November 1st, 1987
Plärrer
"Wie willst Du die Nazi-Großkunst kleinkriegen, Gottfried Helnwein?"
Jochen Schmoldt
Gottfried Helnwein, bestens bekannt als Superrealistischer Maler, arbeitet an einem Ausstellungsprojekt für den »Goldenen Saal« auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände unter dem Titel »Der Untermensch«. Keine »Helnwein-Show«, sondern eine Kooperation mit verschiedenen Künstlern und Medien sind geplant. Ursprünglich aus Anlaß des 50 jährigen Jubiläums »Entartete Kunst« für diesen Herbst geplant, verschiebt sich das Projekt aufs nächste Jahr. Jochen Schmoldt sprach mit dem Exil-Wiener.

PLÄRRER: Wie sieht die Gründkonzeption für Dein Nürnberger Projekt »Der Untermensch« aus?

Helnwein: Durch den Rahmen der Nazi-Architektur ist eine gewisse Monumentalität vorgegeben. Das heißt für mich, daß die Reaktion darauf von ähnlicher Wucht sein muß, damit sie als »Gegenästhetik« zur Geltung kommt. Alles »Kleine«, auch wenn es noch so gut gemeint ist, wirkt gegen die Baumassen des »Goldenen Saales« einfach lächerlich! In dem Fall wäre nämlich das »Argument« der Nazi-Ästhetik stärker, und das darf nicht sein. Es hat sich für mich daher ergeben, daß die Zeit bislang für die Verwirklichung eines solchen Gegenprojektes nicht ausreichte, deshalb habe ich es auf das nächste Jahr verschoben. Es soll eine Art »Gesamtkunstwerk« werden, das Gebäude soll umverwandelt werden, in eine »begehbare Skulptur«, zu Beginn der Ausstellung findet eine Art »Oper« statt.

PLÄRRER: Welches »Gegenargument« hast Du?

Helnwein: Es werden also nicht nur Bilder aufgehängt, die Gesamtstruktur des »Goldenen Saales« soll ja verändert werden. Bisher hat ja nur der »Zahn der Zeit« daran genagt, niemand scheint genau zu wissen, was er mit dem Monstrum anfangen soll, und es existiert wohl auch eine gewisse Scheu, es einfach abzureißen. Dies hielte ich übrigens auch nicht für sinnvoll. Sinnvoll wäre aber meiner Ansicht nach, dem Ganzen eine andere Bedeutung zu geben. Wichtig ist auch, zu betonen, daß ich hier keine »Vergangenheit aufarbeiten« will, sondern als ein Künstler, der heute lebt, mit den lebendigen Mitteln der Kunst Stellung beziehe.

PLÄRRER: Dein Bekanntheitsgrad als Künstler stammt vornehmlich von deinen »realistischen« Arbeiten, während Du parallel dazu schon immer auch in völlig anderen Maltechniken, in Verbindung mit anderen Medien wie der Fotografie gearbeitet hast. Welches künstlerische Selbstverständnis hast Du?

Helnwein: Ich würde mich durchaus als »Konzept-Künst1er« bezeichnen. Ich war nie allein in das Medium »Malerei« als einzigem Ausdrucksmittel verliebt. Malerei ist für mich - bei der Vermittlung und dem Ausdruck von Inhalten - so wichtig wie die Fotografie, oder wie Objekte, auch Video, oder sogar der eigene Körper: diese künstlerischen Zusammenhänge habe ich seit 1970 auch immer wieder darzustellen versucht. Daß meine realistischen Sachen am bekanntesten sind, liegt wiederum an der Verbreitung durch die Printmedien, speziell durch Titelbilder und Plakate, also die Massenvervielfältigung. Aber das ist für mich wirklich nur ein Aspekt meiner Arbeit.

PLÄRRER: Bei aller Ausdrucksvielfalt, wie würdest Du Dein Kernthema in der Kunst - inhaltlich - charakterisieren?

Helnwein: Ohne falsche Assoziationen wachzurufen, möchte ich doch sagen, daß ich meine künstlerische Entwicklung als eine Art »Kampf« verstehe. Es ist eine ständige Reaktion auf die Provokationen der Umwelt, so wie sie auf mich wirken. Ich setze mich künstlerisch zur Wehr, gleichzeitig ist es ein Weg, mich selber zu definieren, zu »finden«.

PLÄRRER: Die Bilder der »gearteten« Maler, also den linientreuen Nazi-Maler, sind in diversen Depots gelagert. Was hältst Du von der Möglichkeit, sie öffentlich zu zeigen?

Helnwein: Ich habe jüngst in einer Bremer Ausstellung, sozusagen als Vorarbeit für Nürnberg, ein paar solcher Nazi-Bilder mitgezeigt. Diese Bilder stellen Kühe dar! So scheint also die Kuh einen bestimmten Symbolcharakter zu haben, so etwas bietet sich zum Beispiel für eine Gegeninspiration an. Grundsätzlich wird mein Projekt nicht den geringsten pädagogischen Charakter haben ä la: Die Nation möge doch in sich gehen... Meine Absicht ist es, neue Denkanstöße zu geben. Ich halte daher im Zusammenhang mit der Nazikunst auch nichts von nachträglichen Selbstbezichtigungen im Sinne von Kollektivschuld, das ist mehr ein Kult, der aus der katholischen Tradition stammt; nein, man soll einmal beginnen, das ganze Thema anders zu sehen. Ästhetik war immer auch eine gefährliche Waffe, von niemanden wurde sie je so mißbraucht und so teuflisch eingesetzt wie von den Nazis. Was die Neonazis heute noch fasziniert, ist weniger die Ideologie, sondern in erster Linie die Ästhetik, die Ästhetik der Kleidung, der Haltung, der Bewegung. Die Riemen, die Abzeichen, die nichtdurchschauten Symbole:hier kann man zeigen, wie lächerlich der Geist ist, der dahintersteckt. Die Erbärmlichkeit dieser Sache aufzuzeigen, finde ich viel besser, als ständiges Drohen, Mahnen und Raunen! Mir liegt also an Zersetzung!

PLÄRRER: Parallel zur monumentalen Nazi-Architektur existiert ja auch eine Architektur, die immer noch den hartnäckigen Ruf der »Avantgarde« hat, wie zum Beispiel die von Le Corbusier, der zur Zeit gefeiert wird und dem man durchaus unterstellen kann, im großen Stil - freilich nicht für irgendein Regime - jene öden Baumassen entworfen zu haben, die heute in aller Welt als Gebrauchsarchitektur hin geklotzt werden. Wie verhält es sich denn mit dieser Ästhetik?

Helnwein: Ich glaube auch, daß das eine Fehlentwicklung war, wobei man freilich immer die überladene, kitschige Architektur jener Zeit vor Augen haben muß: die provozierte geradezu klare Formen! Leute wie der Wiener Adolf Loos, auch das Bauhaus, haben ihre Konzepte sicherlich gut gemeint, damals waren sie auch richtig. Klare Architektur ist ein gutes Prinzip, aber die reale Entwicklung hat zweifellos in eine Sackgasse geführt. Ich meine, man muß den Mut haben, aus einer Entwicklung auszusteigen, wenn offenbar ist, daß sie falsch ist! Ich kann mir schon gut vorstellen, wie erhebend die Vision eines Wolkenkratzers in der Theorie wirkt, aber wenn dort organisches Leben stattfinden soll, stellt sich so etwas als Schnapsidee heraus ... In dem Sinne ist der Goldene Saal auch nicht etwas, das mit Leben zu tun hat, sondern eine Theaterkulisse, die die Menschen demütig machen soll.