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Gottfried-Helnwein-Der-Hingucker
June 26, 2018
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Der Spiegel
Gottfried Helnwein - Der Hingucker
Hasnain Kazim
Ein Mädchen mit Maschinenpistole im Anschlag, gerichtet auf den Betrachter - ein riesiges Kunstwerk sorgt in Wien für Aufmerksamkeit. Der Maler ist der weltberühmte umstrittene Künstler Gottfried Helnwein. Eine Begegnung.




In diesen Tagen kann es sein, dass man beim Spaziergang am Wiener Donaukanal erschrickt, weil man in die Mündung einer Maschinenpistole blickt. Überdimensional groß, auf 4000 Quadratmeter Fläche, ist da ein junges blondes Mädchen abgebildet, das den Lauf auf ein Ziel richtet - möglicherweise auf den Betrachter, so jedenfalls der Eindruck, wenn man an einer bestimmten Stelle steht. Es ist ein Kunstwerk, mit dem der Maler, Fotograf und Konzeptkünstler Gottfried Helnwein  ein Hochhausgebäude an der Wiener Ringstraße eingehüllt hat. Auf der Rückseite sind Flammen zu sehen und eine Comicfigur. Es ist eine Explosion, eine brennende Stadt, eine Bombe vielleicht, eine Kriegsszene.
Nein, sagt Helnwein, es gehe ihm nicht darum zu provozieren. Vielmehr fühle er sich vom Zustand der Welt provoziert, was zur Folge habe, dass er aus diesem Zustand des Empörtseins heraus Bilder male. "Ich male aus einer Notwendigkeit, aus einem Bedürfnis heraus, geradezu manisch", sagt er. "Kunst ist für mich eine Möglichkeit, mich zu wehren, zurückzuschlagen." Helnwein ist einer der berühmtesten und wichtigsten zeitgenössischen österreichischen Künstler, mit Ausstellungen in Europa, USA, Japan und Russland. Er lebt in Los Angeles und in Irland, regelmäßig zieht es ihn aber nach Wien, wo er 1948 geboren wurde und als Sohn eines Postbeamten in einer konservativ-christlichen Familie inmitten eines "roten Arbeiterviertels" aufwuchs, wie er es nennt.

"Ja, dieses Bild ist ein Appell gegen Gewalt, Terror und Angst", sagt er. Ursprünglich als Ölgemälde angelegt, wurde es vergrößert und auf Netzbahnen gedruckt. Jetzt ziert es die Fassade des Ringturms, dem Bürogebäude des Wiener Städtischen Versicherungsvereins. Seit 2006 wird das Gebäude jedes Jahr von einem anderen Künstler verhüllt, das Werk Helnweins sorgt für besonders große Aufmerksamkeit.

Helnwein kommt zum Gespräch in ein Café direkt gegenüber dem Hochhaus. "Es gibt Momente, in denen der Künstler die Verpflichtung hat, Zeuge zu sein. Stellvertretend für die Menschheit zu sehen. Dort hinzuschauen, wo niemand mehr hinschauen will", sagt er. Er male nicht in erster Linie aus ästhetischen Gründen. "Ich habe irgendwann einmal erkannt, dass Kunst für mich die einzige Möglichkeit ist, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen."

Helnweins Arbeit ist Kunst gewordener Protest
Das Kunstwerk mit dem Mädchen, das die Waffe im Anschlag hält, ist mit dem Titel "I Saw This", "Ich sah das", überschrieben. Helnwein sagt, er sei inspiriert worden vom spanischen Künstler Francisco de Goya. "Mit seinem Radierungszyklus machte Goya etwas, das es bis dahin noch nie gegeben hatte: die Darstellung des Krieges nicht als Glorifizierung der Sieger, nicht als Heldenverehrung, er ergreift nicht Partei, er zeigt nur den Wahnsinn, die Sinnlosigkeit des Schlachtens, die Schmerzen, die Wut - und den Tod. In seiner Darstellung gibt es nur Verlierer." In den Jahren 1810 bis 1814 entstanden 82 Grafiken, die die Gräueltaten der Soldaten Napoleons im Krieg gegen die spanische Bevölkerung zeigen. "Eine Zeichnung ist auf Spanisch überschrieben, was übersetzt 'I Saw This' heißt."
Helnweins Arbeit ist Kunst gewordener Protest. Sie soll kommunizieren, Debatten anstoßen und sorgt regelmäßig für Aufsehen, auch für Protest. So mancher habe ihn schon für "geisteskrank" und "schwer gestört" gehalten, weil er zum Beispiel misshandelte und verwundete Kinder fotorealistisch malte. Weil seine Kunst politisch ist und etwas bewirken soll, war es nur folgerichtig, dass er auch Cover für Zeitschriften malte, in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter anderem für das "Time"-Magazin, "Rolling Stones" und den SPIEGEL. "Vom SPIEGEL wurden die meisten Vorschläge abgelehnt, die waren denen zu arg", sagt er und lacht.
Immer wieder wurden seine Kunstwerke von Randalierern beschädigt oder auch von der Polizei beschlagnahmt. Die oft grausamen, bisweilen blutigen Darstellungen sowie der Wirbel, den seine Arbeiten verursachten, brachten ihm das Etikett "Skandalkünstler" ein, obwohl er es, wie er selbst sagt, gar nicht auf einen Skandal anlegt. Zu diesem Ruf passt auch, dass er, der "Ur-Hippie", wie er sich bezeichnet, stets in Schwarz gekleidet ist, eine getönte Brille trägt und ein dunkles Bandana um den Kopf. Dass er zum Beispiel mit dem amerikanischen Horror-Rocker Marilyn Manson befreundet ist. Und dass er Hitler malte, Comicfiguren und sich dazu bekannte, mehr von Walt Disney gelernt zu haben als von Leonardo da Vinci.
Für Wirbel sorgte 1979 sein Bild "Lebensunwertes Leben", das ein Kind zeigt, tot über einem Teller mit Essen zusammengebrochen. "Ich las damals ein Interview mit dem Gerichtsmediziner Heinrich Gross, ein Star der hiesigen Sozialdemokratie, in dem er zugab, während der Nazizeit 800 Kinder umgebracht zu haben. Das seien halt andere Zeiten gewesen. Man habe ihnen Gift ins Essen gemischt, sie hätten daher gar nichts gemerkt." Helnwein war schockiert. "Aber ebenso schockierte mich, dass ein Sturm der Entrüstung ausblieb. Da war nichts! Jemand gibt zu, Hunderte Kinder getötet zu haben, und was passiert? Nichts! Also malte ich das Bild als einen offenen Brief an Gross."
Es erschien im Magazin "Profil" und stieß schließlich eine Aufarbeitung dieses Kriegsverbrechens an. Aber erst mit der Waldheim-Affäre ab Mitte der Achtzigerjahre wurde das Thema Nationalsozialismus in Österreich aufgearbeitet. Helnwein sagt, er habe die österreichische Gesellschaft in der Nachkriegszeit als eine "furchtbare" erlebt, in der selbst hochrangige Nazis freigesprochen wurden und unbehelligt weiterlebten. Sie sei geprägt gewesen von zwei verlorenen Weltkriegen und dem Holocaust. "Wien war der letzte Platz, an dem ich leben wollte." Helnwein zog ins Ausland. Heute kommt er gerne in seine Geburtsstadt zurück. Sein Bild des bewaffneten Mädchens ist noch bis September in Wien zu sehen.


A man passes a 63-meter-high image from the Austrian artist Gottfried Helnwein, entitled "I saw this," in Vienna, Austria
2018, Ronald Zak / AP


"I Saw This", 4000 sqm Installation by Gottfried Helnwein, Ringturm, Vienna
digital print on vinyl, 2018




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