December 12th, 1992
General Anzeiger
Das ist Magie
Roland Mischke
Gottfried Helnweins Fotoband "Faces"
Helnwein fotografiert nur schwarz-weiß. ohne die Schönfärberei der Retusche, ohne Tricks. "Ich habe erkannt", erklärt er, "daß man auch in der Fotografie Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem Auge nicht sieht".

Michael Jackson ließ nach Los Angeles bitten. Keith Richards bat er zum Fototermin vor die Rudimente der Berliner Mauer. Norman Mailer besuchte er in seinem Haus am Meer vor New York. Mit dem Schauspieler Clint Eastwood lunchte er in München. Zum Dramatiker Heiner Müller drang er vor, als der Osten noch Feindesland war. Die betagte Hitler-Fotografin Leni Riefenstahl erzählte ihm vom Tiefseetauchen, vom "Führer" kein Wort. Der ehemalige Solidarnosc-Führer Lech Walesa war nichts als ein grinsendes, rundes, feistes, glänzendes Gesicht. Mit dem "dirty old man" der amerikanischen Literaturszene, Charles Bukowski, riß er in San Francisco die Bierdosen auf. Der Sänger Lou Reed von Velvet Underground sprach stundenlang von Andy Warhol. Der Autist Andy Warhol sprach stundenlang kein Wort über Lou Reed.

Gottfried Helnwein, Maler und Fotografiker, ist vor rund zehn Jahren unter die Fotografen gegangen. Der Wiener, der seit 1985 ein Schloß in der Eifel bei Koblenz bewohnt, wollte die Idole des vergangenen Jahrzehnts ablichten. Sein großformatiger Band "Faces", mit einer speziellen Duotone-Technik gedruckt, präsentiert die Idole der achtziger Jahre in einer unverwechselbaren künstlerischen Ausdrucksform. "Wer so fotografiert wie ich", sagt der 1949 geborene Helnwein, "der spürt etwas von der Seele des anderen. Fotografie ist nur scheinbar ein objektives Medium." Zwar stehen allen Lichtbildern dieselben Mitteln zur Verfügung, aber immer ist es "ein anderes Universum", das in den Fokus genommen wird. "Der Mick Jagger, den ich fotografiert habe, ist völlig anders als der, den Helmut Newton fotografiert hat". Helnwein glaubt, daß man das Geheimnis eines bedeutenden Fotografen "nicht so ohne weiteres entschlüsseln kann. Das ist Magie."

Angefangen hat alles damit, daß Helnwein Idole ablichten wollte, um die Fotografien als Vorlagen für seine Gemälde zu benutzen. Er malte jahrelang hyperrealistische Cover für "Time", "Newsweek", "Paris Match", "Spiegel", "Stern" und andere Magazine. Anstatt nach dem Fotografieren mit feinsten Marderpinseln jede Pore im Gesicht des New Yorker Galeristen Leo Castelli, jede Falte um den Mund des Aachener Kunstmäzens Peter Ludwig zu malen, arbeitete Helnwein mehr und mehr mit Licht und Schatten. Selbstbewußt glaubt er, daß ihm Aufnahmen gelungen sind, die zu den besten gehören, die von den jeweiligen Personen gemacht worden sind. Als die neue Gestaltungsmöglichkeit erschlossen war, reiste Helnwein durch die halbe Welt. um Termine wahrzunehmen. Nicht alle Foto-Sessions kamen zustande. Bei Gorbatschow kam ihm dessen Sturz in die Quere und bei anderen der Tod. Bei den ersten Aufnahmen von Heiner Müller versagte eine Assistentin, die bei der Entwicklung die Bilder falsch behandelte; die Aufnahmen mußten wiederholt werden.

Helnwein fotografiert nur schwarz-weiß. ohne die Schönfärberei der Retusche, ohne Tricks. "Ich habe erkannt", erklärt er, "daß man auch in der Fotografie Dinge sichtbar machen kann, die man mit bloßem Auge nicht sieht". Was ihn an dieser Arbeit interessiert, ist Verlangen nach großer Nähe zu den Prominenten, eine Sucht nach Intimität. "Es sind Personen der Zeitgeschichte. Sie prägen unser Jahrhundert mit, Generationen sind mit ihnen aufgewachsen. Ich will wissen, wer sie sind. Ich will ihnen nahekommen." Dafür nimmt Helnwein auch Opfer auf sich. In London dauerte es drei Wochen, bis die Rolling Stones ihn in ihre Studios ließen. "Das war Weihnachten für mich."