May 11th, 1990
Hessische Post
Tralala auf Deutschland
Sibylle Peine
Boris und Steffi in Kresniks Version des "Marat" von Peter Weiss
Ein Panoptikum über Deutschland macht Regisseur Johannes Kresnik aus dem Drama "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul MaratsW von Peter Weiss. Die Ausstattung für die Inszenierung am Staatstheater Stuttgart besorgte Gottfried Helnwein. Ungewöhnlich ist das Bühnenbild von Helnwein: Die Schauspieler agieren auf einer weißen Schräge mit einem Winkel von 26 Grad, umrahmt von zwei schiefen weißen Wänden. Dadurch bieten sich reiz volle Möglichkeiten für die Choreographie Kresniks, einmal für die Massenszenen, aber auch für die Auftritte der Corday (Yvonne Devrient), wirkungsvoll bei der Mordszene, die hier mit einem sehr schrägen Liebesakt kombiniert ist.

So vergänglich sind Idole. Wer glaubt heute noch an Jean-Paul Marat? Steffi Graf und Boris Becker sind die Stars von heute. Revolutionäre wie Marat haben ausgespielt. Und Steffi Graf alias Charlotte Corday versetzt dem abgehalfterten Helden von einst gnädig den Todesstoß. So geschehen im Staatstheater Stuttgart in "Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats".

Der moderne Klassiker von Peter Weiss, seit langem ein Lieblingsstoff für Regisseure, ist jetzt von Johann Kresnik und Gottfried Helnwein bearbeitet worden. Es ist noch nicht lange her, da sorgten der jetzt wieder in Bremen arbeitende Choreograph und Regisseur und der Wiener Bühnenbildner mit ihrer "Macbeth" - Inszenierung in Heidelberg für Aufregung - nicht zuletzt wegen unübersehbarer Anklänge an die "Barschel-Affäre". Auch diesmal enttäuschen die beiden die in sie gesetzten Erwartungen nicht.

Irritationen gleich am Anfang. Ist man aus Versehen ins Kino geraten? Das Theaterstück beginnt als Film. Von den Hauptakteuren Marat und de Sade weit und breit keine Spur, dafür wird der Zuschauer Zeuge, wie ein Klüngel von Tennisspielern in Stuttgart eintrifft. Auch ein rotblonder Jüngling ist darunter - offensichtlich "unser" Boris. Das Idol - oh Schande - pinkelt zur allgemeinen Heiterkeit erst einmal respektlos auf den Rasen des Schloßgartens. Dann begibt sich die Gruppe zum Friedhof. Unter lautem Scherzen werden drei Lichtlein angezündet - es ist das Grab von Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe: Lang, lang ist's her. Ende des Vorspanns.

Das Revolutionsstück als Parabel über Deutschland. Von Meinhof bis Boris, von der Olympiade 1936 bis zu den grölenden Fußball-Fans der Gegenwart, das Zicke-zacke-hoihoi-Hoi geht nahtlos ins Sieg-Heil-Rufen über. Deutschland, das Land der 99 Luftballons und des Daimler-Sterns, ein selbstzufriedenes, ein sattes, ein Tralala-Deutschland.

Derweil träumen "die da drüben" von "einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld". Umsonst warnt Marat (Peter Rühring), dieser einsame sozialistische Rufer, in seiner Badewanne: "Seht, wie sie überall lauern und auf ihre Chance warten." Als Antwort schwingt das konsumsüchtige Volk fröhlich Chiquita-Bananen. "Unser Land ist in Gefahr", schreit Marat. Und das Volk antwortet: "Deutschland einig Vaterland."

"Glaubst Du immer noch, daß es möglich ist, die Menschen zu einen?", hält der Marquis de Sade (Claus Boysen) - ein stoischer Buddha im aufreizenden Tanga-Dreß- Maratentgegen. Er, der extreme Individualist, wendet sich ab vom Sozialismus: "Die Revolution interessiert mich nicht mehr... Ich gehöre niemandem. Ich trete aus." Marat, der Revolutionär, bleibt allein mit seiner Revolution. Er ist das Idol von gestern, das folgerichtig vom Idol von heute, einem banalen Tennisstar, dahingemordet wird.

Ungewöhnlich ist das Bühnenbild von Helnwein: Die Schauspieler agieren auf einer weißen Schräge mit einem Winkel von 26 Grad, umrahmt von zwei schiefen weißen Wänden. Dadurch bieten sich reiz volle Möglichkeiten für die Choreographie Kresniks, einmal für die Massenszenen, aber auch für die Auftritte der Corday (Yvonne Devrient), wirkungsvoll bei der Mordszene, die hier mit einem sehr schrägen Liebesakt kombiniert ist.

Das grelle, zeitweilig obszöne Spektakel forderte vereinzelte Buh-Ruhe heraus. Überwiegend jedoch reagierten die in Stuttgart sonst eher an brave Hausmannskost gewöhnten Zuschauer begeistert.