bei dieser Wahl um eine schicksalhafte Entscheidung zwischen Krieg und Frieden handle.


Bleibt es bei der Message, oder sind Trumps Friedensbestrebungen ernst zunehmen?

Ich nehme ihm das schon ab, denn natürlich will er der Welt beweisen, dass er der beste ist und der einzige, der diese diese Kriege beenden kann. Er hat ja gezeigt, dass er keinerlei Scheu hat, bei Kim, Putin, Netanyahu oder dem Saudi Prince mit der Tür ins Haus zu fallen und drauflos zu verhandeln.
Selbst wenn seine Motive noch so fragwürdig wären, und seine Herangehensweise noch so plump und peinlich, mir ist ein trashiger, polternder Clown, der unbedingt  Frieden schaffen will, lieber als  ein eleganter, eloquenter Massenmörder mit guten Manieren.
Ausserdem hat Trump anders als in seiner ersten Amtszeit, diesmal ein Team von hochkarätigen Beratern um sich, die weder aus der republikanischen Partei, noch aus dem Military Industrial Complex stammen.

 
Die „New York Times“ nannte das Wahlergebnis eine „gefährliche Entscheidung der Amerikaner“.

Ich würde das nicht allzu ernst nehmen. Die New York Times hat noch kurz vor der Wahl behauptet, dass Kamala knapp vor Trump liegt und sie hat, wie fast alle Corporate Media, einen Sieg von Harris vorausgesagt. Der Ausgang der Wahl ist nicht nur ein Debakel für Harris und die Demokraten, sondern auch für die Meinungsforscher, Experten und Medien, und für all die Schlagersänger und Hollywood Stars, die mit Kamala auf der Bühne tanzten.

 
Haben Trumps Wähler denn gar keine Bedenken, dass er eine Diktatur in USA ausrufen könnte, wie er selbst behauptet hat?

Ich weiss gar nicht, wie das gehen soll. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat ja gar nicht die Möglichkeit dazu, weder hat er die Macht noch ist das in diesem System technisch möglich, ausserdem war er ja schon einmal für 4 Jahre im Amt, und soweit ich mich erinnern kann hat er damals keine Diktatur errichtet, warum sollte er es also jetzt versuchen?
Wenn er das wirklich vorhätte, würde er sich nicht die ganzen Liberals wie Elon Musk und Kennedy ins Team holen.

 
Den Impfgegner?

Robert Kennedy Jr. ist einer der intelligentesten und integersten Personen in der amerikanischen Politik, obwohl er gar kein Politiker sein will. Ich verfolge seine Arbeit seit vielen Jahren.
Er setzt sich unermüdlich für eine bessere Umwelt und gesündere Lebensbedingungen ein, und kämpfte in unzähligen Prozessen gegen die kriminellen Machenschaften der Konzerne, die in ihrer unersättlichen Gier alles Leben in Amerika systematisch vergiften, vor allem die Chemische und die Nahrungsmittel Industrie und Big Pharma, die ständig Produkte auf den Markt bringen, von denen sie genau wissen, dass sie süchtig machen und schwere Gesundheitsschäden verursachen.
Durch die Opioid Medikamente der Firma Purdue Pharma z.B. sind mehr als 500 000 Menschen gestorben. Die Inhaber des  Konzerns, die Sackler Family schloss einen gerichtlichen Vergleich ab, der ihnen durch die Zahlung von 6 Milliarden, Immunität von weiterer Strafverfolgung zusicherte. Der Gewinn aus dem Verkauf ihrer tödlichen Drogen betrug 35 Milliarden.
Gegen derartige Praktiken kämpft Kennedy.
Er hat zuerst Kamala seine Mitarbeit angeboten die darauf nicht einmal geantwortet hat, erst dann hat er Trump kontaktiert, der ihm  zugehört und dann spontan angeboten hat, das gesamte Gesundheitssystem, Umweltschutz, und die Standards für Pharma und Nahrungsmittel Produkte zu reformieren.
Dass Kennedy daraufhin Dr. Joseph Ladapo, den schwarzen Gesundheitsminister Floridas für das Amt des Gesundheitsministers vorgeschlagen hat, beweist, dass es ihm nicht um seine eigene Karriere, sondern um die Sache geht.
Bei den Konzernen herrscht derzeit Panikstimmung und Kennedy und Trump sollten das tun was Elon Musk auf X verkündet hat: “I guess I will beef up my security detail.”

 
Wie würden Sie Trump porträtieren?

Das wäre vielleicht gar nicht uninteressant, aber ich bin mir nicht sicher, ob ihm das Ergebnis gefallen würde.
 
 








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