April 9th, 1988
Westfälische Rundschau
Künstler von Weltrang ist kein "Schmerzensmann" der reinen Selbstdarstellung
Gottfried Helnwein beim Kunstverein Siegen
Der "Wiener Schmerzensmann", dessen Selbstporträts, mit bandagiertem Kopf und im Gesicht verankerten chirurgischen Instrumenten, um die Welt gingen, wirkt - im Gespräch mit der Rundschau während du Vorarbeiten zur Vernissage - ganz anders, als die kontrastierenden Schlagzeilen über ihn vermuten lassen: Engagiert, spontan, ungekünstelt, fern von Allüren.

Er ist umstellt von seinen Werken in verschiedenen Techniken: Ölgemälden, Fotos, Montagen in gigantischen Formaten. Faszinierende Fotos, mit einer Polaroidkamera fotografiert, von der nur noch zwei Exemplare existieren. Die Firma lädt Künstler ein, diese Rarität zu nutzen.

Die Bildinhalte sind ausnahmslos Alptraumvisionen zum Thema: gequälte, entstellte, verwundete Kreatur. "Natürlich sieht man da immer wieder mich," sagt er. "Nicht als Darstellung meines Ego; Es ist halt das Modell, das ich immer zur Hand habe. Die Vermummung, die Verletzung ausdrückt, unterstreicht die Anonymität." Sein Urthema ist der Mensch als Täter und Opfer - Kain und Abel durch die Epochen, die über individuelle Leidensgeschichte des Menschen.

Wandfüllend das zwölf Quadratmeter große Tryptichon: "Der Beweis". Ein riesiges Farbfoto zeigt Hitler mit seinen strammen, Zucht und Ordnung heischenden Vertrauten. Daneben ein gesichts-loses Opfer mit dem Hals in der Schlinge - Ohnmacht und Schmerz und Auschwitz suggerierend. Als Abschluß eine abstrakte Komposition, wie mit Blut gemalt: "Schmerzvolles Chaos." Auch an diesem Werk stießen sich die Kritiker, denen der Künstler keinen Respekt zollt: "Es geht ihnen nur um die Macht, diesen Kunsttheoretikern. Wer da nicht zum Höfling werden will, distanziert sich von diesen 'Experten' im Kunstbetrieb." Unbegreiflich für Helnwein der scharfe Protest gegen sein Plakat zur Hamburger Lulu-Inszenierung: "Wedekinds triebhaftes Überweib, konfrontiert mit dem Mann als Männchen. Was ist da frauenfeindlich?" Aus Wien, das er verließ, um in der "so viel offeneren" Bundesrepublik zu leben, erreichte ihn ungeteiltes Lob des Bürgermeisters für das Plakat zur Zadekinszenierung. "Auch Alice Schwarzer war restlos einverstanden."

Von Kunstkritikern als Entgleisung empfunden wurde in Heidelberg die von Helnwein geschaffene Ausstattung zu einem Macbeth-Abend. Shakespeares machtgieriger Held wird zum Finale in die Badewanne gelegt. Das Barschelfoto aus dem Stern erschien eingearbeitet im Plakat. Für Helnwein ein legitimes Mittel zum Brückenschlag in die Gegenwart. "Ich informiere mich in den Medien, nehme auf was passiert."

Ein Ölgemälde mit dem Titel "Judas" zeigt den verratenen Jesus als Kind. Kinder - sind in frühen Werken häufiges Modell. Gequälten, mißhandelten Kindern wurde - so sagt er - in der Kunst nie der gebührende Stellenwert eingeräumt. Oft hat Helnwein in Kindergärten ausgestellt. Kinder und Jugendliche sind für ihn ein spontanes, wunderbares Publikum".

Gottfried Helnwein lebt in der Eifel, mit Frau, Kindern, Hühnern und Katzen. Weil er die Provinz liebt, freut sich besonders auf das Sonntagsgespräch mit dem Siegener Publikum, "auf die Neugier, die Offenheit, die da viel eher anzutreffen ist, als in gesättigten, großen Städten. - Vermutlich wird er in harten Bandagen" diskutieren.