May 8th, 1990
Toelzer Kurier
Die Revolutionäre haben ausgespielt
Sibylle Peine
Kresnik / Helnwein inszenierte für Stuttgart Peter Weiß' "Marat/Sade"

So vergänglich sind Idole. Wer glaubt heute noch an Jean-Paul Marat? Steffi Graf und Boris Becker sind die Stars der Gegenwart. Revolutionäre wie Marat haben ausgespielt. Und Steffi Graf alias Charlotte Corday versetzt dem abgehalfterten Helden von einst gnädig den Todesstoß. So geschehen im Staatstheater Stuttgart bei der Premiere von "Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats".

Peter Weiß' moderner Klassiker, seit langem ein Lieblingsstoff für Regisseure, ist nun also auch von dem Paar Johann Kresnik/Gottfried Helnwein bearbeitet worden. In München hat man sie gerade ausgeladen, an der Bayerischen Staatsoper Orff zu inszenieren. Und es ist auch noch gar nicht so lange her, da sorgten der jetzt in Bremen engagierte Choreograph und Regisseur sowie der Wiener Bühnenbildner mit ihrer "Macbeth" - Inszenierung in Heidelberg für Aufregung - nicht zuletzt wegen unübersehbarer Anklänge an die Barschel-Affäre. Auch diesmal enttäuschten die beiden die in sie gesetzten Erwartungen nicht.

Irritationen gleich am Anfang. Ist man aus Versehen ins Kino geraten? Das Theaterstück nämlich beginnt als Film. Von den Hauptakteuren Marat und de Sade weit und breit keine Spur, dafür wird der Zuschauer Zeuge, wie ein Klüngel von Tennisspielern in Stuttgart eintrifft. Auch ein rotblonder Jüngling ist darunter - offensichtlich "unser" Boris. Das Idol - oh Schande - macht zur allgemeinen Heiterkeit erst einmal respektlos auf den Rasen des Schloßgartens. Dann begibt sich die Gruppe zum Friedhof. Unter lautem Scherzen werden drei Lichtlein angezündet - es ist das Grab von Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe. Lang, lang ist's her. Frieden ihrer Asche. Ende des Vorspanns.

Das Revolutionsstück als Parabel über Deutschland. Von Meinhof bis Boris, von der Olympiade 1936 bis zu den grölenden Fußball-Fans der Gegenwart, das Zicke-zacke hoi-hoi-hoi geht nahtlos ins Sieg-Heil-Rufen über. Deutschland, das Land der 99 Luftballons und des Daimler-Sterns, ein selbstzufriedenes, ein sattes, ein Tralala-Deutschland. Derweil träumen "die da drüben" vom "Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld". Umsonst warnt Marat (Peter Rühring), dieser einsame sozialistische Rufer, in seiner Badewanne: "Seht, wie sie überall lauern und auf ihre Chance warten." Als Antwort schwingt das konsumsüchtige Volk fröhlich Chiquita-Bananen. "Unser Land ist in Gefahr", schreit Marat. Und das Volk antwortet: "Deutschland einig Vaterland".

"Glaubst Du immer noch, daß es möglich ist, die Menschen zu einen?" hält Marquis de Sade (Claus Boysen) - ein stoischer Buddha im aufreizenden Tanga-Dreß - Marat entgegen. Er, der extreme Individualist, wendet sich ab vom Sozialismus: "Die Revolution interessiert mich nicht mehr... Ich gehöre niemandem. Ich trete aus." Marat, der Revolutionär, bleibt allein mit seiner Revolution. Er ist das Idol von gestern, das folgerichtig vom Idol von heute, einem banalen Tennisstar, dahingemordet wird.

Ungewöhnlich ist das Bühnenbild von Helnwein: Die Schauspieler agieren auf einer weißen Schräge mit einem Winkel von 26 Grad, umrahmt von zwei schiefen weißen Wänden. Dadurch bieten sich reizvolle Möglichkeiten für die Choreographie Kresniks - einmal für die Massenszenen, aber auch für die Auftritte der Corday (Yvonne Devrient) - so wirkungsvoll bei der Mordszene, die hier mit einem sehr schrägen Liebesakt kombiniert ist.

Das grelle, zeitweilig ziemlich obszöne Spektakel forderte vereinzelte Buh-Ruhe heraus. Überwiegend jedoch reagierten die in Stuttgart sonst eher brave Hausmannkost gewöhnten Zuschauer begeistert.