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Wolfgang-Bauer
July 14, 1999
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Wolfgang Bauer
Inspired by Helnwein
Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein.



Helnweins Bilder wirken auf mich ähnlich wie die Antwort eines Kindes auf die Frage, was ein Traum sei: »Man kann nicht aus ... man kann nichts verändern.«
Leutnant Kurtz (Marlon Brando) in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now: "... das Grauen ... es ist das Grauen ..." Die Geköpften, die Wahnsinnigen, der poetisch-verzweifelte Schlächter, sie alle sind Fakten! Wie sinnlos, ihnen logisch auf den Grund zu gehen. Verderben und Unheil scheinen statische Verdauung zu sein. Es gibt kein Mittel dagegen, weil alles zugleich entsteht und auch ist. Wieviele Kriege sind durch gut gemeinte Hilfe ausgeufert. Wieviele Retter - auch im täglichen Leben - gingen beim Rettungsversuch zugrunde. Z. B.: Dalis Leibarzt starb während dessen Behandlung. Sein Kopf fiel auf die Brust des völlig verstörten Verstörers. Auch Dalis traumhaft sicherer Weg durch furchterregend-unzugänglich scheinende Welten endete hier plötzlich.
Selbst wenn auch alles zu fliessen scheint, fliesst die Grenze auch mit.

Helnwein hält sich gern an diversen Grenzen auf. Was hier durch will, wird von Helnwein genau geprüft. Er ist wie Goya, einer der magischen Zöllner in der Kunst. (Rousseau dagegen hielt sich stets jenseits der Grenze auf, obwohl er von Beruf wirklich ein Zöllner war!)
Wer die Ebene der Kunst betreten will, muß die Realität verstehen und vermitteln können. Helnwein ist nicht nur Künstler, er ist auch der perfekte Umsetzer. Nicht am Beginn einer Arbeit soll die sogenannte Phantasie herumquirln, nein, erst im Moment des Umsetzens, im Moment der Metamorphose darf ihre Atomkraft frei werden.

»Realismus« ist ein völlig wertfreier Begriff. Unter Künstlern wird Realismus oft negativ gehandelt. Sicher nur aus Angst. Dilettantisch-expressive Schmiereure verwenden das Wort vergeblich als Schutzschild gegen den mörderischen Laserstrahl der Kunst.
Nichtrealistische Kunst gibt es nicht, nur gute und schlechte gibt es. Auch ein Hans Staudacher ist im besten Sinne realistisch. Sein Spiel ist einfach real, womit er sogar, was die Arbeitszeit angeht (oft nur wenige Sekunden) den Fotografen am nächsten kommt.

Die Fotografie war ebensowenig der Tod der Malerei wie der Film der Tod des Theaters.
Ein Bild zu malen ist ähnlich kompliziert und komplex wie die chemische Herstellung des Fotopapiers, dessen Reaktion auf Licht bzw. Farbe, das Aufstellen womöglich eines Stativs, das Suchen und Abdrücken etc. Es ist alles in einem, braucht jedoch viel mehr Zeit. Wenn das Bild fertig ist, ist es sozusagen zeitlos. Es steht oder hängt vor einem als wäre es immer dagewesen. Es scheint starr wie ein Foto. Aber es ist nicht starr. Die subjektiv hineingepinselte Bewegung des Malers scheint weiter zu existieren. Der Betrachter kann sie, wenn es ein gelungenes Bild ist, für sich wiederbeleben. Aus einem Foto hingegen glotzt einen nur ein Motiv schlechthin an - was natürlich auch interessant sein kann.

Donald Duck ist an sich ein Unglücksrabe. Walt Disneys geniale Heiterkeit wird in der Verehrung Helnweins zum Dämon. Eine Traumverwandlung wie wenn gute Freunde im Traum plötzlich bedrohlich erscheinen. Alles ist eigentlich gleich, doch das Erlebensgefühl ist plötzlich ein Alp. Wer diese hohe Kunst der Verwandlung nicht versteht, kann leider nicht Helnweins Freund sein. Er wird auf dem gebohnerten Parkett der Perfektion HeInweins ausrutschen und sich schrecklich und total realistisch die Birne anhaun!

Wie viele andere Künstler sucht auch Helnwein den Abgrund. Er tut dies aber freiwillig, mit großer Lust und mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Der sich dazugesellende Humor ist genauso unschuldig und gleichzeitig hinterhältig wie der Humor der Natur. Er ist nichts anderes als die kleine Verschnaufpause während einer Dauer-Apokalypse. Dieser Humor ist jedoch nur die Droge, die es einem erlaubt, alles etwas länger zu überstehn. Paradoxerweise wird so der Humor zur eigentlichen Qual.

15. April '99. Gehe an einem Zeitungsverkäufer vorbei und sehe flüchtig das News-Cover: Ein mit Leukoplast zugepicktes Kindergesicht. Da ich denke, es sei ein Bild von Helnwein, drehe ich um und kaufe das News und sehe, daß es sich beim Kindergesicht um ein Kosovo-Opfer handelt. Im vibrierenden Vergleich mit Helnweins Pop-Art wird das Grauen immer stärker, immer leibhaftiger.

1993 wandelte ich zum wiederholten Male in Saint-Rémy auf den Spuren van Goghs. Es war ein blitzblauer Mistral-Tag, und ich war voller freudiger Schauer. Plötzlich sagte meine Frau zu mir, ich solle stehnbleiben. Sie hatte Lust auf ein Foto von mir. Ich stellte mich in den Eingang eines Hauses und grinste mit der Zigarette im Mund. Als ich mich dann umdrehte, bemerkte ich, daß ich im Eingang zu Nostradamus' Geburtshaus stand. Jetzt natürlich Glück total! Eine wahrhaftige Anti-Apokalypse!!

Jeder Tag, jeder normale Tag: ein Dauer-Dèjá-vu, bewegt von kleinen, schmatzenden Apokalypsen. Einmal begrüßte ich schon von weitem einen Freund auf der Straße. Als ich ihn, nähergekommen, umarmen wollte, war es ein anderer - eine Verwechslung. Ich bog um die Ecke, da kam er wirklich daher, mein Freund; etwa fünfzig Meter danach. Ich hatte ihn durch den Fremden schon wahrgenommen. Gegenteiliges Erlebnis: San Francisco 1984. Ein Fremder, der an einer Tankstelle sein Auto volltankte, stürzte sich auf mich, umarmte und umjubelte mich. Es war ein Amerikaner, den ich nicht kannte. Es dauerte zwei Minuten bis er sich überzeugen ließ, daß ich nicht sein alter Freund war, dem ich offensichtlich bis ins Letzte (auch die Kleidung!) ähnelte. Beim Wegfahren sah mich der Mann zweifelnd und unheimlich an. Erinnert mich alles ein wenig an die Schlawiner von Helnwein.

Schon 1963 malten ein Künstlerkollege und ich uns die schaurige Zukunft eines freischaffenden Künstlers aus. Es ging bei dem Gespräch weniger um die Finanzen als um die Notwendigkeit des sich bis ins Tiefste Fallenlassenmüssens. Ich kam damals auf die Idee, so etwas wie ein »Konditionstraining für Genies« zu erfinden. Rückblickend muß ich sagen, daß ich ganz wenige Künstler kenne, die dieses imaginäre Trainingsprogramm durchgehalten haben. Einer von ihnen ist Gottfried HeInwein.

Das Schöne an HeInweins James Dean: Er zeigt den Privatmann James Dean als Schauspieler James Dean. Er zeigt das Gefühl, das wir alle gehabt hätten, wären wir Jimmy zufällig auf dem Broadway im Regen begegnet. Er zeigt den Wunsch-Fluchtpunkt unserer und James Deans Wirklichkeit. Und diese Spekulation ist der zentrale Ausgangspunkt von Helnweins Magie.


Wolfgang Bauer

Graz, July, 1999








English translation


The effect of Helnwein's paintings upon me is like a child's answer to the question of what a dream is: "You can't escape it... you can't change anything."

The last words of Colonel Kurtz (Marlon Brando) in Francis Ford Coppola's Apocalypse Now are: "The horror. The horror...." The beheaded men, the crazy ones, the poetically-desperate slaughterer, they are all real! How senseless to try to understnad them logically. Destruction and disaster seem to be static indigestion. There is no antidote against them because every thing arises and exists simultaneously. How many wars have got out of hand due to well-meaning help? How many saviours have perished in an attempt to save - even in everyday life? Dali's personal physician, for example, died while attending to Dali. his head suddenly fell forward onto the cheek of the utterly disturbed disturbing patient. Dali's somnambulistically safe path through fear-inducing, seemingly inaccessible worlds suddenly ended there, too.
Even if everything seems to flow the boundaries flow with it.

Helnwein likes to linger at boundaries. Whatever wants to pass through is closely examined by him. Like Goya he is one of the magic customs officials of art. (Rousseau, on the other hand, always stayed on the other side of the border even though he really was a customs official by profession!)
Whoever wants to enter the plane of art has to be able to understand and communicate reality. Helnwein is not only an artist but also a perfect transformer. The so called imagination should not come into play at the beginning of a world, but its nuclear power should be releases only at the moment of transformation, of metamorphosis.

"Realism is an entirely value-freee concept, although it often has a bad name among artist. Surely this is only due to fear. Dilettante dabblers in expressiveness use the word in vain as a protective shield against the murderous laser beam of art.
There is no such thing as a non-realist art, there is only good or bad art. Even an artist like Hans Staudacher is realistic in the best sense of the word. His game is simply real and he even comes close to a photographer in terms of the speed with which he works (often just a few seconds).
Photography was no more the death of painting than film was the death of the theatre.

Painting a picture is about as complex as the chemical production of photographic paper, its response to light and colours perhaps the setting up of a tripod, searching for the best angle, releasing the shutter etc. It is everything rolled into one, but it takes much more time. When the painting is finished it is in a way timeless. It confronts us as though it had always been there. It seems lifeless like a photograph, but it is not lifeless. The painter's subjective movement when he was painting it seems to have entered into it. If it is a successful painting the viewer can rekindle it for himself. What stares at us from a photograph, on the other hand, is merely the motif as such - which may of course also be interesting.

Donald Duck is basically an unlucky fellow. In Helnwein's admiration Walt Disney's ingenious serenity becomes demonic - the sort of transformation when close friends suddenly appear threatening in our dreams. Everything is more or less the same except that the experience has suddenly turned into a nightmare. Whoever does not understand this skilful art of transformation can unfortunately not be Helnwein's friend. He will slip on the polished parquet floor of Helnwein's perfection and knock his head severely and entirely realistically!

Like many other artists Helnwein, too, searches for the abyss. He does this, however, of his own accord, with great gusto and all the consequences resulting from it. The added humour is as innocent and underhand as the humour of nature. It is nothing but a short breather in the midst of a permanent apocalypse. However, this humour is only the drug that allows us to survive a little longer. Paradoxically humour thus becomes the real pain.

15th April '99: I pass a news vendor, briefly glancing at the cover of the latest issue of News: a child's face plastered over with band-aids. When I turn around and buy the magazine in the belief that it is a painting by Helnwein I discover that the child's face is that of a Kosovo victim. In the vibrating comparison with Helnwein's Pop Art the horror increases and becomes more concrete.

In 1993 I was in Saint-Remy, following in van Gogh's footsteps as I had done many times before. It was one of those bright blue mistral days and I felt joyous shivers all over. Suddenly my wife asked me to stop. She felt like taking a photograph of me. I stood in the doorway to a building and grinned at her with a cigarette in my mouth. When I turned around I noticed that I was standing in the entrance to Nostradamus' birthplace. This was total bliss! A true anti-apocalypse!

Every day, every ordinary day is a succession of deja-vus, moved by small squelching apocalypses. Once I greeted a friend in the street from afar. When I got close and was ready to embrace him he turned out to be someone else - a case of mistaken identity. I turned the corner and there was my friend, about 50 yards further. I had perceived him already earlier through the stranger. The opposite experience: San Francisco 1984 A stranger who was filling up his car at a filling station came running up to me and embraced me jubilantly. He was an American whom I had never seen before. It took me two minutes to convince him that I was not his old friend who I obviously resembled in every detail (including my clothes!). When he left, the man looked at me doubtfully and strangely. All this reminds me a bit of Helnwein's painting "Schlawiner / The good for nothings".

As long ago as 1963 a fellow-artist and I imagined the horrible future of free-lance artist. The topic of our discussion was not so much finances as the necessity of letting go and totally abandoning oneself. At the time I had the idea of inventing something like a "fitness training of geniuses".
In retrospect I must say that I know very few artists who have persevered in this imaginary training programme. Gottfried Helnwein is one of them.

The great thing about Helnwein's James Dean: He shows the private individual James Dean as the actor James Dean. he shows the feeling all of us would have had it we had happened to run into Jimmy on Broadway in the rain. He shows the desired vanishing point of our own and James Dean's reality. This specualtion is the crucial point of departure of Helnwein's magic.


Wolfgang Bauer,
Graz, July, 1999


First Published:
Catalogue 'Apokalypse', Helnwein, Installation, and one-man show, Dominican Church, Krems, 1999




Wolfgang Bauer liest sein Gedicht "Song for Helnwein", Eröffnung der Helnwein Ausstellung, Galerie Angelika Harthan, Stuttgart
1987

Wolfgang Bauer

* 18. 3. 1941 Graz (Steiermark), Dramatiker, Verfasser von Hör- und Fernsehspielen sowie Gedichten und Erzählungen, Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Forums Stadtpark; Zusammenarbeit mit G. Falk. In seiner Frühzeit stark von der Kultur der Pop- und Rockmusik geprägt, erzielte Bauer mit "Magic Afternoon" (1968) als Provokateur der bürgerlichen Gesellschaft seinen Durchbruch. Mit teils ironischem Einsatz dramaturgischer Mittel und Sprachgebung werden gesellschaftskritische Inhalte vermittelt, teilweise auch mit Elementen des absurden Theaters. Großer Österreichischer Staatspreis 1994.




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