Sein Markenzeichen ist der bandagierte Kopf, sein Ruf: "Blut- und Narbenmaler" - die gleichsam zum ironischen Stempel geronnene Irritation derer, denen Gottfried Helnweins so gräßlich naturgetreue Darstellungen des beschädigten Lebens ein gepflegtes Würgen bescheren. Mick Jaggers bange Frage 1982 in London, als die gesamte Rock-Riege der Stones Modell stand für den österreichischen Wunden-Künstler: "Wollen Sie auch mich mit Bandagen malen?" Helnwein der Schreckliche - einer der populärsten Maler der jüngeren Generation. Mit seinen superrealistischen Bildern hat er in den 70er Jahren Weltgeltung erlangt. Ab Sonntag ist eine Auswahl seiner neuen Werke im Dürener Leopold-Hoesch-Museum zu sehen.
Mit Vorliebe porträtiert er sich selbst, mullumwickelt, überströmt von reichlich ausgelaufenem Lebenssaft - halb Mumiensarg-Entstiegener, halb Operationstisch-Monster. Wenn die so delikat servierten Häupter zusätzlich noch vor Gabeln und Zangen starren, dann gerät die Helnweinsche Schreckensschau des verletzten Individuums glücklich zur rechten Schauerlust.
Das entstellte Gesicht als Symbol des entmenschten Menschen, verletzt, manipuliert, gequält, ausgeliefert, Opfer und Täter in einem. Helnwein, der Moralist. Das selbstbesudelte Modell pflegt sich zu fotografieren, eine Reihe von Abzügen wartet nun in Düren darauf dem Betrachter unter die Gänsehaut zu gehen.
Gesicht zum Schrei verzerrt, Gabelzinken in die Augen gekrallt, das Oberstübchen wie gewohnt umwickelt, so zierte jüngst ein Helnwein-Horror-Köpfchen das Plattencover der Scorpions, der weltweit erfolgreichsten deutschen Rockgruppe.
Der "neue" Helnwein, wie er sich in Düren präsentiert, löst sich buchstäblich auf im Dunst der Abstraktion. Die Selbstbildnisse, ehemals bis, aufs Pickelchen genau, jetzt nur mehr Metamorphosen, verschwimmen im Rausch der Farben oder im Dunkel der monochromen Lache. Mit dem Wohnsitzwechsel kam offenbar neuer schöpferischer Drang: Seiner Heimatstadt Wien hat Helnwein 1985 den Rücken gekehrt, seither lebt er in Burgbrohl am Rhein.
Um "die eigenen Klischees zu zerstören", wie er sagt, experimentiert er hier am inspirierenden Gewässer mit unterschiedlichsten Stilrichtungen und Techniken. Dabei bleibt allerdings weiterhin das Hässliche Programm. Vom linken Flügel eines Triptychons läßt er die farbig abgelichteten Hitler und Konsorten nach rechts hinüberblicken, wo ein schwarz-weiß fotografierter Bandagen-Mensch abgeht, der sich dann, offenbar mit spontanem Pinsel hingewischt, in einem bunten Farbschleier entmaterialisiert.
Hitlers verschwommenes Konterfei füllt eine andere Leinwand aus, kein "apokalyptisches Idol", das sich an eine Fahne klammert. Ein visuelles Symbol, formuliert Helnwein die Erfahrung mit seinen Hitler-Bildern, bricht verschüttete oder verdrängte Innenwelten des Betrachters auf. "Als meine Lehrer zum ersten Mal bei mir ein Hitler Porträt sahen, fingen die plötzlich an zu erzählen. Völlig private Dinge, bei denen ich mich fragte, wieso sie mir das eigentlich sagen"? berichtete der Meister in Düren gegenüber der Presse.
Die Malereien, Fotografien und Zeichnungen, gitterartige Strichelungen einer äußerordentlich plastischen Tiefe belegen: Der Künstler ist an einem Wendepunkt seines Schaffens angelangt. Die Aussagen scheinen sich mit der Reduktion noch zu verdichten, das Schockierende freilich geht der Tendenz zur Abstraktion deutlich ab. Gewinn oder Verlust ?