O Fortuna! Diese höchst unzuverlässige Göttin des Glücks, die in den "Carmina Burana" angerufen wird, scheint dem Münchner Staatsoperndirektor Wolfgang Sawallisch schon seit einiger Zeit nicht mehr sehr gewogen. Doch just in dem Moment muß sie sich gänzlich von ihm abgewandt haben, als er beschlossen hatte, Carl Orffs "Trionfi" zur Eröffnung der Opernfestspiele 1990 aufs Programm zu setzen und selbst zu dirigieren. Fortuna blieb erbarmungslos, mochte auch dem Kölner Regisseur (und Bühnenbildner) Hans Neugebauer und der Choreograph Krisztina Horváth nicht beistehen, die nach München kamen, um, in letzter Minute, die Premiere als szenische Aufführung zu retten.
Was Wunder, daß das Publikum nach pausenreichen dreieinhalb Stunden Orff keinen Skandal inszenierte, sondern lustlos bis desinteressiert für die Bemühungen dankte. Freilich wurde Wolfgang Sawallisch ausgebuht, der Staatsoperndirektor wie der Dirigent. Wollte man ihn doch noch einmal für seine höchst persönliche Entscheidung schelten, sich im April vom lange angekündigtem Team Johann Kresnik/Gottfried Helnwein zu trennen. Die Partei der Sawallisch-Verteidiger war hörbar klein.
Sawallisch nahm's gelassen hin. Im Gegensatz zu den Zuschauern wird er ja wohl wissen, wie Kresnik ? der in Bremen und beim Berliner Theatertreffen mit seinem Tanztheaterstück um Ulrike Meinhof Furore machte ? die "Trionfi" interpretiert hätte.
Nun haben Neugebauer und Krisztina Horváth natürlich den großzügigen Bonus, den man Nothelfern wohl zugestehen muß. "Trionfi" ? das ist schließlich eine tückische, weil unorganische Trilogie. Die Kehrseite: Das ritterliche Rittertum gegenüber einem Theater kann kein Freibrief dafür sein, sich mit vielen Floskeln und wenig Phantasie pseudomodern über die Runden zu retten.
Hans Neugebauer galt einmal als Provokateur im deutschen Musiktheater. Doch wen provoziert es heute noch, wenn er "Carmina Burana" in einer blau gekachelten Badeanstalt ansiedelt, seine Personnage als Bademeister auf Lehrgang anziehen läßt? Können wir uns doch glatt vorstellen, daß die sauf- und sexfreudigen Studenten ihren Rausch in schweißtreibender Thermen-Hitze kurieren.
Bedauerlich aber ist, daß sie allesamt zu Schlaffis geworden sind. Ihre frivolen Lieder ziemlich müde zum besten geben, platt auf den Text reagieren. Sollte der Regisseur an eine Parodie gedacht haben, dann hätte ihm eine subtilere Personenregie einfallen müssen. Selbst der telefonierende Liebhaber (Bariton Eike Wilm Schulte) und die putzende Jungfer mit Kind (Julie Kaufmann) haben über die Jahre an Witz verloren.
Korrespondierend zu den "Carmina Burana" ist danach wohl das rote Klinker-Bordell der "Catulli Carmina" gedacht. Dort staubte es allerdings gewaltig, diese Peep Show war beängstigend fad.
Doch vielleicht wollte Neugebauer ja zeigen, wie langweilig wir auf diesem Gebiet geworden sind. Er verlegt schließlich den "Trionfi di Afodite" in ein schwarzes Marmor-Mauloseum à la Mussolini, weil das Eheglück an sich fragwürdig geworden ist.
Das aber hätte inszeniert werden müssen. Zu sehen war kaum mehr als vordergründige Illustration des Themas Liebe und ihre Folgen. Es fehlte obendrein der rote Faden, der die Teile der Trilogie überzeugend zusammengebunden hätte. In solch zahnlosen Arrangements war dann auch Krisztina Horváth mit ihren Tänzern aus Freiburg und Salzburg hoffnungslos überfordert. Sie lieferte brave Dekoration, wo der aufreizende Kontrapunkt gefragt war, lavierte sich choreographisch qualvoll durch Text und Musik.
Spätestens da rächte sich Sawallischs Kompromißlösung, der Zwang, die "Trionfi" nicht mehr in eine Interpretationshand geben zu können. Regie und Tanz blieben unvereinbare Künste. Fremdkörper jedoch war letztlich auch die Musik: Gut der Staatsopernchor (Udo Mehrpohl) und der Rundfunkchor (Michael Gläser), das Staatsorchester, ordentlich die Solisten.
Sawallisch dirigierte korrekt. Feuer indes schlug er nicht aus den Noten. Er begeisterte nicht mit Brillanz und Virtuosität, unterstützte die Szene nicht, trug deren Interpretationsversuche nicht mit. Warum aber wollte er dann eine Wiederbelebung der "Trionfie"? Nur zum Gedenken an den 95. Geburtstag des 1982 gestorbenen Carl Orff? Der Zweck heiligt die Mittel wohl kaum.