Zur Vernissage, bei der Stytz Syndicate (im Trio) spielen und Michael Gaedt, Chef der "Kleinen Tierschau", moderiert, baten uns die "Mitte"- Veranstalter um eine schriftliche Antwort auf die Frage: "Wer, zum Teufel, ist Keith Richards?" ...
Wer ist Keith Richards? Woher soll ich das wissen? Ich hab die Frage nicht gestellt. Genaugenommen hab ich Keith Richards dreimal bei lebendigem Leib gesehen, ich schätze, aus dreihundert Metern Entfernung. Zweimal in München (1982, am Tag, als Rainer Werner Fassbinder starb, und 1990), einmal in Hannover (1990, es war ein sehr heißer Tag). Und dann noch einmal im Fernsehen; an eine Szene darin ich mich dunkel erinnern: Keith Richards wird gezeigt, wie er in seinen Ferrari einsteigt und wegfahren will. Irgendwie aber war er übermotiviert. Er hat die Karre nicht richtig in Gang gebracht und sie deshalb wieder abgestellt. Das war - Rock 'n' Roll hin, Rock 'n' Roll her - sehr vernünftig.
Auf der Bühne hat der Mann jedesmal einen gesunden Eindruck gemacht: perfekte Ausfallschritte, würdevolle Distanziertheit und ein vital-freudiges Grinsen im Gesicht. Vermutlich hat Richards, den sie ja alle ein Wrack nennen, sich früher immer nur dann vollgedröhnt, wenn man ihn aus irgendwelchen Gründen daran gehindert hat, Gitarre zu spielen.
Es gibt einen Song von ihm, den ich besonders mag, weil er einem absurden Herzenswunsch entspricht: Der Song heißt "Sleep Tonight". Keith Richards, der grandios-gebrochene Balladen-Sänger mit seiner ramponierten Ex-Knabenchor-Stimme, stöhnt diese Schnulze auf der eher schwachen Stones-LP "Dirty Work".
Seltsamerweise haben mir die Rolling Stones immer dann am besten gefallen, wenn Mr. Richards seinem Sänger-Kollegen Mick Jagger das Mikrofon wegnahm: "Happy", was sonst (LP "Exile On Main-street"). Folgerichtig erschien für mich die schönste LP der Stones, als ihr erster Gitarrist sein Solo-Album "Talk Is Cheap" aufnahm. Die Eröffnungsnummer dieser Platte heißt "Big Enough". Und in diesem Titel muß der ganze Mensch Keith Richards drinstecken: Big Enough. Wer das verstanden hat, braucht nicht mehr weiterzureden: Talk Is Cheap. Es hätte für mich keinen Sinn, in Stones-Biographien nachzublättern, um eine bescheuerte Frage zu beantworten: "Wer ist Keith Richards?" Selbst wenn ich alle schriftlich überlieferten Rolling-Stones-Anekdoten auswendig kennen würde, könnten sie mir kaum zur Wahrheitsfindung dienen. Es ist sinnvoller, sich auf sechs Saiten als auf tausend Seiten zu konzentrieren.
Aber da war noch was, das ist wichtig:Es gibt den Kinofilm "Hail, Hail, Rock 'n' Roll", ein Porträt Chuck Berrys. Wenn ich mich richtig erinnere - im Fall des Phänomens Keith Richards kann es aber unmöglich nur um Fakten gehen -, dann organisierte der erste Stones-Gitarrist eine Party zum 60. Geburtstag von Chuck Berry im Fox-Theatre von St. Louis. Es spielt keine Rolle, daß jedesmal wenn Keith Richards für den Film in seinem Hotelzimmer interviewt wurde, eine angebrochene Whisky-Flasche aus dem Waschbecken ragte. Das sieht zwar lustig aus, stilisiert aber nur den Alltag. Wichtiger ist, daß am Ende des Films, bei der großen Konzert-Gala zu Ehren von Chuck Berry, Richards mit Fliege und Sakko die Begleitband für die Stars des Abends auffüllt. Da steht er wie der Trompetenputzer einer Tanzkapelle im Hintergrund auf einem Podest und schrubbt seine Gitarre, während vorne auf der Bühne Julian Lennon, Eric Clapton und andere Herrschaften ihre Show abziehen. Keith Richards - das ist die verkörperte Demut eines großen Künstlers, der Respekt vor der Musik hat.
Wenn Keith Richards einen Riff anspielt, dann erkennt ihn (Richards und den Riff) die ganze Welt. Das kann ihm niemand nachmachen, weil keiner so gekonnt daneben greift wie der erste Stones-Gitarrist, der die konditionsstärkste Rock-Band der Welt bis heute zusammenhält.
Die Stones, hat er einmal seine Musiker gewarnt, dürfe man einzig und allein im Todesfall verlassen. Brian Jones hat das begriffen. Ersatz-Gitarrist Mick Taylor nicht. Seitdem versucht Taylor sein Glück als wandelnde Leiche.
Interview der Süddeutschen Zeitung mit Keith Richards. Frage: "Es ist ja schon erstaunlich genug, daß Sie bis jetzt überlebt haben - bei Ihrem Lebensstil. Heute ist bereits die erste Whisky-Flasche leer und der Aschenbecher voll, dabei haben Sie erst vor zwei Stunden gefrühstückt."
Antwort Keith Richards: "Sie reden wie meine Frau. Die fragt mich auch immer: Wieso zündest du dir schon wieder eine Zigarette an? Ich antworte dann: Weil die letzte zu kurz war."
So gesehen gehört Keith Richards zu jenen "Jungs, die reden und spucken, ohne das Eigenleben der Zigaretten in ihren Gesichtern zu stören" (Raymond Chandler).
Wer ist Keith Richards? Er ist der Mann, der mit einem Rasiermesser-zu-Pflugscharen-Gesicht Gitarre spielt und den Riff von "Jumpin' Jack Flash" erfunden hat. Kurzum: Big Enough.