Naiv, brutal, emotional und spontan - mit solchen Vokabeln beschreibt Gottfried Helnwein seine undisziplinierte Art, Fotos zu machen. Es scheint, als wolle er frech ein Mißverhältnis konstruieren, wenn er die Größen der internationalen Kulturszene mit einer simplen Kleinbildkamera, zwei Blitzgeräten und dem Faktor Zufall ablichtet. Die Ergebnisse dieser respektlosen Methode sind in einer Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums in Bonn zu sehen, die gestern abend eröffnet wurde. 45 Porträts, schlicht "Faces" genannt Alt-Rocker, ein Ministerpräsident, ein Literaten-Pistolero. Allesamt zeigen überdeutlich, was Helnwein seinen obersten Grundsatz in der Fotografie nennt: die Ästhetik zugunsten der Authentizität und Nähe fallen zu lassen.
Nähe im einfachsten Sinn und Authentizität im erschreckendsten. Helnwein hält drauf, daß die Bartstoppeln und die Pickelnarben nachzählbar sind. "Ich will etwas von seiner menschlichen Katastrophe erwischen", sagt der Künstler dazu, und das gelingt ihm. Manchmal gegen den Willen des Objektes, manchmal gar mit fröhlicher Zustimmung. Letzteres war der Fall beim Stones-Gitarristen Keith Richards, in dessen Gesicht die Geschichte des Rock 'n' Roll nachlesbar ist. Der Betrachter sieht einen, der nach dreißig Jahren noch nach "Satisfaction" sucht, und der auf dieser Suche alles ausprobiert hat. "Sex and Drugs and Rock 'n' Roll", das ist wie eingepflügt in dieses Gesicht, das nicht von ungefähr auch das Ausstellungsplakat ziert.
Sein Motiv dafür, sich nach der fotorealistischen Malerei auch mit der Fotografie selbst zu befassen, war schlicht Unzufriedenheit, erzählt Helnwein im Gespräch. Denn. selbst in perfekten Fotos, von Annie Leibowitz oder Helmut Newton zum Beispiel, erfahre man viel zu wenig über den oder die Porträtierte selbst, viel zuviel über den Porträtisten. Minuten später freilich gibt der Österreicher zu, daß auch in seinen eigenen Arbeiten eine ganze Menge von ihm selbst steckt, davon, wie er sein Objekt sehen will, das im Fall Richards beispielsweise auch sein eigenes Jugendidol ist. Dennoch ist er überzeugt, daß Helnwein-Fotos mehr von den Personen selbst herzeigen. Und das vor allem, weil sie mit einem Minimum an Technik und einem Nichts an Vorbereitung entstehen. Helnwein hat, so erzählt er, zwar daran gedacht, daß es toll wäre, William S. Burroughs mit einem großkalibrigen Revolver abzubilden, aber sich nicht zu fragen getraut. Da traf es sich bestens, daß der Schriftsteller gleich selbst mit der Waffe zur Session antrat Manipulation ist ein Foto immer, ein Ausschnitt, ein Bruchstück oder eine Verfälschung. Authentischer macht Helnwein sie, indem er die Objekte sich selbst inszenieren läßt. Peter Ludwig posiert wie fürs Paßbild, Sting wie fürs Plattencover. Nur dem Weltmeister dieser Disziplin aktiver Schizophrenie, Michael Jackson, gestattet er die Freiheit nicht: Der muß den Anblick seiner eigenen Bartstoppeln ertragen.
Völlig aus dem Rahmen fällt in dieser Hinsicht ein Foto von Arno Breker. Dem bildenden Künstler, der dem Herrenmenschen Gestalt verlieh, gab Helnwein ein Joseph Beuys-Porträt in die Hand. "Das hätte der Beuys sich nicht träumen lassen", soll Breker bei der Gelegenheit gesagt haben.
Die Ausstellung ist bis 2. Mai 1993 dienstags bis freitags 9-17 Uhr, mittwochs 9-20 Uhr, samstags und sonntags 10-17 Uhr geöffnet. Zur Schau ist ein Katalog mit 45 Abbildungen und Texten von William S. Burroughs, Reinhold Mißelbeck und Heiner Müller erschienen. Preis: 56 Mark.