June 1st, 1992
General Anzeiger
Zweimal zwei ist nicht vier, sondern Papier
Roland Mischke
In Düren findet die einzige Papierkunst-Bienale der Welt statt
Gottfried Helnwein erfüllt Kinderträume. Der Multimedia-Künstler aus Wien, der in der Eifel ein Schloß bewohnt, inszenierte in Düren seine "White Christmas". 50 weiße Kinder, alle aus Gips und Papiermache, mit bandagierten Gesichtern, delektieren sich an einem "total künstlichen, synthetischen und kitschigen Paradies", sagt er. Die Idee dazu kam ihm in den USA, wo er seinen Zweitwohnsitz hat.

Gottfried Helnwein erfüllt Kinderträume. Der Multimedia-Künstler aus Wien, der in der Eifel ein Schloß bewohnt, inszenierte in Düren seine "White Christmas". 50 weiße Kinder, alle aus Gips und Papiermache, mit bandagierten Gesichtern, delektieren sich an einem "total künstlichen, synthetischen und kitschigen Paradies", sagt er. Die Idee dazu kam ihm in den USA, wo er seinen Zweitwohnsitz hat.

Dort gibt es ein Kaufhaus, das sich auf Weihnachtsartikel spezialisiert hat. Das ganze Jahr über werden sie verkauft, Scharen von Kindern drängt es in dieses mit "Djingle-Bell"-Musik beschaute Warenlager von Lichtern, Tieren und bunten Kugeln. Die Krippenfiguren bewegen sich, die Engel grüßen, an den Plastikbäumen brennen die Kerzen. Noch nie, sagt Helnwein, habe er so viele glänzende Kinderaugen gesehen. Das Nostalgie-Kaufhaus betrachtet er als "Museum moderner Kunst".

Auch Deutschland sollte es haben. Das Leopold-Hoesch-Museum in Düren hat er dazu auserwählt. Hier findet bis zum 20. September 1992 die IV. Internationale Biennale der Papierkunst statt, die einzige weltweit, auf der Künstler sich ausschließlich mit dem Thema "Papier und Natur" beschäftigen. Die rheinische Mittelstadt Düren, zwischen Köln und Aachen gelegen und bequem über die Autobahn zu erreichen, ist seit jeher die Stadt des Papiers. Keine andere deutsche Stadt hat so viele unterschiedliche Papierfabriken, Zulieferer- und Verarbeitungsbetriebe. Und ein Papiermuseum, das in der prachtvollen, neobarocken Villa untergebracht ist, die Leopold Hoesch, der Gründer des Dortmunder Eisen- und Walzwerkes Hoesch, um die Jahrhundertwende in seiner Heimatstadt errichten ließ - schon damals als repräsentative Stätte für eine Kunstsammlung.

600 Künstler wollten teilnehmen

Dreimal stand hier bereits seit 1986 die Papierkunst im Mittelpunkt großer Gruppenausstellungen. Auch diesmal hatten sich knapp 600 Künstler aus fast allen Ländern der Erde um eine Teilnahme beworben. Die Jury unter der Leitung der Museumsdirektorin Dorothea Eimert lud 48 Künstler davon ein, ihre Raum-Installationen zu komponieren und ihre Papier-Projekte im Bereich rund um die Villa, an der Pleußmühle und am Mühlenteich zu gestalten. Manche von ihnen reisten Wochen vor der Eröffnung an, um ihre Projekte einzurichten.

Ruth Handschin aus Zürich bringt einen abgedunkelten Raum durch fluoreszierendes Papier zum Leuchten. Die Münchnerin Dorothea Reese-Heim hat rechtzeitig vor dem Museum ein Flachsfeld angepflanzt, so daß die älteste Kulturpflanze der Menschheit, die auch der Papiergewinnung dient, in den Ausstellungsmonaten ihre blaue Blütenpracht präsentieren wird.

Der Amerikaner Steven Siegel hat seine riesige Installation aus Zeitungspapier, "The New Geology" vor dem Museumseingang aufgebaut. Sein Landsmann Thomas Leech komponierte nach einer Reise zum Mount Everest in Tibet aus 108 Papierfahnen ein "Gebet für Chomolungma". Annette Sauermann aus Aachen hat eine opulente "Lichtfalle mit Balken" mittels einer Stahlseilverspannung auf einem Eichenbalken befestigt, das Kunstwerk von Klarheit und Strenge verändert sich durch den unterschiedlichen Lichteinfall stetig im Tagesablauf. Hideyo Okuya aus Japan collagierte aus Pappe Konturen von Gesichtern, die wie gemalt aussehen. Der Schweizer Architekt Vincent Mangeat entwarf für die Expo in Sevilla den spektakulären Turm, mit dem sich sein Land in Spanien darstellt, hat aber das Modell aus Papier nach Düren gebracht. Der Brasilianer Otavio Roth entschloß sich vor fünf Jahren, eine Million Kinder aus verschiedenen Ländern in die Erschaffung eines einzigen Kunstwerkes einzubeziehen; sein Baum hat eine Million Blätter, die von Kindern aller Rassen bemalt worden sind.

Nicht nur Einzelobjekte der Künstler sind zu besichtigen, sondern auch Performances, Papiertheater und Papiermusik können erlebt werden. Die "organische Geräuschmusik" aus Papier dürfte dabei eine der verblüffendsten Attraktionen sein. Der Besucher absolviert in Düren keinen statistischen Ausstellungsparcours, sondern wird einbezogen in zahlreiche Aktivitäten rund um das Papier. Er wird dabei aufs neue ein Material schätzen lernen, mit dem er zwar tagtäglich zu tun hat, dessen Gebrauchs- und Gestaltungsmöglichkeiten ihm aber nicht annähernd bewußt sind.

Denn auch die Liebe ist Papier

Wer die Biennale besucht, wird nicht nur Vertreter einer noch jungen Kunstrichtung kennenlernen, sondern danach auch ein Gedicht des alten Gerhart Hauptmann besser verstehen: "Ich bin Papier, du bist Papier. / Papier ist zwischen dir und mir, / Papier der Himmel über dir, / die Erde unter dir Papier / Denn auch die Liebe ist Papier - / und unser Haß ist auch Papier. / Und zweimal zwei ist nicht mehr vier: / ich schwöre es, es ist Papier."

4. Internationale Biennale der Papierkunst 1992

4. International Biennal of Paper Art 1992