Wer Wert legt auf ein aalglattes Äusseres, wer keinen Kratzer toleriert auf seinem properen Image, darf sich nicht von Gottfried Helnwein porträtieren lassen. Der so berühmte wie umstrittene, 1948 in Wien geborene Multimediakünstler legt nämlich keinen Weichzeichner vor die Linse, wenn er sein Gegenüber mit der Kamera festhält. Jüngstes Beispiel seines furchtlosen Umgangs mit "Autoritäten" war das Jeanmaire-Plakat zu Urs Widmers Theaterstück, in welchem er dem "Jahrhundertverräter" kurzerhand die Hosen runterliess.
In der Edition Stemmle ist ein großformatiger Fotoband erschienen, die Hardcover-Version des Katalogs zur Ausstellung "Faces" (nächster Termin: 8. 1.-3. 3. 1993 im Museum für Fotografie, Bremen), mit einer Auswahl von Fotoporträts Prominenter Zeitgenossen, von Keith Richards über Lech Walesa bis Charles Bukowski und David Bowie. Es sind bis auf Leni Riefensthal lauter Männer, die Helnwein vor seine Kamera gebeten hat, was hoffentlich nichtbedeutet, dass der Künstler keine weiblichen Idole kennt.
Diese Männerlastigkeit wird durch die Qualität der Bilder wettgemacht. Sie gehen unter die Haut, auch wenn oder vielleicht gerade weil sie zuweilen schockieren. So erinnert Charles Bukowskis verlebtes Antlitz im Dreiviertelprofil an eine Kraterlandschaft, David Bowie - eines der wenigen Farbbilder - macht einen fast anämisch Eindruck, und Lech Walesas Doppelkinn quillt über den rechten Bildrand hinaus - alles nicht sehr schmeichafte Abbilder von Kultfiguren. Dieser unbefangene Umgang mit den Idolen unserer Zelt ist bei Helnwein Programm: "Ich arbeite seit Jahren an mehreren verschiedenen Zyklen zur gleichen Zeit. Themen, die mich interessieren, sind Intoleranz und Gewalt, aber auch die Ikonen unserer Zeit: die Idole."
Im Vorspann legen zwei der Porträtierten ihre Überlegungen zu Helnweins Kunstschaffen dar. Der Schriftsteller William S. Burroughs weist darauf hin, wie dessen Fotos und Malereien den Irrtum attackieren, "dass irgendein menschliches Gesicht zu irgendeinem Zeitpunkt mehr oder weniger gleich aussieht wie dasjenige einer Statue", dass sie vielmehr die stetige Veränderung dokumentieren. Der Ex-DDR Dramatiker Heiner Müller fragt sich: "Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine - exzellente - Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen?" Und Reinhold Misselbeck vom Museum Ludwig in Köln stellt fest. "Die Porträts von Gottfried Helnwein können als Gegenpol zu der technisch ausgefeilten Glätte der Porträts von Robert Mapplethorpe gesehen werden. Ihm geht es um den Menschen, um die Nähe zu den Personen, die er fotografiert."