April 1st, 1989
Westdeutsche Allgemeine
Der Fluch der Erkenntnis
Hans Jansen
Heidelberg: Johann Kresnik vollendet sein choreographisches Theater mit "Ödipus"
Kresnik und sein Bühnenbildner, der österreichische Maler Gottfried Helnwein, entwickeln für diese Sicht des Ödipus, dem die Erkenntnis der eigenen Schuld nicht Läuterung, sondern Fluch bringt, eine Ästhetik kunstvoll verschlüsselter Symbole. Aus fünf bühnenhohen Eisentüren, deren Riegel mit ohrenbetäubendem Lärm zuschlagen, kommen die mythischen Gestalten hervor, bilden lebende Skulpturen, lösen sich zum klassischen Pas de deux oder Pas de trois, ehe sie sich wieder, gleichsam von unsichtbaren Mächten getrieben, zu wild skandierenden Körperketten zusammenschließen.

Wuppertal hat Pina Bausch, Heidelberg hatte Johann Kresnik. Beide haben auf unterschiedliche Weise dem zeitgenössischen Tanztheater wichtige Impulse gegeben. Im Gegensatz zu Pina Bausch mußte Kresnik lange auf internationale Anerkennung warten. Doch während die Bausch trotz weltweiter Erfolge in den letzten Jahren auf der Stelle zu treten scheint, erschlägt Kresnik seine Zuschauer nach wie vor förmlich mit immer neuen Bild-Erfindungen und Tanzformen.

"Ödipus", seine letzte Premiere nach zehnjähriger Arbeit in Heidelberg, ist Beweis für die ungebrochene Kraft dieses "choreographischen Theaters", das im Leitmotiv des an sich und der Gesellschaft leidenden Menschen gleichwohl thematische Kontinuität aufweist. Nicht von ungefähr säumen Figuren der Zeit- und Literaturgeschichte wie die amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath, der italienische Filmemacher Pasolini und Büchners "Woyzeck" seinen künstlerischen Weg.

Kresniks "Ödipus" geht über die Tragödie des altgriechischen Dichters Sophokles hinaus. Er erzählt die Geschichte des thebanischen Königs, der unerkannt seinen Vater erschlägt und die Mutter heiratet, auf daß sich göttliches Orakel erfülle, assoziativ auf verschiedenen Zeit- und Kulturebenen, indem er antiken und christlichen Mythos verschmilzt. Wie ein Alptraum setzt sich die blutige Fabel aus der Séance eines Familienclans am hölzernen Tisch frei.

Ödipus erscheint mit den Stigmata des Gekreuzigten, und der außerordentliche Joachim Siska tanzt ihn, ausdrucksstark und sensibel, im weißen Lendenschurz wie den Schmerzensmann des neuen Testaments.

Dementsprechend trägt seine Mutter und Gattin Iokaste, die Pearl Seppanen mit verhaltener Trauer und virtuosem Elan verkörpert, den blauen Schleier der Madonna von Lourdes. Laios, der Vater (Jeffrey Seppanen), verbirgt seine Identität hinter der weißen Soutane eines hohen Kirchenfürsten, und dem blinden Seher Teiresias gibt die Tänzerin Amy Coleman im flammendroten Kardinalsornat die geifernde Ekstase eines eifernden Inquisitors, indes der Chor die Leiden des Volkes - Pest, Unterdrückung, religiösen Wahn- bis an die Grenze der Selbstentblößung veranschaulicht.

Blasphemie? Nein, denn Kresnik gibt weder eine eindeutig theologische noch eine ausschließlich psychoanalytische Deutung des Stoffes. Er sieht und zieht vielmehr Parallelen zwischen der Wahrheitssuche des Ödipus und christlichem Heilsverlangen, wie sie unlängst Roberto Ciulli in den "Bakchen" des Euripides aufdeckte. Und er setzt sie, wie Ciulli, um in Bilder von expressiver Gewalteskalation und verstörter Leiderfahrung.

Kresnik und sein Bühnenbildner, der österreichische Maler Gottfried Helnwein, entwickeln für diese Sicht des Ödipus, dem die Erkenntnis der eigenen Schuld nicht Läuterung, sondern Fluch bringt, eine Ästhetik kunstvoll verschlüsselter Symbole. Aus fünf bühnenhohen Eisentüren, deren Riegel mit ohrenbetäubendem Lärm zuschlagen, kommen die mythischen Gestalten hervor, bilden lebende Skulpturen, lösen sich zum klassischen Pas de deux oder Pas de trois, ehe sie sich wieder, gleichsam von unsichtbaren Mächten getrieben, zu wild skandierenden Körperketten zusammenschließen.

Schier unerschöpflich scheinen Kresniks choreographischer Reichtum und die Leistungsfähigkeit seines blendend trainierten Ensembles. Da gewinnt auch szenische Form, was Sophokles nur im Botenbericht mitteilt: die Ermordung des Laios als brutaler Zweikampf mit dem Beil; die Erscheinung der dreiköpfigen Sphinx in Gestalt von drei überlebensgroßen eisernen Gliederpuppen; Selbstkastration und Blendung des Ödipus, für die ein magisch beleuchteter Riesenstift vom Bühnenhimmel herabfährt: Eine Schreckenskammer des Unterbewußten tut sich auf, rätselhaft und gewalttätig und voll der süßen Cellomelodien und gräßlich knirschenden Geräusche, die Werner Pirchner für diesen "Ödipus" komponiert hat.

"Ödipus" ist nach Macbeth das Mittelstück einer Trilogie, die auch von Mißbrauch und Verführung der Macht handelt. "Lear", den letzten Teil, will Kresnik 1990 an seiner neuen Wirkungsstätte in Bremen erarbeiten, wo sein choreographisches Welttheater vor 15 Jahren seinen Anfang nahm.