Nach nun gut einjähriger Probezeit feierte das Wedekindstück "Lulu" unter der Regie von Peter Zadek am Hamburger Schauspielhaus doch noch sein Frühlingserwachen. Die Inszenierung, bei der der Skandal wegen vielfach übersteigerter Szenen bereits vorprogrammiert war, ist nun auch in aller Munde. Nicht zuletzt dank Gottfried Helnwein, der das Plakat lieferte. Kaum affichiert, waren die Reaktionen der sonst so kühlen Hanseaten recht heftig. Eine steife Brise ins Gesicht der Künstler. Wohl auch schon wegen der Assoziation, die Plakat und Titel beim Betrachter auslösen.
"Ein Wink des Schicksals, daß der Titel im süddeutschen und österreichischen Raum eine andere Bedeutung hat", meint Helnwein sichtlich amüsiert. Groß die Empörung hingegen bei Eva Rühmkopf, die der Leitstelle "Gleichstellung der Frau" beim Hamburger Senat vorsteht. "Eindeutig frauendiskriminierend, die Grenze der Kunst ist überschritten", fordert sie die weibliche Bevölkerung auf, das Plakat in Beschwerdebriefen anzuprangern. Helnwein, der das Plakat in einer Reihe von Plakaten für Zadek gemacht hat und erst mit seinem letzten für Macbeth, wo er das Bild des toten Barschel in der Badewanne verwendete, nach einer Bombendrohung bei der Premiere für einen leeren Theatersaal gesorgt hatte, zum Vorwurf der Frauenfeindlichkeit: "Kaum zu beurteilen, solange sich die Hauptdarstellerin Susanne Lothar selbst nicht einmal diskriminiert fühlt. Insgesamt ist ja aber zu beobachten, daß wir uns in einer unheimlich restaurativen, reaktionären Phase befinden. Zum Beispiel auch bei dieser Pornofahndung á la Emma. Die ist ja absolut lächerlich, ungefähr auf dem Niveau des Humer in Österreich. Viel eher würde ich das Plakat, das ja den Mythos vom "männerverzehrenden Überweib" Lulu stark reduziert darstellt, noch als männerfeindlich beurteilen. Das Männchen ist ja als absolut kleiner, lächerlicher, häßlicher Zwerg dargestellt. Aber auch Schauspieler Heinz Schubert fühlt sich nicht angegriffen."
Die meisten, wenn auch nicht so lautstark vorgebrachten Reaktionen gehen von "unästhetisch" bis zur "Ermessensfrage", ob das krasse Motiv öffentlich der Betrachtung durch Kinder, Triebtäter oder Gouvernanten preiszugeben ist. Allgemein ist für Helnwein, der erst vor kurzem aus Wien, das ihm in jeder Hinsicht zu eng wurde, in ein Schloß nach Süddeutschland übersiedelt ist, festzustellen, daß die Deutschen weitaus empfindlicher, aber im Gegensatz zu Osterreich auch wesentlich offener in die Konfrontation gehen. "Wir sind zwar in Österreich, das heißt eigentlich in Wien, immer eine aggressivere Kunst gewöhnt und es gibt insofern einen höheren Toleranzlevel. Die Öffentlichkeit und die Politiker sind auch wesentlich vorsichtiger in ihren Aussagen. Dafür hat Wien eine unheimlich gehässige Kulturszene, die vollkommen archaisch ist und in der ein irrsinnig unprofessionelles Intrigenklima vorherrscht. Bist du in der falschen Clique hast du wenig zu reden. Eine Konfrontation, wie zum Beispiel zwischen Rainer und Hrdlicka wird per Leserbrief im Profil ausgetragen. Insofern wird mir Deutschland trotz der unerwarteten Angriffe auf meine Arbeit noch lange nicht zu eng und ich sehe auch nicht die Gefahr der Zensur. Abgesehen davon steht in Wien Bildende Kunst an letzter Stelle, die Leute kaufen halt lieber Jugendstil, Teppiche und Antiquitäten."
Die "Grenze der Kunst" hat Helnwein wohl doch nicht überschritten und man kann sieh seines nächsten Aufregers getrost sicher sein. Aber es werden sich wohl auch in Zukunft - und auch in Österreich - immer wieder Leitstellen und Berufene finden, die meinen, die Grenzen der Kunst neu definieren zu müssen. Und sie werden das meist noch unter dem Deckmäntelchen jener Botschaft tun, die Wedekind einer Freundin Lulus in den Mund legt: "Ich muß für die Frauenrechte kämpfen." Ob es hierzulande zur Neuauflage des Lulu-Streits kommen wird, wenn Zadek mit dem Stück Ende Mai in Wien gastiert, kann jetzt schon mit Spannung erwartet werden.