Das Wirken und Werk Gottfried Helnweins begleitet mich schon seit vielen Jahren.
Bereits in den 1970er-Jahren wurde ich mit dem Schaffen des österreichischen
Ausnahmekünstlers konfrontiert. Seine Kunst polarisierte, stieß auf viel
Unverständnis, gerade in meiner Elterngeneration, die das Dritte Reich noch erlebt
hatte.
Gottfried Helnwein legte den Finger in Wunden, die noch lange nicht verheilt
waren. Ganz im Gegenteil. Gut 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
übte man sich noch immer in kollektivem Schweigen. Ungeachtet politischer
Lippenbekenntnisse und medienwirksamer Aktionen wie Brandts Kniefall von
Warschau 1970 fand eine Auseinandersetzung mit den Gräueln der Nazi-Zeit seitens
der Bevölkerung kaum statt. Viele vormalige NS-Größen - Industrielle, Mediziner,
Juristen etc. - konnten unbehelligt ihr Leben weiterführen.
Dieses Schweigen war Gottfried Helnwein schon immer unerträglich. Aufgewachsen
im grauen Wien der Nachkriegszeit, für ihn ein absolut unwirtlicher, ja geradezu
bedrohlicher Ort, war er von Kindesbeinen an konfrontiert mit dem Umgang seiner
Mitmenschen mit dem Unrecht. Er wollte wissen, was in der jüngsten Vergangenheit
vorgefallen war und was so viele hinter bürgerlichen Fassaden zu verbergen
suchten. Etwa im Alter von sechs Jahren erfuhr er vom Holocaust. Er las viel und
informierte sich auf alternativen Wegen über das, was damals geschehen war, denn
von seinen Mitmenschen bekam er keine Antworten auf seine Fragen. Was er erfuhr,
brannte sich tief in sein Gedächtnis ein und lässt ihn bis heute nicht mehr los. Er
verfolgte die Kriegsverbrecherprozesse, las von Menschen, die mit ihren eigenen
Händen KZ-Häftlinge zu Tode gefoltert hatten und dennoch freigesprochen wurden,
für ihn eine Zäsur und die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit in dieser Welt nicht
existiert.
Viele Altersgenossen von Gottfried Helnwein führten über Jahre schier end- und
meist aussichtslose Diskussionen mit den Älteren darüber, wie es so weit hat
kommen können. Nicht wenige Familien zerbrachen daran, andere resignierten
irgendwann und ließen die Sache auf sich bewenden.
Nicht so Gottfried Helnwein. Er wollte und konnte die Dinge nicht auf sich beruhen lassen. In der Kunst fand er ein Ventil, um sich auszudrücken und die Dinge zu verarbeiten, die in beschäftigten. Von
Beginn seiner künstlerischen Laufbahn an machte er sich den Kampf gegen die Kollektive Amnesie zur Aufgabe. In seinen Werken deckt er auf, lenkt den Blick auf schmerzvolle Themen, auf Leid, Grausamkeit, Unterdrückung, Tötung, Folter, die sich, wie er selbst sagt, wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte ziehen.
Schon in seiner Zeit an der Akademie standen Kinder im Fokus seiner Bildwelt, denn
Kinder sind immer die größten Opfer bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie
können sich nicht wehren, sind auf unsere Rücksichtnahme und unseren Schutz
angewiesen. Dies galt auch und vor allem für den Vietnamkrieg, mit dem sich
Helnwein intensiv auseinandersetzte. Die Bilder von in Panik vor den Napalm-
Bomben fliehenden Kindern haben sich wohl in das visuelle Gedächtnis eines jeden
Zeitgenossen eingebrannt. Doch Helnwein beschäftigte sich nicht nur mit dem Krieg,
sondern auch mit anderen Abgründen der Menschheit wie dem Kindesmissbrauch,
oft begangen von Menschen aus dem engsten Familienkreis der Betroffenen und bis
in die jüngere Vergangenheit ein absolutes Tabuthema. Er studierte
gerichtsmedizinische Fotos, wurde gewissermaßen zum Forscher der
Grausamkeiten und übertrug das Gesehene auf die Leinwand.
Helnwein merkte schnell, dass seine Bilder Wirkung auf die Menschen haben, mehr
als er zunächst dachte. Seine Bilder von verwundeten oder entstellten Kindern
erzeugten Trauer, Sprachlosigkeit, Wut, Aggressivität. Ausstellungen wurden
abgesagt oder abgebrochen, Bilder beschlagnahmt, zerstört oder mit Aufklebern
„entartete Kunst“ versehen, er selbst als geisteskrank bezeichnet.
Heute wissen wir, dass Gottfried Helnwein mit seiner Kunst seiner Zeit voraus war.
Doch der Schock, den man erleidet, wenn man auf seine großformatigen
hyperrealistischen Werke trifft, ist noch immer groß. Obwohl wir uns heutzutage
darüber bewusst sind, welche Grausamkeiten das Dritte Reich hervorgebracht hat
und diesbezüglich eine ausgeprägte Erinnerungskultur pflegen, auch wenn wir durch
Medienberichte aus Kriegsgebieten tagtäglich mit fürchterlichen Bildern konfrontiert
werden, und wir uns dessen bewusst sind, dass jährlich alleine in Deutschland
Tausende Kinder Opfer von sexueller Gewalt werden, so laufen einem beim Anblick
der bandagierten, verwundeten, oft blutüberströmten Kinder dennoch kalte Schauer
über den Rücken. Helnweins Bilder sind inszenierte Wirklichkeiten. Sie sind
schmerzhaft, stellen unbequeme Fragen und geben keine Antwort. Der Künstler
liefert lediglich Indizien. Die Schlüsse daraus zu ziehen, obliegt allein dem
Betrachter.
Fest steht: Man kann sich Gottfried Helnweins Bildern nicht entziehen, nicht
unbeteiligt an ihnen vorbeischreiten. Sie erschüttern bis ins Mark, rütteln wach, und
das in einer Zeit, in der wir durch die Bilderflut der omnipräsenten Medien
zunehmend abstumpfen. Das macht die besondere Qualität und Bedeutung von
Gottfried Helnweins Kunst aus.
Das angestrebte Ziel dieser Ausstellungsinitiative ist es, auf die Wichtigkeit und
Bedeutung hinzuweisen, dass in der Kunst auch den sozialkritischen Themen immer
wieder prägnant Ausdruck verliehen werden muss, um der Menschheit durch die
Konfrontation mit der Grausamkeit die Augen zu öffnen. Und wo könnte diese
Konfrontation besser stattfinden als im europäischen Zentrum der zeitgenössischen
Kunst, am Markusplatz in Venedig? Wir danken der Biblioteca Nazionale Marciana,
dem Künstler Gottfried Helnwein und Geuer&Geuer Art, Düsseldorf für die
hervorragende und partnerschaftliche Zusammenarbeit, die diese einzigartige
Ausstellung in den eindrucksvollen Sale Monumentali erst möglich gemacht hat