Die Malereien und Graphiken des Wiener Künstlers Gottfried Helnwein sind alles andere als schön im landläufigen Sinn. Die mit äußerster Exaktheit und technisch hervorragend gestalteten Zeichnungen und Arbeiten in Mischtechnik beunruhigen den Betrachter und lassen vielfach ein Gefühl des Entsetzens in Ihm aufkommen. Mit großer Genauigkeit werden Geräte und Apparate gezeigt, mit deren Hilfe die physiognomische Beschaffenheit menschlicher Gesichter einer Veränderung und Verzerrung unterworfen werden. Man sieht Menschen, deren Köpfe bandagiert sind, die in ungewöhnlichen Stellungen gefesselt sind, man registriert vor allem, daß immer wieder Kinder dargestellt werden, die unbarmharzig in erschreckender Wehrlosigkeit sadistischen Manipulationen ausgeliefert sind.
Dem Künstler Helnwein jedoch, der bei Rudolf Hausner an der Wiener Akademie studiert hat, geht es nicht darum, bei seinem Publikum sadomasochistische Instinkte auszulösen, für ihn ist die Grausamkeit und Folter lediglich ein Medium, dem Betrachter die in ihm schlummernden, verdeckten Vorstellungen in dieser Richtung bewußt zu machen und Überlegungen und Selbstanalysen herauszufordern. Helnwein will gleichsam Schmerz und Leid darstellen, um deren Existenz zu dokuzumachen und Überlegungen und Selbstanalysen rechtfertigen.
Wenn Gottfried Heliwein von Johann Muschik in seinem Buch "Die Wiener Schule des Phantastischen Realismus" (erschienen 1974) als Vertreter dieser Stilrichtung genannt wird, dann geschieht dies im Hinblick auf das analysierende Moment in des Künstlers Werk. Damit setzt sich auch Helnwein deutlich vom Surrealismus Bretonischer Manifestation ab. "Unterscheidend bleibt", schreibt Muschik als einer der besten Kenner des Phantastischen Realismus, "daß Ihnen (den Malern der Wiener Schule) keineswegs um jene Austreibung der Ratio, jene Exklusivität des Irrationalen und Absurden zu tun ist, an welcher den Surrealisten liegt." Die Intellektuelle Durchdringung eines Themas ist bei Helnwein vorhanden. Er verfährt dabei auf seine Weise und auf unverwechselbar persönliche Art. Seine Bilder und Zeichnungen wollen und sollen schockieren, zugleich aber auch aktivieren sie das Nachdenken und erfüllen damit, eben weil sie Kontraste zu ethischen Forderungen bieten, eine humane Funktion.
