April 1st, 1992
Penthouse
Maler des Grauens
Elisabeth Biritz
Seine Kunst ist Schock, seine Bilder sind quälend. Gefolterte Kinderkörper, von Angst und Schmerz entstellte Gesichter. Der Wiener Gottfried Helnwein, der bei Köln lebt, geht an die Grenze des Erträglichen.

Ein kleines Mädchen im rosa Kleidchen liegt auf einer Bahre. Es kann sich nicht bewegen, ein festgeschnürter Lederriemen preßt die Arme an den Körper, schneidet ein in den Brustkorb. Die Augen der Kleinen sind weit aufgerissen vor Entsetzen: Tränen der Panik laufen über ihr Gesicht. Sie ist nicht in der Lage, sich zu wehren; nicht einmal schreien kann sie, weil ihr irgend jemand voller Wucht ein dickes Stahlrohr in den Schlund schiebt.

Horror pur. Eine schreckliche Vision, die zeigen soll, wie sich der Maler Gottfried Helnwein als Kind gefühlt hat: "In einer Welt, in der es nichts außer Verboten und Ohrfeigen gab." Immer wieder provoziert Helnwein in seiner Arbeit die Engstirnigkeit seiner Heimatstadt Wien, seines "katholisch-österreichischen" Elternhauses und aller "Spießer". Er attackiert. "Nur so kann ich mich wehren und die Verlogenheit unserer Gesellschaft reflektieren." Immer wieder malt er zerschnittene und schreiende Fratzen. Und immer wieder sind es Kinder. Das macht er mit einertechnischen Perfektion, die Angst erzeugt. Oft bemerkt man erst beim genauen zweiten Hinschauen, daß seine Bilder nur gemalt und keine Fotografien sind. Wie das vom toten Kind, dessen lebloser Kopf ins vergiftete Essen gefallen ist. Oder das vom kleinen Mädchen, dem der Vater ein Messer an die Kehle drückt.

Familienidylle bei den Helnweins. Vergnügtes Gequietsche und Geschrei, gefolgt von Gelächter. Von der düsteren Eingangshalle stapft Amadeus, ein blonder Knirps in abgetretenen Nikes, die breite, blutrot ausgelegte Treppe in den sonnendurchfluteten Burgsaal hoch und gestikuliert dabei im typischen Selbstgespräch der Dreijährigen wild vor sich her. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen seines älteren Bruders Ali, 8 - benannt nach dem weltberühmten Boxchampion, einem alten Freund seines Vaters. Aber während in den meisten Familien das Gekritzel des Nachwuchses auf A4-Papier mit bunten Magneten am Kühlschrank haftet, ist hier das Format der Strichmännchen um einiges größer: Ali hat sie in schwarzer Farbe mit einem dicken Pinsel auf eine weiße 2 * 3-Meter-Leinwand gemalt. Daneben Bilder von Vater Gottfried, auch im Großformat. Wie soll das gehen, unschuldiges Gekritzel zusammen mit Horrorvisionen: Kommen seine Kinder mit seinen gespenstischen Motiven überhaupt klar?

Familienoberhaupt Helnwein, in abgefuckten, ausgelatschten Cowboy-Boots und schwarzer, enger Lederhose, die seine Beine ellenlang und spindeldürr erscheinen lassen, lehnt sich im gemütlichen Großvatersessel zurück.

"Gerade Kinder und Jugendliche können mit meinen Bildern am besten umgehen. Sie haben einen direkten Zugang zu dem, was ich anspreche, verstehen das. Ihr Wahrnehmungsvermögen ist noch unverfälscht: Sie begreifen ganz genau, was um sie herum geschieht." Mit einem Schmunzeln um seine schmalen Lippen beobachtet er, wie Sohn Amadeus - nach Musikgenie Mozart - über den Parkettboden kugelt. "Meine Kinder sollen all das haben, was ich nicht hatte: Abenteuer, Reisen, Freiheit. Sie sollen sich austoben können, glücklich sein. Ich habe meine Kindheit gehaßt - alles war so spießig."

Erst vor sechs Jahren ist Gottfried Helnwein aus seiner Heimatstadt Wien geflüchtet. In die sanft rollenden Hügel der Eifel zwischen Köln und Bonn. Auf einem Felsen in einer alten Festung, die das Kleinstadt-Kaff Burgbrohl überragt, hat er sich und seiner Familie ein Refugium geschaffen. Meterdickes Mauerwerk aus dem zehnten Jahrhundert, efeuumrankter Uhrturm, schweres Eisentor - hier kann der Helnwein-Clan machen, was er will: Vater Gottfried, Ehefrau Renate, die Kinder Cyril, 13, Mercedes, 12, Ali, 8, und Amadeus, 3. "Wir brauchen uns um niemanden zu scheren. Hier kö'ma toben, Krach machen", wienert der 43jährige, "oder uns bloß zurückziehen."

Vor allem aber kann sich Helnwein voll und ganz seiner Arbeit widmen, niemand stört ihn dabei. Dafür sorgt seine zierliche, brünette Manager-Gattin Renate, die für ihren Mann Ausstellungen organisiert, Interviews, Termine.

Im modernst ausgestatteten Büro regelt sie per Fax und Telefon den ganzen Kleinscheiß, der einen Künstler nur von seinem Schaffen ablenken würde. Und ihr Mann schafft wie ein Besessener. Es sprudelt ununterbrochen vor lauter Ideen in seinem Kopf, "so viel, daß ich mehrere Leben bräuchte, alles zu realisieren". In seinem riesigen Studio, in das Licht von allen Seiten durch die Burgfenster strömt, kann er tagsüber auch ohne künstliche Beleuchtung arbeiten. An den hohen Stuckwänden hängen und lehnen fertige sowie noch unvollendete Gemälde: Helnweins Selbstporträt als bandagierter, schreiender Kopf mit Gabeln in den Augen, Titelbild der Scorpions-LP "Blackout"; ein Porträt von Niki Lauda; und immer wieder verunstaltete, gequält dreinblickende Kinder und Erwachsene.

Diese Bilder haben den Namen Gottfried Helnwein zu einem internationalen Begriff gemacht. Niemand kann an Kunst gleichgültig vorbeigehen - entweder man liebt sie, oder man haßt sie.

Norman Mailer bezeichnet Helnwein als "einen der wenigen aufregenden zeitgenössischen Maler". Promis wie Michael Jackson, David Bowie und Mick Jagger stehen Schlange, um sich von ihm porträtieren zu lassen. Und sie kaufen ihn. Seine Gegner gehen radikal gegen ihn vor und zensieren ohne Skrupel. Viele seiner Ausstellungen mußten schon nach wenigen Tagen abgebrochen werden, weil Öffentlichkeit, Presse und Kritiker gegen "das Grauen in seinen Bildern" protestierten. "Insbesondere die Kunstkritiker geraten immer wieder in Rage", amüsiert sich Helnwein. "Komisch, daß diese Profis, die nichts anderes machen, als Bilder zu beurteilen, bei mir die Fassung verlieren. Ja, es freut mich sogar, denn Kunstkritiker sind nutzlos. Sie stellen sich nur zwischen den Künstler und den Betrachter und stören die Kommunikation." Egal, wie man zu seiner Kunst steht: Helnwein wird heute weltweit als Größe anerkannt.

Es gibt aber auch Arbeiten, die der breiten Masse weniger bekannt sind. So entwarf Helnwein unter anderem für "Macbeth" am Stadttheater Heidelberg und für "Carmina Burana" an der Bayerischen Staatsoper Bühnenbild, Kostüme und Maske. Seine Foto-Porträts prominenter Personen wie Charles Bukowski, Keith Richards und Andy Warhol erscheinen dieses Frühjahr als Buch ("Faces"), mit Texten von Norman Mailer und William Burroughs. Mit Marlene Dietrich dokumentierte er Berlin nach dem Fall der Mauer. Und als Gegenstück zu Gerhard Richters "48 Portraits" von Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts - reine Männerwirtschaft - malte Helnwein die "48 Portraits" von wichtigen Frauen der gleichen Epoche.

"Komm, Bübchen", ruft Helnwein seinen Sohn beim Spitznamen, während er sich einen grünbraun gefleckten Army-Camouflage-Parka überzieht. "Wir fahren nach Köln, aber nicht zu schnell" meint er noch, als er Amadeus auf den Rücksitz seines dunkelblauen Mercedes 380 verfrachtet. Dann rast er mit gut 160 Sachen über die Autobahn Richtung Köln. Aus den Boxen dröhnen die Rolling Stones: Gottfried und Amadeus grooven zu Mick und Keith, engen Freunden der Helnweins. "Die Stones finde ich fantastisch. Sie waren in meiner Jugend und Schulzeit der Lichtstrahl, der Hoffnungsschimmer am Horizont. Es bedeutet mir viel, mich mit ihnen zu treffen." Oft fahren Helnwein und seine Frau nach England. Besuchen Mercedes und Ali, die dort im Schultheater spielen. Gottfried trifft sich mit Bill Wyman und Keith Richards. "Solche Menschen sind für mich die Heimat" sagt er, "nicht ein Land, sondern Leute, die ähnlich denken und fühlen wie ich. Vor allem der Keith ist für mich ein Herrgott. Er ist der Inbegriff des Rock 'n' Roll, hat ihn gelebt wie kein anderer. Sein Gesicht ist Rock total. Alle Sünden sind da eingegraben, sämtliche Drogenexzesse. Aber er nimmt nichts mehr, ist heute total dagegen. Clean bis auf die Socke."

Er verstummt Sekunden, stochert in eine winzige Parklücke. Dann: "Auch ich wollte wissen, wie weit ich es mit meinem Körper treiben kann. Einmal habe ich aus purer Neugier acht Liter Wein am Stück in mich geschüttet. Danach lag ich 3 Tage im Koma. Heute weiß ich, daß ich meinen Körper nicht wie ein Abfallprodukt behandeln darf."

"Gottfried" nennt, an der Hand und steuert auf ein Süßigkeiten-Geschäft zu. Der junge Verkäufer, Typ Kunststudent mit langen Haaren und löchrigen Jeans, erkennt Helnwein sofort. Kein Wunder. Helnwein ist mit seinem Markenzeichen Kamikaze-Samurai-Stirnband und dem restlichen Outfit nicht gerade eine unauffällige Erscheinung in Köln. Das ultimative Publikum befindet sich für Helnwein in den Vereinigten Staaten. "Amerikaner haben die Gabe, völlig unvoreingenommen und naiv ein Bild auf sich wirken zu lassen - dort hat die ultimative Kunst ihre Wurzeln. Disney World ist für mich das bedeutendste Gesamtkunstwerk überhaupt. Und Donald Duck und Mickey Mouse finde ich wichtiger als die Mona Lisa." Um möglichst nahe an Walt Disneys Kreationen zu sein, hat er vor drei Jahren in Florida, ein Strandhaus gekauft. Dort überwintert er mit seiner Familie, fährt mit seinen Kindern Motorboot und läßt sich "vom Zerfall der amerikanischen Gesellschaft inspirieren".

Zurück im grauen Köln ? "eine irrsinnig häßliche Stadt, aber die beste in Deutschland, weil sich hier der wichtigste internationale Kunstmarkt neben New York befindet" -, verläßt Helnwein mit Amadeus die Galerie, um noch ein bißchen zu bummeln. Um die Ecke gehen sie in einen Army-Laden, wo Gottfried seinem Sohn voller Begeisterung Soldatenstiefel und -jacken zeigt. Auf der Theke sind Gürtelschnallen ausgestellt; Helnwein findet besonders eine ganz toll, auf der in großen weiß-roten Lettern "Elvis" prangt. "Total unauffällig", sagt er und kauft sie sich für 20 Mark. "Elvis war der erste schöne Mensch, den ich jemals gesehen habe, als Bildchen auf Kaugummipapier in der Nachkriegszeit. Bis dahin kannte ich nur Leute, die klein, dick und gedrungen waren, rotgesichtig, in Lodenmänteln und Knickerbockern - einfach grauenhaft. Elvis, Mickey Mouse, die Rolling Stones - sie alle haben mich gerettet." Liebevoll streichelt Helnwein den glasierten King auf seinem neuen Gürtel: "Er und die anderen haben mich gelehrt, daß man sich sehr wohl gegen Autorität wehren kann - ja muß. Deshalb werde ich Kunst machen, bis ich tot umfalle."