Selected Articles
Gottfried-Helnwein-An-der-Schwelle-zu-einem-neuen-globalen-Schlachtfest
January 31, 2024
.
Ober Österreichische Nachrichten
Gottfried Helnwein: „An der Schwelle zu einem neuen globalen Schlachtfest“
Peter Grubmüller,
Interview
Es scheint, dass die Menschheit nicht fähig ist, aus der Geschichte zu lernen, der Wahnsinn und die Vernichtungsorgie der beiden Weltkriege, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben, waren offensichtlich noch nicht genug, denn wieder stehen wir an der Schwelle zu einem neuen globalen Schlachtfest, das möglicherweise das letzte sein könnte.

Installation at the City Hall, Gmunden, Austria, European Capital of Culture 2024
2024

Gottfried Helnwein: Schmerz, Gewalt und Verletzung stehen im Mittelpunkt seiner hyperrealistischen Malerei, ab heute sind in Gmunden Arbeiten von ihm an den Fassaden des Rathauses und des Stadttheaters zu sehen.

Gottfried Helnwein verführt uns mit seiner Kunst, all das zu sehen, was wir lieber verschwinden lassen oder verdrängen würden. Die Helden seiner Gemälde-Erzählungen sind verletzte, bedrohte Kinder als Gleichnis für potenzielle Unschuld. Noch bis 11. Februar zeigt die Wiener Albertina eine große Ausstellung zu seinem 75. Geburtstag.

 

Peter Grubmüller spricht mit Gottfried Helnwein:
OÖ Nachrichten:
Gewaltsame Konflikte im Nahen Osten, Krieg in der Ukraine, Wahlen in den USA, der EU, Österreich und auf der halben Welt - für gegenwärtige Generationen war die Welt selten ein so ungewisser Ort wie aktuell. Welche Funktion kann in Krisen und Ungewissheit die Kunst - speziell auch Ihre Kunst - übernehmen?
 
Gottfried Helnwein:
Es scheint, dass  die Menschheit nicht fähig ist, aus der Geschichte zu lernen, der Wahnsinn und die Vernichtungsorgie der beiden Weltkriege, die Millionen Menschen das Leben gekostet haben, waren offensichtlich noch nicht genug, denn wieder stehen wir an der Schwelle zu einem neuen globalen Schlachtfest, das möglicherweise das letzte sein könnte.
Kunst kann natürlich nicht ins Weltgeschehen eingreifen und Kunst kann solche Katastrophen nicht verhindern, aber sie kann vielleicht die Unentrinnbarkeit des Schreckens relativieren, und den Menschen einen freieren, differenzieren Blick auf die Geschehnisse erlauben, Kunst kann Menschen inspirieren, zum Nachdenken anregen, Kunst kann Menschen Halt geben und Mut machen zu ihren eigenenTräumen,  und vielleicht kann sie damit der Absurdität der menschlichen Existenz einen gewissen Sinn verleihen.

Hat Kunst prinzipiell mit Funktion - auch mit politischer Funktion - aufgeladen zu sein?


Kunst muss gar nichts. Wie Kandinsky sagte: “In der Kunst ist alles erlaubt, solange sie aus einer inneren Notwendigkeit kommt”.
Zu allen Zeiten haben die Herrschenden die potentiell befreiende Macht der Kunst gefürchtet, und versucht Regeln aufzustellen, um sie instrumentalisieren, zu zähmen und zahnlos zu machen.
Der Künstler ist aber nur seiner eigenen inneren Notwendigkeit verpflichtet, und seine Entscheidungen müssen kompromisslos und entsprechend seiner/ihrer eigenen Realität authentisch sein.

Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung die Aufgabe der Kunst seit der Malerei an Fürstenhäusern verändert?

Grosse Kulturen waren immer das Ergebnis des Zusammenspiels der Kreativen und der Mächtigen. In der Vergangenheit waren das die Pharaonen, Imperatoren, Päpste, die Kirche und die Aristokratie, heute sind es die Kapitalisten, die Industriellen, Banker, der Kunstmarkt, Sammler und Spekulanten. In Ausnahmefällen, wie in Österreich und einigen anderen Europäischen Ländern, ist es auch der Staat und die Kommunen, die Kunst unterstützen.
Aber unabhängig davon, wer immer gerade an der Macht sein mag, jeder Künstler muss sich ständig die Freiheit seines eigenen künstlerischen Ausdrucks erkämpfen und gegen Bevormundung, Zensur und gegen jede Einmischung zur Wehr setzen.

Wie erleben ein Zeitalter der politischen Korrektheit - inwiefern beeinträchtigt oder befördert dieses Klima die Atmosphäre freier Debatten?

Diese sogenannte ‘politische Korrektheit’ ist nur der neueste Versuch, uns das so schwer erkämpfte Recht auf freie Meinungsäusserung wieder zu nehmen, Kunst zu zensieren, und Künstler zu canceln. Ganz im Sinne der guten alten Reichskulturkammer. Wieder, wie so oft in der Geschichte ist es eine kleine Gruppe selbsternannter Autoritäten, die uns diktieren wollen, was wir sagen und denken dürfen, und was nicht,    
Diesmal ist es ein besonders raffinierter Anschlag auf unsere Meinungsfreiheit, weil er im Mantel des Gutmenschentums daherkommt, und vorgibt, uns nur vor uns selbst schützen zu wollen.

Inwiefern haben Sie im Kontext Ihrer Arbeit oder in der Auseinandersetzung damit jemals eine Beschneidung der Freiheit der Kunst erlebt?

Ich habe meine Kunst immer als Dialog mit den Menschen verstanden, und mein Verhältnis zu meinem Publikum, war immer sehr intensiv und beglückend,  aber von Beginn an gab es immer auch Attacken von irgendwelchen selbsternannten Inquisitoren, die versucht haben, mich zu diskreditieren, meine Bilder zu beschädigen  und meine Ausstellungen zu verhindern.

Fühlen Sie sich von politischer Korrektheit eingeschränkt?

Die einzige Gefahr für den Künstler ist, wenn sich, durch äußeren Druck, Selbstzensur in seinem Kopf einnistet. Ich habe aber eh kein Talent zur Anpassung oder Unterwerfung, ich bin notorisch eigensinnig, und ich treffe immer meine eigenen Entscheidungen.

Stösst es Ihnen sauer auf, sofern man Sie als Schockmaler bezeichnet?


Als was  mich irgendwer bezeichnet, und was andere von mir denken, ist mir vollkommen wurscht. Nicht egal ist mir, was ich selbst über mich denke.

Welche Gefahren oder Chancen orten Sie bei Künstlicher Intelligenz - sowohl für die Gesellschaft als auch im Speziellen für die Kunst?

Der ganze Hype um diese sogenannte Artificial Intelligence in Bezug auf Kunst entspringt den überreizten Gehirnen einiger Computer Nerds, die zu viele Science Fiction Filme gesehen haben. Alle was ich bisher gesehen habe, sind Kopien von Kopien, nach dem Zufallsprinzip angeordnet. Ich finde das so langweilig, dass ich gleich in einen Tiefschlaf sinke.
Allerdings ist diese sogenannte ‘Artificial Intelligence’ ein hervorragendes Instrument, um jeden Menschen auf diesem Planeten zu überwachen, und durch bestimmte Programme und Algorithmen, die Gewohnheiten, das Denken und Handeln der Menschen zu beeinflussen.
KI ist aber nur ein Instrument, und dieses Instrument wird von jemandem programmiert und benützt, und irgendjemand sammelt und verwertet die Daten, und dieser jemand sind Menschen, mit ganz bestimmten Interessen. Da ist gar nichts künstlich dabei, es geht einfach um Macht und Kontrolle.
In diesem Sinn ist KI wahrscheinlich tatsächlich eine grosse Gefahr für die Menschheit.

Was steckt hinter der Idee, unter anderem das Rathaus und das Stadttheater in Gmunden zu verhüllen - und hatte nicht einst Christo das Verhüllungs-Monopol?

Grossformatige Bilder an und in öffentlichen Gebäuden haben eine lange Tradition. Von den Wandmalereien in Ägypten, Pompeji, der Renaissance bis in die Neuzeit. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist unsere Welt allerdings mit grossformatigen Billboards zugepflastert, die in erster Linie  Reklame- und Propaganda-Zwecken dienen, und ich denke es ist an der Zeit, dass sich Künstler diese Bildflächen wieder zurück erobern.
1988, zum 50ten Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht, errichtete ich, zwischen Museum Ludwig und dem Kölner Dom, eine monumentale, fast 100 Meter lange Bilderstrasse, um an dieses Ereignis zu erinnern. Und seitdem habe ich weltweit im öffentlichen Raum viele monumentale Bilder installiert, - zuletzt das 3000m2 grosse Gesicht eines verwundeten Mädchens auf der Fassade des wiener Ringturms.
Christos Verhüllungen folgen einem völlig anderen Konzept, sie wollen Bauwerke, deren Anblick uns vertraut sind, durch die Verpackung verfremden und in Skulpturen verwandeln.

Welche Klischees löst das Salzkammergut für Sie ein und welche Erinnerungen haben Sie an dieser Region?

Ich habe in meiner Kindheit einige Sommer am Traunsee verbracht, und sogar den Traunstein bestiegen. Das Salzkammergut, mit seinen Seen und Bergen, ist sicher einer der faszinierendsten magischen Orte Europas.
Ausserdem habe ich hier viele Freunde, unter ihnen einen der bedeutendsten lebenden Poeten: Christoph Ransmayr.

Was hat eine europäische Kulturhauptstadt nach Ihrer Einschätzung einzulösen - wofür muss sie stehen, was muss sie vermitteln?

Ich halte lokale Kulturtraditionen für sehr wichtig. Gerade in dieser Zeit der globalen Kommerzialisierung und Nivellierung durch seelenlose, industrielle Psydo-Ästhetik, sind authentische, durch Jahrhunderte entstandene kulturelle Traditionen von elementarer Bedeutung. Die Geschichten, Lieder und Bilder, die Menschen seit Generationen in ihrem kollektiven Gedächtnis und in ihrem Herzen tragen, sind Ausdruck ihrer Identität und Würde. Ich finde es wunderbar, wenn bestimmte Regionen für einen kurzen Augenblick der Welt ihre eigene und eigenständige Kultur präsentieren können.





Installation at the City Hall, Gmunden, Austria, European Capital of Culture 2024
2024


Installation at the City Hall, Gmunden, Austria, European Capital of Culture 2024
2024




back to the top