May 9th, 1990
Die Welt
Revolution als zynische Revue
Hartmut Regitz
Kresniks "Marat/Sade": Stuttgarts Intendant sieht "befruchtende Wirkung"
Er legt das Stück"wie eine Blaupause auf die Realität" (so Bühnenbildner Gottfried Helnwein) und verfremdet damit die Vorlage auf eine Weise, die durch die Überlappung zweier Revolutionen überraschende Erkenntnisse ermöglicht. Was 1789 in Paris geschah, was sich 1989 in der DDR ereignete, lässt sich in der Tat aufeinander beziehen, und die Folgen, die Marat vor der Nationalversammlung anprangert, der Reichtum der Reichen, die an jeder Revolution stets gut verdient haben, und das Konsumdenken des Volkes, das weniger die Freiheit als Bananen wählt; Das kann einen durch eine aktuelle Aufführung schon nachdenklich machen - selbst wenn sie sich in ihren Einfällen bisweilen vergreift... Helnwein hat Kresnik zwischen zwei einstürzenden Neubauten in kaltem Weiss eine Schräge gebaut, auf der die Menschen immer wieder ausgleiten und gegen die die Wände knallen. Hoch über dem Geschehen schwebt Jaques Roux (Werner Prinz) und bläst zwischendurch auf der Trompete wie zum Jüngsten Gericht. Gleich zu Anfang stürzt Charlotte Corday aus einem Fenster (Yvonne Devrient), schneidet sich erst ins Fleisch, um später über die stuhlbedeckte Bühne zu kriechen. Duperret wiederum, ihr Trainingspartner, turnt auf dem Sims herum, während sich im blutrot ausstaffierten Proszenium Marquis de Sade (Claus Boysen, der seinen nackten Bauch zu Markte trägt) und Hospitz-Direktor Coulmier (Carsten Otto) am sinnenfrohen Spektakel weiden. Dazwischen Peter Rühring als krätziger Marat, der sich vergebens gegen die Massen auflehnt und am Ende einen Liebestod im Delirium erleidet - bevor auf dem Bildschirmen ein Werbespot die absolute Säuberung verheisst.

Mercedes schweigt, der Vater von Steffi Graf hat auch noch nicht angerufen. Alle Befürchtungen - oder vielleicht sogar Hoffnungen auf Publizität durch derlei Aktionen -, verweist Cordula Fink, Sprecherin des Stuttgarter Theaters, in das Reich der Phantasie. Auch Jürgen Bosse, der Stuttgarter Schauspieldirektor, konnte bei der alljährlichen Pressekonferenz anläßlich der Vorstellung seines neuen Spielplans nur von der "befruchtenden Wirkung" der jüngsten Inszenierung sprechen, prominente Reaktionen waren nicht zu kommentieren. So lobte Bosse seinen "Marat/Sade"-Schowkämpfer Hans Kresnik: "Schließlich gehört er zu den wenigen, die es immer wieder schaffen, einen handfesten Skandal zu produzieren!"

Skandale hatte es vor wenigen Spielzeiten auch unter Hansgünther Heyme gegeben. Doch der letzte, richtig systematisch angebahnte Ärger liegt vierzehn Jahre zurück. Da machte der damalige Stuttgarter Schauspieldirektor Claus Peymann nach Camus' "Die Gerechten" nicht ein fach Schluß, sondern zeigte dem erstaunten Publikum als Nachspann zu seiner Inszenierung einen Straßenbahnfilm, der bezeichnenderweise vor den Toren der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim endete . . .

1990 geht die Fahrt in die andere Richtung. Bevor die Aufführung des Stücks "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss beginnt, finden sich auf einer Kinoleinwand Boris Becker und Steffi Graf zum Stelldichein. Ein Küßchen da, ein Küßchen dort in der noblen Hotelhalle, und während sich der Luxus-Troß mit Managern, Familien und Freundinnen langsam in Bewegung setzt, schweift der Kamerablick wie zufällig hinüber zum Bahnhofsturm, auf dem sich der gute Stern von Untertürkheim dreht. Ein kurzer Zwischenhalt auf dem Schloßgarten. Zuletzt vergnügt sich die Gesselschaft oben in Degerloch am Grab von Baader, Ensslin und Raspe . . .

An diesem Abend ist manches anders als sonst. Johann Kresnik, Ballet-provokateur aus Bremen, setzt mit der Einrichtung des Weiss-Werks (zu dem er viele neue Dialoge geschrieben hat) nicht allein seine letzte Arbeit, "Ulrike Meinhof", mit anderen Mitteln fort. Er legt auch des Stück "wie eine Blaupause auf die Realität" (so Bühnenbildner Gottfried Helnwein) und verfremdet damit die Vorlage auf eine Weise, die durch die Überlappung zweier Revolutionen überraschende Erkenntnisse ermöglicht. Was 1789 in Paris geschah, was 1989 sich in der DDR ereignete, läßt sich in der Tat aufeinander beziehen, und die Folgen, die Marat vor der Nationalversammlung anprangert, der Reichtum der Reichen, die an jeder Revolution stehts gut verdient haben, und das Konsumdenken des Volkes, das weniger die Freiheit als Bananen wählt: Das kann einen durch eine aktuelle Aufführung schon nachdenklich machen - selbst wenn sie sich in ihren Einfällen bisweilen vergreift und die Musiker in der Loge, kostümiert wie Häftlinge in Auschwitz, nun wirklich nicht in dieses Stück passen.

Doch Kresnik hat sich noch nie einen guten Geschmack diktieren lassen und die Stücke lieber auf seine Weise inszeniert: überbordend zwar in ihrer Bilderfülle, aggressive, doch immer bezogen auf die Aussage, die ein Werk seiner Meinung nach haben muß. Kresnik ist nicht wählerisch, der Zweck heiligt seine Mittel. Deshalb steht nicht so sehr Marat im Mittelpunkt, sondern das Volk, das sich selbst durch Nonsens-Parolen noch verführen läßt, das sich in Tennisstars Idole schafft und seine Revolution als eine einzige Revue begreift, in der Nina Hagen (hocherotisch: Catrin Striebeck) ebensowenig fehlen darf wie Doubles von Ivo Robic oder Udo Lindenberg. Einer eher zynische, weil realistische Auslegung des Lehrstücks, das in einem totalen Tohuwabohu gipfelt, wenn sich die Insassen des Irrenhauses wie die Fußballer unserer Nationalmanschaft bereits "auf dem Brenner" wähnen.

Helnwein hat Kresnik dafür zwischen zwei einstürzenden Neubauten in kaltem Weiß eine Schräge gebaut, auf der die Menschen immer wieder ausgleiten und gegen die Wände knallen. Hoch über dem Geschehen schwebt Jacques Roux (Werner Prinz) und blast zwischendurch auf der Trompete wie zum Jüngsten Gericht. Gleich zu Anfang stürtzt Charlotte Corday aus einem Fenster (Yvonne Devrient), schneidet sich erst ins Fleisch, um später über die stuhlbestückte Bühne zu kriechen. Duperret widerum, ihr Trainingspartner, turnt auf dem Sims herum, während sich im blutrot ausstaffierten Proszenium Marquis de Sade (Claus Boysen, der seinen nackten Bauch zu Markte trägt) und Hospiz-Direktor Columier (Carsten Otto) am sinnenfrohen Spektakel weiden. Dazwischen Peter Rührig als krätziger Marat, der sich vergebens gegen die Massen auflehnt und am Ende seinen Liebestod im Delirium erleidet - bevor auf Bildschirmen ein Werbespot die absolute Säuberung verheißt.

Kein Tollhaus also, eher ein Stück Wirklichkeit, das auf der Kippe steht. Kresnik nützt es als symbolkräftigen Ort, auf dem sich die Ereignisse überstürzen und dabei Machtmechanismen wie Verhaltensweisen offenbar machen. Mag seine Inszenierung nicht allzuviel über die französische Revolution aussagen - als Folie für Hier und Heute funktioniert die Vergangenheitsbewältigung noch gut genug.