Die Schatten der Vergangenheit sind übermächtig. Kaum hat sich die noble Tafelrunde zu einer Geisterbeschwörung zusammengesetzt, nimmt die Geschichte auch schon ihren Verlauf. Riesige Stahltüren öffnen sich und fallen immer wieder krachend ins Schloß. Aus dem Dunkel des Unterbewußtseins schieben sich verdrängte Erinnerungen ins Bild. Wie unter einem geheimen Zwang, an dem die Musik Wilhelm Pirchners großen Anteil hat, verwandeln sich die Menschen von heute, die sich auf der Bühne des Heidelberger Theaters zu einer Séance gefunden haben, in Menschen von gestern.
Der Mythos ist immer und ewig. In einer Ecke kauert Kreon, ein Kind noch. Rasch streifen ihm die Eltern den Macht-Mantel der Erwachsenen über. Beim Weggehen schiebt ihm der Vater schnell die Mundharmonika zwischen die Zähne. Spiel mir das Lied vom Tod: Ödipus, Beine und Arme zusammengebunden, könnte es vielleicht singen. Doch der Todgeweihte, der Verurteilte, der Ausgesetzte, sucht das Leben. Während die Gesellschaft immer wieder Pflastersteine auf den Boden fallen läßt, befreit er sich keuchend von seinen Fesseln. Das Drama kann beginnen.
Johann Kresnik läßt seinen "Ödipus" nicht lange allein. Kaum hat sich der schmächtige Jüngling hoch-gekämpft, kaum steht er wieder auf seinen verwundeten Füßen, da taucht auch schon Teiresias auf, der blinde Seher, von einer Frau (Amy Coleman) verkörpert. Und der bleut ihm, rotgewandet, als. Dompteur mit seinem Stock ein Schicksal ein, an dem nicht nur er den ganzen Abend über zu tragen hat. Wie sich zeigt, ist Ödipus seinen Eltern keineswegs willkommen:Der Vater schlägt brutal die schwangere Mutter, die sich zuvor unter Geburtsqualen auf dem Boden windet. Kein Wunder, wenn der Unerwünschte unwissend zwar, aber nicht ohne Grund bei passender Gelegenheit nach dem Beil greift und den schlafenden Laios (Jeffrey Seppanen) ermordet.
Es bleibt nicht bei dem einen Mord. Kresnik erzählt zwar die Tragödie des Sophokles so, wie sie im Buche steht, erfindet zugleich jedoch für seinen Ödipus immer wieder neue Tötungssituationen: Der Sohn, selbst Opfer, kommt von seiner Blutschuld nicht mehr los, die er wie ein blutverschmiertes Laken ständig mit sich schleppt. Eine Grauenstat zieht die nächste nach sich. Ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Nicht einmal die Lösung des Rätsels, von der Sphinx gestellt, schafft für einen Augenblick Erleichterung. Auf Krücken bewegt sie sich gleich dem Orakel blindlings vorwärts, drei gebückte, behinderte Männer mit fratzenhaften Gesichtern hinter dicken Brillengläsern: Spukgestalten aus dem Schreckens-Kabinett des Gottfried Helnwein.
Der szenische Anteil des österreichischen Malers ist ganz offensichtlich. Wie schon beim "Macbeth" vor einem Jahr hat Helnwein Bild- und Kostümideen in das Choreographische Theater seines Landsmanns Johann Kresnik eingebracht, die dessen Stückchen eine neue und durchaus gegenwärtige Dimension geben. Das Spiel mit den Stahltüren, die Symbolik der ausgesuchten Farben, überhaupt die Konzentration auf starke Bildsignale wie Axt, Blutlaken, Tisch, Stuhl und Stock ermöglichen eine Dichte, die nicht alle Kresnik-Arbeiten der letzten Jahre besessen haben.
Nachdem sich Iokaste mit dem Metzgermesser die Halsschlagader aufgetrennt hat, sieht man noch einmal Ödipus (derselbe Darsteller wie der des Macbeth vor einem Jahr: Joachim Siska) zum Opfer bereit. Wieder senkt sich aus der Höhe ein riesiger Pfahl in sein Fleisch. Doch dem Schuldigen ist diese Sühne nicht genug. Über dem schwarzen Altar rammt er sich die Axt in den Leib.
Ein Theater der Grausamkeit, von Kresnik in vieldeutige Bewegungen, von Helnwein in vielschichtige Bilder, von Pirchner in wechselnde Klangsphären umgesetzt. Der Heidelberger Ballettchef erklärt seinen "Ödipus" im Programmheft nachträglich als Teil einer Trilogie, die mit "Macbeth" begann, mit einem "Lear" wohl enden wird und das Thema Macht am Fall einer Familie jeweils auf unterschiedliche Weise diskutiert. Daß er sie nicht am gleichen Ort ergänzt, kann nach diesem starken Abend nur bedauert werden. Kresnik zieht es zur nächsten Spielzeit wieder nach Bremen. Man wird ihm nachreisen müssen.