MAX: Lieber Gottfried Helnwein, Sie leben in einem Schloss mit 50 Zimmern und einem riesigen Park, davor haben Sie ähnlich feudal in der Eifel gewohnt. Ungewöhnlich für einen Linken, der am Schrecken dieser Welt leidet und die Ursachen anklagt.
Gottfried Helnwein:
Ich finde Schlösser praktisch, vor allem wenn man viele Atelierräume braucht und eine grosse Familie hat, ich kann sie daher jedem nur empfehlen.
Ich habe mir hier übrigens jeden Stein dieses Gebäudes, jeden Strauch und jeden Baum des Gartens, mit meinen eigenen Händen, ehrlich erarbeitet. Ich habe nichts geerbt, und in meinem ganzen Leben niemals auch nur einen Cent von irgendjemandem geschenkt bekommen, nie Subventionen oder Förderungen irgendwelcher Art erhalten, ich habe niemals auch nur eine einzige Aktie besessen, oder irgendeine Investition getätigt, da ich mich an dem System nicht beteilige. Ich war nie versichert und habe niemals irgendwelche Sozialleistungen in Anspruch genommen, jede Arzt- und Zahnarztrechnung meiner Familie habe ich stets aus eigener Tasche bezahlt. Für die Restaurierung dieses historischen Gebäudes habe ich keinen Cent vom Denkmalschutz angenommen. Ich habe Bilder in Millionenhöhe an Museen und Charity Auktionen verschenkt. Jeder Cent, den ich jemals erhalten habe, stammt ausschliesslich aus dem Verkauf meiner Bilder, die ich selbst hergestellt habe, und die jemand auf eigenem Wunsch hin, unbedingt erwerben wollte.
Ausserdem werde ich meinen gesamten Besitz mittels einer Stiftung der Öffentlichkeit hinterlassen, meine Kinder erben nichts.
Ich bin also niemandem etwas schuldig und muss mich bei niemandem bedanken oder rechtfertigen. Was ich damit sagen will: mein soziales Gewissen ist relativ intakt, um mich müssen Sie sich diesbezüglich keine Sorgen machen.
MAX: Im Dezember 1992 erschien das legendäre MAX-Cover mit Ihrem Donald auf dem Titel. Die Menschen erinnern sich heute noch daran. Die Figur hat das Image eines Verlierers, der sich aber nie in ein System pressen lässt. Sie haben mal gesagt, dass Sie von Donald mehr gelernt haben als in allen Schulen.
Helnwein:
Ich habe Schulen immer gehasst – da ich grundsätzlich ein Problem mit Autoritäten habe, die mir sagen wollen, was ich denken und tun soll, und was nicht. Mir fehlt einfach das Talent zur Anpassung und Unterordnung.
Als ich geboren wurde war Wien ein schrecklicher Ort, es war kurz nach dm Krieg, der Schatten des Tausendjährigen Reiches lag noch über der Stadt. Es herrschte eine eigenartige Stille, so als ob die Welt den Atem anhalten würde, ich war umgeben von grantigen Erwachsenen, die sich gerade, in einer Art kameradschaftlicher Amnesie, bemühten, das Vergangene zu vergessen.
Ich war in einer Twilight Zone gelandet, in der das Leben ablief wie ein schlechter Stummfilm in slow motion.
Doch dann, irgendwann Anfang der 50er Jahre kam der denkwürdige Tag, an dem ich mein erstes Micky Maus Heft in Händen hielt. Als ich es öffnete, und das erste Mal meinen Fuss auf Entenhausener Boden setzte, änderte sich alles: ich nahm das erste mal Farben und Räumlichkeit wahr, und ich erkannte dass ich mich in einem Universum der unbegrenzten Möglichkeiten befand, und hier war es auch, wo ich den Mann traf, der meinem Leben einen Sinn verleihen sollte - Donald Duck.
Vielen meiner Generation scheint es ähnlich ergangen zu sein, sowohl HC Artmann, als auch Peter Handke und Gunther Grass widmeten diesem Enterich Gedichte, Elfriede Jelinek schrieb ein denkwürdiges Essay über das psychologisch schwierige Verhältnis zwischen Donald und den Backenhörnchen, Roy Lichtenstein und Andy Warhol verewigten die charismatische Ente in ihren Gemälden.
Für uns Nazikinder war dieser hektische kleine Erpel ohne Hose, nur mit einem Matrosenjäckchen angetan, jedenfalls eine bessere Identifikationsfigur als die aufgeblasenen Superhelden, die sich bei unseren amerikanischen Altersgenossen so grosser Beliebtheit erfreuten.
MAX: Wie viel Mut hat er Ihnen gegeben, und warum ist er bis heute noch ein Buddy?
Helnwein:
Na ja, Entenhausen war halt der Gegenentwurf zu diesem Scherbenhaufen, den uns unsere Eltern hinterlassen hatten. Vergessen Sie nicht, dass das Establishment dieser jungen Demokratie immer noch vorwiegend aus Ex-Nazis und Kriegsverbrechern bestand, die die wichtigsten Positionen fest in ihren Händen hielten. Globke, der die Blutgesetze von Nürnberg verfasst hat, sass wie eine Spinne im Zentrum der Macht der Adenauer Regierung, Top-Nazi von Gehlen baute gerade, mit Hilfe der CIA den neuen Geheimdienst der Bundesrepublik auf, den er, in unverbrüchliger Treue, mit seinen alten Gestapo und SS Kameraden besetzte, Dr. Gross, der in seiner Klinik 800 Kinder ermordet hatte, erhielt gerade alle Orden und Verdienstkreuze, die das demokratische Österreich und die Stadt Wien zu vergeben hatten, und SS-Massenmörder Friedrich Peter wurde, als Chef der FPÖ, von Bundeskanzler Kreisky zum Koalitionspartner erwählt.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit bestand in meiner Schule nur aus dem einzigen, sinnentleerten und skurrilen Satz: ‘Österreich war das erste Opfer Adolf Hitlers.’
Als schliesslich der Sadist und Massenmörder Franz Murer, der ‘Schlächter von Wilna’, der eigenhändig Kinder und Frauen gefoltert, in ihrer Todesangst verhöhnt und eiskalt abgeschlachtet hat, in einem Skandalprozess freigesprochen, und daraufhin im Triumphzug durch Graz getragen wurde, war mein Vertrauen in die Werte und Traditionen dieser Gesellschaft endgültig erschöpft.
Ich zog es vor in einer Welt zu leben, wo selbst die übelsten Schurken, wie die Panzerknacker-Bande, bei weitem menschlicher und liebenswerter waren.
MAX: Als junger Mensch sind Sie in den Siebzigerjahren bekannt geworden mit der Ästhetik des Schreckens und den anklagenden, blutigen Kinderbildern, die von einer empörten Gesellschaft skandalisiert und abgelehnt wurden. Von Anerkennung waren Sie weit entfernt.
Helnwein:
Anerkennung war mir damals nicht wichtig. Ich hatte keine Vorbilder in der Kunst und ursprünglich auch keinen Plan, meine Arbeitsweise war autistisch, ich malte diese kleinen Aquarelle einfach für mich. Bald kamen aber immer mehr Leute zu mir, die meine Bilder kaufen oder ausstellen, oder nur mit mir darüber diskutieren wollten und ich war erstaunt wie emotional manche auf meine Arbeiten reagierten,
Irgendwann erkannte ich, dass Bilder über eine gewisse Macht verfügen, und Bereiche des Unterbewusstseins berühren können, wo man mit verbaler Kommunikation nicht hinkommt. Und von da an habe ich meine Arbeit immer mehr als Dialog mit den Menschen und meiner Umwelt verstanden. Was ich dabei zu sagen hatte, hat nicht immer allen gefallen, und es gab oft grosse Aufregung. Ich bin aber, was meine Arbeit betrifft, immer relativ eigensinnig und halsstarrig gewesen, und habe mich durch nichts von meinem Weg abbringen lassen, und in gewissem Sinn verstand ich meine Malerei auch als Waffe, mit der ich zurückschlagen konnte.
Vielleicht ist meine Kunst eine einzige grosse Abrechnung mit der Gesellschaft.
MAX: Das heißt…
Helnwein:
...dass ich Gewalt zutieftst ablehne. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Gewalt,. Gewalt gegen die Schwächeren, gegen die, die sich nicht wehren können, also gegen Frauen und vor allem gegen die Schwächsten - die Kinder.
Ich konnte nie verstehen, wie jemand Lust dabei empfinden kann, jemandem Schmerzen zuzufügen, der sich nicht wehren kann. Und doch ist Grausamkeit und Gewalt ständig präsent, hier in diesem Augenblick und an jedem Ort der Welt.
Meine Verdrängungsmechanismen funktionieren nicht sehr gut, ich muss daher all den Horror der Welt offenen Auges wahrnehmen, und ich trage die Bilder der Opfer immer in mir, und nur meine Kunst gibt mir die Möglichkeit, die Menschen zu zwingen, die Last dieser Bilder mit mir zu teilen.
MAX: Also eher brotlose Kunst?
Helnwein:
In den 60er Jahren brauchte man in Wien kein Geld, wir verbrachten den grössten Teil unserer Zeit in Kaffe- und Wirtshäusern, und nachts in irgendwelchen Nachtlokalen und Discos, tranken und rauchten, als gäbe es kein Morgen, liessen alles anschreiben, manchmal bezahlten wir mit Zeichnungen. Und dazwischen malte ich weiter an meinen Bildern. Irgendwer hat einmal gesagt, nirgendwo in der Welt konnte man mittellos auf so hohem Niveau leben, wie in Wien.
MAX: Ihre Ausstellungen, wie zuletzt in der Albertina in Wien, sind Publikumsmagneten.
Helnwein:
Die Ausstellung “Realität und Fiktion” in der Albertina, die eben zu Ende ging, hat mit 300, 000 Besuchern eine neuen Rekord aufgestellt. In der Geschichte dieses Hauses, hat kein lebender Künstler jemals so viele Besucher gehabt.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie emotional die Menschen auf meine Bilder reagieren, viele sprechen mich auf offener Strasse oder im Kaffeehaus an und bedanken sich bei mir und erzählen mir von den Gedanken und Empfindungen die meine Arbeiten bei ihnen auslösen, und manchmal auch ganz intime Dinge aus ihrem Leben. Einige haben Tränen in den Augen, und in diesen Augenblicken habe ich das Gefühl, meine Arbeit hat einen Sinn.
MAX: Sie haben vor Kurzem einen offenen Brief geschrieben, in dem Sie sich nicht nur über die FPÖ aufgeregt haben, sondern auch über das Thema cancel culture. Sie fühlen sich auch von manchen Linken angegriffen, für die Ihre Werke nicht mehr political correct sind.
Helnwein:
Meine Bilder sind immer wieder von Rechten attackiert worden, in einer meiner ersten Ausstellungen 1971, im Künstlerhaus in Wien wurden meine Arbeiten mit Aufklebern mit der Bezeichnung “Enartete Kunst” überklebt, eine Ausstellungen im Pressehaus in Wien wurde nach 3 Tagen wegen heftiger Proteste abgebrochen und der Bürgermeister von Mödling liess meine Bilder von der Polizei beschlagnahmen, weil er in einem von ihnen einen “Blutspeienden Penis” sah, müssig zu sagen, dass sich diese seltsame Vision nur in seinem Kopf befand, und nichts, was auch nur im Entferntesten daran erinnern könnte, auf meinem Bild.
1988 habe ich zur Erinnerung an die sogenannte “Reichskristallnacht” zwischen dem Museum Ludwig und dem Kölner Dom eine fast 100 Meter lange Bilderstrasse errichtet, mit überlebensgrossen Kindergesichtern, wie zur Selektion aufgereiht. Eines nachts wurden alle Kinderbilder in der Höhe der Kehlen aufgeschlitzt.
Trotzdem erlebten wir die 70er und 80er Jahre als Freiheitsrausch, wir hatten das Gefühl, dass uns letzten Endes niemand mehr aufhalten konnte, dass wir sagen und zeigen konnten, was immer wir wollten und wir waren überzeugt, dass wir alle Tabus brechen, und ein Ausmass an Freiheit erobern würden, von dem unsere Eltern und Grosseltern nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Ich wollte schon früh raus aus den engen Galerieräumen, mit diesen faden Vernissagen, wo irgendwelche Sonderlinge mit Sektflöten herumstanden, ich wollte mit meiner Kunst auf die Strasse und auf die Titelblätter der Zeitschriften. Ich träumte von einer demokratischen Kunst, die im Stande war alle Menschen zu erreichen und nicht nur einen kleinen Kreis von Eingeweihten. Zusammen mit meinem Freund Manfred Deix machten wir, ich mit meinen Titelbildern, und er mit seinen Cartoons, die Medienwelt unsicher und genossen, die Aufregung, die wir mit unseren Bildern verursachten.
Aber es war natürlich naiv zu denken, dass uns diese Freiheit niemand mehr nehmen könnte, dass dieser Zustand irreversible sei. Rückblickend wird klar, dass dies nur ein flüchtiger Augenblick der Geschichte war, in dem man einmal kurz durchatmen konnte.
Inzwischen hat uns die Woke-Doktrin mit ihrer political Correctnes und Cancel Culture eingeholt, und nun kommt die Bevormundung und Zensur nicht nur von rechts, sondern auch noch von der anderen Seite.
MAX: Sind Sie da nicht zu empfindlich?
Helnwein:
Die Liste der Dinge , die man nicht mehr sagen und zeigen darf wird immer länger, Künstler werden zensiert und Ausstellungen gecancelt. Natürlich immer unter dem scheinheiligen Vorwand dass irgendjemandes Gefühle verletzt werden könnten.
Eine Ausstellung von Philip Guston, einem der bedeutendsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts wurde abgesagt, weil in seinen grotesken, comic-haften Bildern weisse Zipfelmützen vorkamen, die jemanden an den KuKluxKan erinnerten. Wie man auf die Schnapsidee kommen konnte, den intellektuellen Juden Guston, in die Nähe dieser Steinzeit-Rassisten zu rücken, ist mir ein Rätsel.
Bilder von Chuck Close wurden im Museum abgehängt, weil ihn eine Frau der sexuellen Belästigung beschuldigte, natürlich ohne Irgendwelche Beweise oder Zeugen. Welche Art von Belästigung das gewesen sein sollte ist allerdings eine interessante Frage, denn Chuck Close war seit Jahrzehnten an den Rollstuhl gefesselt und vollkommen Bewegungsunfähig.
Der Rolling Stones Song “Brown Sugar” darf aus offensichtlichen Gründen nicht mehr gespielt werden, und alle Disney Zeichentrickfilme müssen überarbeitet werden, weil sie natürlich voll mit rassistischen und homophoben Zitaten sind.
Ich finde jede Art von Zensur und Unterdrückung der Kunst und der freien Rede scheisse, ganz egal, unter welchem Vorwand und aus welchem ideologischem Glaubensbekenntnis sie auch immer kommen mögen.
MAX: Das ist harter Tobak
Helnwein:
Es wird uns suggeriert, dass die neue Political Correctness und Cancel Culture aus der linken Bewegung kommt, das stimmt aber nicht, sie kommt direkt aus der Calvinistisch-Puritanischen Tradition Amerikas.
Man merkt das auch daran, wie die Sprache reglementiert wird. Im Calvinistischen Protestantismus muss man sehr aufpassen, was man sagt. Jedes Wort ist wie eine Tretmine. Im Alltag sagen die Leute zwar dauernd „fuck“ dies und „fuck jenes, aber im amerikanischen Fernsehen und Radio wurden diese Worte immer schon durch Peep-Töne unkenntlich gemacht, und im Druck durch Sternchen ersetzt. Jeder weiß zwar, was gemeint ist, aber Fluchen ist für die Puritaner eine schwere Sünde. Bilder sind böse, schmutzige Worte sind böse, und müssen daher um jeden Preis verhindert werden. Diese Calvinistische Political Correctness hat eine total Scheinheilige Gesellschaft geschaffen, mit einer selbstgefälligen kapitalistische Elite, die in Wahrheit ein einziges korruptes Gesindel ist.
Jedenfalls kommt diese ganze wichtigtuerische Cancel Culture, die sich wie ein Krebs über die ganze Welt ausbreitet, direkt aus dieser amerikanischen Tradition. Es war John Calvin, der während seines Terrorregimes in Genf, Kirchen stürmen, Bilder verbrennen, Statuen zertrümmern, und Menschen, die gegen seine politische Correctness verstiessen, bei lebendigen Leib verbrennen liess.
Für ein besseres Verständnis für den Calvinischen Puritanismus empfehle das Buch „Castellio gegen Calvin“, von Stefan Zweig,
MAX: Woke, cancel culture wird von Trump und anderen Rechtsextremen als linksradikale Ideologie bezeichnet.
Helnwein:
Was Trump und andere Spinner als was bezeichnen ist mir eigentlich egal.
Soweit ich mich erinnern kann, war das zentrale Anliegen der Linken in der Vergangenheit vor allem Kapitalismuskritik, und die Sehnsucht nach einer sozial gerechteren Gesellschaft. Die linke Studenten der 60/70er Jahre waren, so wie die Grünen, Radikal-Pazifisten, ihre Parolen klingen mir noch im Ohr - “Raus der Nato!”, “Frieden schaffen ohne Waffen!”, “Schwerter zu Pflugscharen”, “keine Nachrüstung!”, “weg mit der Atomkraft!”. Der erklärte Gegner war das kapitalistische, Anglo-Amerikanische Imperium, welches mit seinen Napalm-Bombenteppichen Vietnam, Kambodscha und Laos verwüsteten, und die Neofaschistischen Folter-Regime, die die Amerikaner in der ganzen Welt errichteten, we in Persien, Chile, Argentinien, Griechenland, usw.
Mit dem “Langen Marsch durch die Institutionen” wollte die linke Jugend damals das System von innen heraus reformieren. Der ehemalige Anti-amerikanische Strassenkämpfer und PLO Sympathisant Joschka Fischer machte als “Turnshuh-Minister” den Anfang.
Lassen Sie uns doch heute, ein halbes Jahrhundert später einmal sehen, wer bei diesem Marsch gewonnen hat -
Fischer ist ein prominenter Lobbyist des Amerikanischen Imperiums geworden und fordert die atomare Aufrüstung Europas, Horst Mahler, ehemaliges Gründungsmitglied der “Roten Armee Fraktion” wurde Neo-Nazi, Antisemit, Holocaustleugner und Mitglied der der NDP, aus der er dann wieder ausgetreten ist, weil sie ihm nicht radikal genug war.
NATO Generalsekretär Jens Stoltenberg, war noch bis in die späten 80er Jahre Mitglied der Sozialistischen Jugendinternationale und erbitterter Gegner der NATO. In seiner Kriegsrethorik, die er seinem Amt ja schuldet, kann er allerdings, in Bezug auf Radikalität, der grünen Aussenministerin Baerbock nicht einmal annähernd das Wasser reichen.
Wir können es also ruhig laut sagen: das kapitalistische System hat bei diesem Marsch den endgültigen und vollständigen Sieg errungen.
Es scheint mittlerweile in den Medien und der Politik einen allgemeinen Konsens zu geben, dass die globalen Probleme nur mit Gewalt gelöst werden können, und ein neuer grosser Krieg unvermeidlich ist. Diplomatische Bemühungen und Friedensinitiativen werden bereits als Verrat betrachtet. 2022 wurden weltweit 2,2 Billionen Dollar für Kriegswaffen ausgegeben, und die Ausgaben steigen weiter an. Die Katastrophen der beiden Weltkriege haben offensichtlich noch nicht gereicht, wir müssen es unbedingt noch einmal versuchen. Da aber diesmal ein gigantisches Arsenal an Nuklearwaffen mit im Spiel ist, wird es möglicherweise unser letzter Versuch sein.
MAX: Wir kennen alle die Bilder vom langen weißen Tisch, an den Putin westliche Politiker antanzen ließ…
Helnwein:
Der völkerrechtswidrige Einmarsch der Russen in die in die Ukraine ist genauso verbrecherisch und zu verurteilen, wie die völkerrechtswidrigen Invasionen der Amerikaner im Irak, Afghanistan, Libyen, Korea, Vietnam, Kambodscha, Laos, Panama, Guatemala, usw.
Völkerrechtswidrig war übrigens auch das Drohnenprogramm, das Präsident Obama, gleich nach der Verleihung des Friedensnobelpreises, installiert hat. Seine Soldaten konnten dann mit Hilfe von Computer-screen und Joy stick, Menschen, weit entfernt, irgendwo in der sogenannten ‘Dritten Welt,’ bequem eliminieren. Tausende, deren Namen, niemand kennt, und von denen niemand weiss, was man ihnen überhaupt vorgeworfen hat, sind auf diese Weise erledigt worden, natürlich auch Unbeteiligte und Kinder. Genauer gesagt - 98% aller Getöteten waren Collateral Damage.
Gandhi fragte einmal: „Welchen Unterschied macht es für die Toten, die Waisen und die Obdachlosen, ob die wahnsinnige Zerstörung unter dem Namen des Totalitarismus oder unter dem heiligen Namen der Freiheit und Demokratie angerichtet wird?“
MAX: Welche Lösung sehen Sie denn?
Helnwein:
Nicht mitmachen.
Ich sehe es wie Albert Einstein, der sagte: “Diejenigen, die fröhlich in Reih und Glied marschieren, haben versehentlich ein Gehirn erhalten: Ihnen würde ein Rückenmark genügen. Diese Schande für die Zivilisation sollte sofort beseitigt werden, Heldentum auf Kommando, sinnlose Grausamkeit und dieser ganze abscheuliche Unsinn, im Namen von „Patriotismus“, wie sehr ich das alles hasse! Wie widerwärtig und erbärmlich ist der Krieg. Ich würde mich lieber zerreißen lassen, als an solchen Aktionen teilzunehmen. Es ist meine Überzeugung, dass töten unter dem Deckmantel des Krieges nichts anderes ist als Mord.”
MAX: Wie gehen Sie persönlich mit dieser Welt um?
Helnwein:
Freiheit und Unabhängigkeit sind mir am wichtigsten, ich sehe mich selbst um, verlasse mich auf meine eigenen Wahrnehmungen, benutze meinen eigenen Verstand und ziehe meine eigenen Schlüsse, ich halte eine gesunde Distanz zu allen Ideologien und Glaubenssystemen, und bin daher gegen jede Form von Propaganda relativ immun.
Dass es der Menschheit nun endlich, im 20ten Jahrhundert, im Rahmen der Vereinten Nationen, gelungen Ist, sich auf eine ‘Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte’ zu einigen, gibt immerhin Anlass zur Hoffnung, dass dieses Ideal vielleicht eines Tages auch tatsächlich umgesetzt werden könnte.