March 25th, 1993
Rhein Zeitung
Leute von heute
Heidrun Wirth
Gottfried Helnweins Porträtaufnahmen
In dem quadratischen Atrium in der zweiten Etage des Rheinischen Landesmuseums in Bonn hängen sie wie aufgespießte Käfer in einer botanischen oder biologischen Präparatesammlung: Diesmal Spezies Mensch, genauer gesagt, es sind die Macher des heutigen (und gestrigen) Kulturbetriebs in großen nebeneinandergereihten Porträtaufnahmen.

In dem quadratischen Atrium in der zweiten Etage des Rheinischen Landesmuseums in Bonn hängen sie wie aufgespießte Käfer in einer botanischen oder biologischen Präparatesammlung: Diesmal Spezies Mensch, genauer gesagt, es sind die Macher des heutigen (und gestrigen) Kulturbetriebs in großen nebeneinandergereihten Porträtaufnahmen. Was Rang und Namen hat, ist vertreten: von Michael Jackson bis Andy Warhol, von Peter Ludwig bis Maximilian Schell. Eine imposante Männershow mit Leuten von heute.

Doch werden auch die gestrigen Seiten des Kulturbetriebs aufgeschlagen: Leni Riefenstahl, die Filmschauspielerin und Regisseurin aus der NS-Zeit, und Arno Breker, der heroisierende Skulpteur dieser Zeit. Gottfried Helnwein fotografierte den Bildhauer fotografiert, nachdem er ihm ein Bild von Beuys, gemalt von Helnwein, in die Hand gedrückt hatte.

Ein übersteigerter, überempfindlicher Realismus ist das eigentliche Thema des Künstlers und Fotografen Gottfried Helnwein, der heute in Burgbrohl lebt. In schonungslosen Hell-Dunkel-Kontrasten werden die Charaktere samt minutiöser Lebensspuren aufgeblättert. Der 1948 in Wien geborene Künstler bleibt seinem gestochen prägnanten Stil, den er als Maler pflegt, auch mit der Kamera treu. Er erreicht eine zwanghafte, fast schockartige Aufmerksamkeit bei den Betrachtern - nicht durch Verfremdung, sondern ganz im Gegenteil. durch einen überscharfen Verismus.

Der Frage nach dem Menschenbild geht der Künstler zunächst auf positivistische Weise nach, indem er das Gesicht, abhängig von der Hundertstel Sekunde der Belichtungszeit, scheinbar unbestechlich objektiv wiedergibt. So individuell die Gesichter sind, so wirken sie doch - auch durch die gleichmäßige Hängung - entpersönlicht, selbst da, wo Helnweins Selbstbildnis in Ives-Klein-Blau mit verbundenem Kopf und Augenklammern ein einziger Schrei zu sein scheint. Malen ist sich wehren?, meinte der Künstler einmal. Diesmal mit der Kamera.