Attribute wie Schockmaler, Bandagenkünstler, Mysterium oder Narben-Rembrandt zieren den Mann mit dem Stirnband, dessen Fotos derzeit im Mainzer Kulturzentrum Albert Hoehners Buchvorstellung "Backstage - Der alltägliche Wahnsinn des Rock 'n' Roll" kommentierend begleiten. Das Enfant terrible der Wiener Kunstszene, Gottfried Helnwein, forderte selbst einmal: Malerei muß wie Rockmusik sein. Und so wären seine Bilder vordergründig, trivial und spekulativ.
Der überaus erfolgreiche und allein schon durch seine zahlreichen, den Konsumenten stark emotionalisierenden Titelbilder sehr populäre Künstler greift in der Mainzer Ausstellung das Thema "Backstage" auf. Das in blaue Farbe getauchte, bandagierte Selbstporträt oder das "stern"-Titelblatt mit Mick Jagger - müde, aufgequollen, verlebt - scheinen symptomatisch für Helnweins künstlerische Abrechnung mit der Welt.
Übernahe Gesichter wirken transparent, Hintergründe ihrer Geschichte werden im Augenblick des Fotografierens manifest, auch wenn sie sich gleichzeitig wieder ins unnahbar Ungewisse entziehen. Schmerzen, Ängste, versteckt hinter Souveränität, Charme, Koketterie im Gegenüber mit der Kamera, treffen ins Leere, verpuffen in Beziehungslosigkeit. Das Objekt, das es im Bild zu definieren gilt, das menschliche Gesicht erstarrt in seiner Bewegung, ohne aber seine Geschichte, die unweigerlich den Ausdruck prägt, verleugnen zu können.
So sind die Fotoporträts von Michael Jackson, Peter Alexander, Andy Warhol oder Keith Richards wie auch das fotorealistische James-Dean-Gemälde mehr als Dokumente ihrer selbst. Gerade das makellose Äußere birgt Irritationen, Klischees und Widersprüche, Träume und Alpträume, Erwartungen und deren Pervertierung ? all das steckt in den großformatigen Aufnahmen der Bühnenmythen. Illusionen. deren Labilität die "Backstage-Gesichter" im Moment des Fotografierens, im Moment der augenscheinlichen Beziehungslosigkeit im scheinbar leeren Raum nur andeutungsweise dem spurensuchenden Befrachter freigeben. Die so gewonnenen Bildinhalte gehen unter die Haut.
Buchautor Albert Hoehner zehrt von einer intensiven Begegnung mit Fix und Foxi in seiner frühen Jugendzeit. Für Gottfried Helnwein ist Donald Duck der Größte. Kult- und Kunstfiguren, die Habhaftwerdung des Verborgenen im vordergründigen Glanzbild, Trivialität im menschlichen Kampf um einen Hauch um Unsterblichkeit sind Themen der Ausstellung Gottfried Helnweins im Mainzer Kulturzentrum. (Bis 16. November 1988).