Zum fünfzigsten Jahrestag der Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" plant der Maler Gottfried Helnwein ein spektakuläres Projekt in Nürnberg. An einem Tag im November will er im "Goldenen Saal" des einstigen Reichsparteitags-Geländes eine Kunstaktion gegen den Ungeist starten, der erwünschte Kunst verfemte, die Künstler verfolgte - und der auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft unterschwellig weiterlebt.
Helnwein, der gebürtige Wiener, der 1985 in die Bundesrepublik übersiedelte und heute am Rhein lebt, will mit dieser Aktion eine Ergänzung zu den Gedenkausstellungen einiger Museen bieten. Er will nicht "gedenken", auch nicht rational aufklären. Er will mit dem Medium Kunst arbeiten: Die Aktion soll Ausstellung, Performance, Sprache, Gesang und Tanz umfassen. Helnwein setzt auf die Macht der Ästhetik, so wie auf die Nazis einst auf die Macht der Ästhetik gesetzt haben - er freilich aus der gegenteiligen Position des Künstlers, der einmal selbst in einer Ausstellung an seinen Bildern Zettel mit der Aufschrift "Entartete Kunst" fand. Assistieren sollen ihm bei seinem Nürnberger Projekt der Regisseur Thomas Wördehoff (Freie Volksbühne Berlin) und der Berner Autor Tobias Biancone.
Mit beiden war Helnwein gestern in Nürnberg, um neben den bisherigen Kontakten zum Pädagogischen Institut weitere Verbindungen aufzunehmen, namentlich im Hinblick auf die Finanzierung des noch keineswegs abgesicherten Projekts. Helnwein will neben eigenen Bildern, deren provokante, aggressive Darstellung von Gewalt, Angst und Verletzung ihn längst weltweit bekannt gemacht haben, auch Werke von Kollegen zeigen. Doch neben der bildenden sollen mehr noch die anderen Künste beteiligt sein. Helnwein spricht von einem "Gesang der Arier", der die Herrenmoral verdeutlichen soll, die geistige Basis des Terrors gegen Kunst und Menschen. Dann erwähnt er den Plan eines "Euthanasie-Balletts" mit mongoloiden Kindern. Helnwein meint, einem so heiklen Unterfangen, das die Mißverständnisse geradezu heraufbeschwören muß, vor allem durch die eigene Unbefangenheit gewachsen zu sein. Er ist überzeugt, gegen die Ästhetik des Faschismus nur mit einer eigenen Ästhetik arbeiten zu können. Dem Irrationalen des Nazismus, seiner sinnlichen Pathetik sei nur durch andere Bilder und szenische Aktionen beizukommen, nicht durch rationale Analyse. Ob das Projekt Wirklichkeit wird? Wenn er kein Geld bekomme, sagt Helnwein, mache er es "auf Sparflamme mit eigenen Mitteln."