Schon diese Haltung, gleichwohl fußend auf wissenschaftlicher Sorgfalt und künstlerischer Fantasie zugleich, verleiht ihm in der Kunst der verdämmernden westlichen Moderne ein Alleinstellungsmerkmal. Im „every thing goes“ des Mainstreams der spät-modernen Kunst hat sich Helnwein eine Domäne künstlerischer Praxis aufgebaut, die wahrheitsfähige Erkenntnis mit künstlerischer Intuition stiftet. Die unbestreitbare Ernsthaftigkeit seines Unterfangens zeigt und beweist sich im Fazit seines künstlerischen Bestrebens: Absolute, und definitive Aussagen sind nicht zu haben.
Die multiple Ausgestaltung seiner Kunst in Form von Zeichnungen, Gemälden, Fotografien, Plattencovers, Performances, Wandbildern und Bühnenausstattungen treibt einen immensen Zuwachs von Vieldeutigkeiten, Täuschungen und Abgründen an die schimmernde Oberfläche des Sichtbaren. Einige nähren gefährliche Ideologien. Doch es ist erst die herausfordernde Glätte in der Ausführung der Werke, die gegen jede Vermutung die Bedingung der Möglichkeit ihres Funktionierens schafft. Helnwein ist ein Meister der Untiefe. In den Untiefen seiner Bilder verbergen sich die beklemmenden Eigenschaften menschlicher Natur, die Blumen des Bösen, die nicht selten in voller Schönheit aufblühen und tabuisiert werden.
Nicht weiter verwunderlich, dass viele Bilder Helnweins beim aufmerksamen Sehen wie der berühmte Kopfstoß Zidanes im legendären Weltmeisterschaftsspiel des Fußballs (2006) zwischen Frankreich und Italien wirken – wie ein Riss in der gleichzeitig repräsentierten Präsenz der Bilder, so dass man sich bei der Betrachtung als Zuschauer sagt, das kann doch nicht wahr sein. Die heftigen Reaktionen auf seine Bilder bestätigen meine Feststellung. Wenige lassen sie gleichgültig. Manche stoßen sie ab, manche wandeln sie zu Aficionados. Die Einwände und Anwürfe sind meist vordergründig. Sie werden, um den Bildern auszuweichen, auf Person und Lebenswelt des Künstlers projiziert. Ich kann mich an keinen Künstler während der ausgiebigen Zeit meines professionellen Interesses an der Kunst erinnern, der derart massiv und unsachlich angefeindet worden ist wie Gottfried Helnwein.
Harald Schleicher hat im Katalog der Ausstellung „Kind“ im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk (2017) berichtet, dass der Künstler eine Analyse seiner Bilder ablehnt. In der Ablehnung bekundet sich nicht das künstlerische Schutzbedürfnis gegen unwillkommene Interpretation. Vielmehr das Wissen, dass eine Analyse nach konventionellen Bild-Vorstellungen und dessen, was sie transportieren, sie verfehlt. Auch die hermeneutische Bild-Analyse ist nur unzureichend in der Lage, sie zu erschließen, gar ihren Kern zu erfassen. Ursache des vorliegenden Dilemmas ist das Außergewöhnliche von Helnweins künstlerischer Praxis, die sich ungeachtet ihres substanziellen Bezugs zur Kunstgeschichte eines visuellen Arsenals bedient, das sich technisch und geistig-mental aus den fruchtbaren Anstößen der Bildformen moderner und modernster Kommunikationsmittel und Strategien der kommerziellen Künste speist. Gerade weil sie allgemein vertraut sind, rufen sie im hermetischeren Terrain der Kunst Unruhe und Zumutungen hervor und werden als unkünstlerisch abgewertet. Helnweins Kunst voll-zieht sich auch nicht primär auf der planen Ebene anschaulich vergegenwärtigter Handlungen oder Zustände – sie vollzieht sich auf der gebrochenen, künstlerisch-fiktionalen Spiegelfläche vielschichtiger, von den kommerziellen Künsten durchtränkten Bilddispositive sowie ihren Anspielungen. Wer sich nicht oder nur oberflächlich in der populären Bilderkultur mit ihren ungenießbaren Auswüchsen auskennt, wird kaum eine plausible Auskunft über das Spezifische, das Neue und das Ungewöhnliche, das Beunruhigende und Abscheuliche sowie das schwärend Subversive seines Bilduniversums erlangen.
Gottfried Helnweins Kunst siedelt nicht im Hoheitsgebiet des künstlerischen Autonomiepostulats. Ob das Postulat wirklich einen realen Hintergrund hat oder bloß Behauptung ist, ist im angetönten Zusammenhang egal. Dafür zählt, dass die Referenzen seiner Bilder einerseits aus den Bildern anderer Provenienz, anderen Status´, anderer Potentialität und anderer Reichweite in seine ausfiltern. Sie profitieren von ihnen und ihrer visuellen Aussagefähigkeit nach entsprechender eigenwilliger künstlerisch-ästhetischer Anverwandlung und inspirieren sie am Ende wieder. Grob formuliert: Helnweins Bilder sind auf maximale Verständlichkeit und Zugänglichkeit ausgerichtet. Was aber nicht heißt, dass sie einfach gestrickt sind. Auch dann nicht, wenn sie sich nicht scheuen, die maximale Anschaulichkeit und Zugänglichkeit mit einer verblüffenden Pointe zu erreichen. Damit visieren sie mit unübertreffbarer Sicherheit jenes „Punctum“ an, das Roland Barthes zum zentralen Element seines fotografischen Verständnisses promoviert hat. Jenes „Punctum“ trifft wie der (imaginäre) Pfeil des Bogenschützens in Henri Cartier-Bressons fotografischen Bildern in den Fokus der Wahrnehmung der Betrachter. „Wahrnehmung ist ein Fall dessen, was in der Quantentheorie Beobachtung heißt, das heißt, ein kausaler Eingriff in die Umgebung und keine einfache Erfassung.“
Es leidet keinen Zweifel, dass Helnwein in puncto künstlerischer Haltung mit den Künstlern der Conceptual Art, den Filmern der Nouvelle Vague, Claude Chabrol an der Spitze, und Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder – einleuchtender – Helmut Newton und Guy Bourdin eine engere Verwandtschaft unterhält – ungeachtet der beträchtlichen Unterschiede ihrer künstlerischen Universen – als mit expressiv-exzessiven Malern wie Jaime Soutine, Francis Bacon, Lucian Freud und Karl Marx. Das penibel registrierende Sezieren mit visuellem Besteck ist ihm nicht fremd. Betonter als eine Bauchnote tritt in seiner Arbeit eine fühlbare (!) Kopfkomponente hervor. Das Potential des zerebralen Moments kühlt ihre verwirrend verführerische Sinnlichkeit merklich herunter und entfaltet sie desto unheimlicher. Es ist förmlich in den Bildvortrag eingegossen.
Daher sollten auf dem Weg zu einer ebenso skrupulösen wie stichhaltigen Annäherung an sein künstlerisches Werk die eingesetzten Methoden als maßgebende Leitplanken der Erkundung gelten. Eine strukturelle Untersuchung anstelle einer Interpretation. So ist es neben der Neigung zum Subversiven die Travestie, die seine Kunst bestimmt. Das „missing link“ zwischen Subversion und Travestie – zwei Seiten einer Medaille – findet sich in Helnweins Entschiedenheit, das aufgeführte Repertoire seiner Bildwelt strikt auf das Elementare und Essentielle einzudampfen und zu reduzieren. Mit dem Ziel, dessen Intensität zuzuspitzen. Getreu nach Mies van der Rohes modernistischem Motto, dass Weniger mehr ist! Subversion, Travestie, Minimalisierung und Verdichtung sind die treibenden Antriebskräfte der Kunst von Gottfried Helnwein.
Allerdings befleißigt sich der Künstler einer außergewöhnlichen Variante der Travestie. Einer Variante, die sich zunächst nur am Rande auf die Motive und Gegenstände seiner Bilder bezieht, um sie in ihre Zentrifuge zu reißen. Darüber hinaus noch eine, die prima vista bloß aus dem einzigen Grund erstaunt, dass noch niemand auf sie verfallen ist. Statt die Motive und Gegenstände seiner Bilder nur mit Pinsel und Farbe in Szene zu setzen, nimmt Helnwein deren stoffliche Träger ins künstlerische Visier. Sei es Papier, Karton, Fotopapier, Film und Leinwand. Womöglich gravierender ist gleichwohl, dass er damit simultan einen Vorstellungs-Raum aufrollt, in den die sozialen und kulturellen Kontexte hineinspielen, die jedes Bild durch seine Existenz als Realitätsobjekt im Gepäck hat. Paradigmatisch erhellt sich seine künstlerische Absicht deshalb an und in den frühen Blättern aus Wasserfarben und Bleistift. Ihren Materialien haftet etwas Unschuldiges an. Kinder verwirklichen mit diesen Materialien ihr Verlangen nach unregulierter „künstlerischer“ Fortentwicklung. Und weil Helnwein diese „unschuldigen“ Materialien mit seinen Darstellungen von scheußlichen Vorfällen bedeckt, sie sozusagen beschmutzt, raubt er ihnen die stillschweigend symbolisch zugebilligte Unschuld: ihre Aura. Die dunkle, kreatürliche Seite der „Condition humaine“ wirft ihre Schatten auf die unbefleckte Materie. In der gleichen Zeit traktierten Helmut Newton und Guy Bourdin die Modefotografie, und die italienische „Giallo“-Bewegung das Kino mit den Ausgeburten ihrer „schmutzigen Phantasie“ (Newton).
Dass dieser elementare Kunstgriff in der optischen Wahrnehmung der zeitgenössischen Hochkunst ignoriert wird, hat dem gemeinen visuellen „Analphabetismus“ (László Moholy-Nagy) der technisch hoch gerüsteten Mediengesellschaften Vorschub geleistet. Konkretes Beispiel: Weil das Magazin Vogue das Ereignis der Einschwörung des neuen US-Präsidenten Joseph R. Biden, Jr. und seiner Stellvertreterin Kamala Harris mit ihrem Porträt im lockeren Outfit eines dunklen Blazers, einer schwarzen Hose und Chucks feierte, und nicht im gewohnten staatstragenden hellblauen Hosenanzug, war die legendäre Chefredakteurin Anna Wintour genötigt, sich vor erbosten Kritikern zu rechtfertigen. Die New York Times disqualifizierte das Titelblatt als „ziemlich unordentlich“. Der Aufzug sei für die künftige Vizepräsidentin der USA nicht angemessen, obwohl Turnschuhe und unaufwändige Kleidung Markenzeichen der offenen und dem Publikum zugewandten Politikerin sind.
„Travestie“ meinte ursprünglich einen „schrägen“ Gebrauch von Kleidung: Es ist eine vestiäre Kategorie. Im antiken Theater verkörperte sich die Travestie als ein Element der Ver-Kleidung. Männer im Frauengewand sind typisch. In Theater, Filmen und Fernsehstücken tummeln sie sich auch weiterhin. Der Kunsthistoriker Richard Hamann führte den Begriff der Travestie in die Kunstkritik ein. Indem er das fulminante Porträt des trunkenen Hauptmannes von Frans Hals im Rijksmuseum von Amsterdam als Travestie des (seinerzeit) sozial verbindlichen Herrscher- und Fürstenporträts projizierte, fügte er dem Bildnis eine bis dahin verborgene Note hinzu. In unziemlicher Manier, gemessen am noblen Stil der aristokratischen Bildnisse, und peinlich aufdringlicher Präsenz vor flachem Bildfond stellt sich im Rahmen der seinerzeit verbindlichen Etikette ein schwitzender, bürgerlicher Offizier schamlos zur Schau. Er beschädigt auf diese Weise nicht nur die exklusive Bildgattung, sondern mit ihr die Würde und Exklusivität derer, denen sie vorbehalten war. Wie „Vogue“ den noblen Status der US-amerikanischen Vizepräsidentin. Andererseits bereitete Hals dem bürgerlich-psychologischen Bildnis den Boden und eroberte dem vormals nicht-bildwürdigen aufstrebenden Bürgertum ein machtvolles Territorium der Selbstdarstellung. Kleider machen Leute verkündete der Volksmund einst mit seinem feinen Gespür. Kleider beeinflussen körperliche Haltungen und geistige Einstellungen und senden ihre Kommunikations-Codes an die Mitmenschen.