February 14th, 1988
Welt am Sonntag
Reichlich Sex und Gewalt im Haus an der Kirchenallee
"Lulu" war Peter Zadeks vorerst letzte Premiere in der Hansestadt. Der Intendant wählte zum Abschied ein Stück, das ihm besonders liegt
Intendant Zadek wirbt in der ganzen Stadt mit einem Plakat des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein für "Lulu". Das Plakat zeigt einen gnomenhaften Mann vor dem Entblößten Unterleib der Hauptdarstellerin. Das Plakat verursachte diese Woche in der Hansestadt Proteste. So sagte die Frauenbeauftragte des Hamburger Senats, die Schriftsteller-Gattin Eva Rühmkorf: "Meiner Meinung nach ist die Grenze der Kunst überschritten." Und Hamburgs neuer Kultursenator Ingo von Münch (FDP), der in der sechsjährigen Auseinandersetzung um die menschenverachtende rechtsfreie Zone in der Hafenstraße für "Toleranz" plädiert hatte, zeigt sich empört: "Ich finde das Plakat frauenfeindlich." Peter Zadek zeigte sich von der öffentlichen Kritik an seiner Plakatwerbung eher ungerührt; einer Hamburger Arbeiterzeitung sagte er: "Ich lese keine Zeitungen. Ich weiß gar nicht, worum es geht. Wissen Sie was? Ich kann gar nicht lesen."

Gestern abend hatte im Deutschen Schauspielhaus in der Kirchenallee die Tragödie "Lulu" Premiere. Inszeniert wurde das Stück vom Hausherrn selber; Intendant Peter Zadek nennt es eine "Monstre-Tragödie".

Es war Zadeks letzte Premiere in der Hansestadt. Im nächsten Jahr wird er Hamburg auf eigenen Wunsch verlassen.

Über "Lulu" sagte Zadek einmal: "Muß mir doch besonders liegen (Sex and violence usw)." Sex und Gewalt bietet "Lulu" reichlich. Das Stück erzählt die Geschichte einer Kindfrau, die sich einen Arzt, einen Maler, dessen Freund, einen Prinzen, einen Schüler, einen Artisten, eine Gräfin und ihren eigenen Stiefsohn hörig macht. Lulu sagt: "Ich träume davon, einem Triebverbrecher in die Hände zu fallen!" Lulu endet als Strichmädchen in London. Dort wird sie von "Jack the Ripper" ermordet.

Autor von "Lulu" ist der Hannoveraner Arztsohn Frank Wedekind (1864 bis 1918), der Ende des letzten Jahrhunderts Ruhm erlangte, als er wegen Majestätsbeleidigung für zwei Jahre inhaftiert wurde. 1894 schrieb Wedekind die Tragödien "Erdgeist" ?und "Die Büchse der Pandorra"; Wedekinds Tochter Kadidja brachte beide Stücke als eines 1950 an den Hamburger Kammerspielen unter dem Titel "Lulu" heraus.

Die Hauptrolle in Peter Zadeks "Lulu" spielt Susanne Lothar, Tochter des 1967 verstorbenen bekannten Charakterdarstellers Hanns Lothar und seiner Frau Ingrid Andrée.

Peter Zadek hat zu seiner Inszenierung auch ein Buch geschrieben; es heißt "Lulu eine deutsche Frau". Darin schreibt Zadek, daß er Susanne Lothar "irgendwann Anfang der 80er Jahre" in einem Hamburger Restaurant kennengelernt habe - "junge, anfangende Schauspielerin, damals noch ein Trampel, etwas pubertär, rührend, begabt". Zadek beschloß, Susanne Lothar die Lulu spielen zu lassen.

Intendant Zadek wirbt in der ganzen Stadt mit einem Plakat des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein für "Lulu". Das Plakat zeigt einen gnomenhaften Mann vor dem Entblößten Unterleib der Hauptdarstellerin.

Das Plakat verursachte diese Woche in der Hansestadt Proteste. So sagte die Frauenbeauftragte des Hamburger Senats, die Schriftsteller-Gattin Eva Rühmkorf: "Meiner Meinung nach ist die Grenze der Kunst überschritten."

Und Hamburgs neuer Kultursenator Ingo von Münch (FDP), der in der sechsjährigen Auseinandersetzung um die menschenverachtende rechtsfreie Zone in der Hafenstraße für "Toleranz" plädiert hatte, zeigt sich empört: "Ich finde das Plakat frauenfeindlich."

Peter Zadek zeigte sich von der öffentlichen Kritik an seiner Plakatwerbung eher ungerührt; einer Hamburger Arbeiterzeitung sagte er: "Ich lese keine Zeitungen. Ich weiß gar nicht, worum es geht. Wissen Sie was? Ich kann gar nicht lesen."

Zur gestrigen Premiere ließ Intendant Zadek in den Pausen Lachsbrötchen "Lulu" auf die Speisekarte setzen; Preis: 4,50 Mark.

Zadek hat für seine "Lulu" insgesamt schon 5000 Karten abgesetzt. Damit ist nahezu sichergestellt, daß das Deutsche Schauspielhaus auch in dieser Spielzeit im Gegensatz zu den anderen Hamburger Staatsbühnen schwarze Zahlen schreiben wird.

Sicher ist auch, daß Zadek mit "Lulu" jenem Vorsatz treu geblieben ist, den er während seiner Intendanz öffentlich so preisgab: "Macht doch aus dem Schauspielhaus einen Puff!"

Peter Zadek wurde 1926 in Berlin als Sohn jüdischer Kaufleute geboren. 1933 emigrierten seine Eltern mit ihm nach England, wo er in Oxford zur Schule ging und in London das Schauspiel lernte. 1958 kehrte Zadek als Regisseur nach Deutschland zurück und erklärte: "Ich will Schocks."

Zadek inszenierte in Ulm, Bremen, Paris, München, Stuttgart, Bochum, Berlin. Zadek drehte auch Kinofilme, darunter "Ich bin en Elefant, Madame" und "Hurra, wir leben noch" nach Simmel.

Im Dezember1984 wurde Peter Zadek zum Nachfolger Niels-Peter Rudolphs als Intendant des Hamburger Schauspielhauses berufen. Zu seiner herausragenden Arbeit geriet dabei das Rock-Musical "Andi", das letzten März Premiere hatte. Als Co-Autor hatte sich Zadek dazu den vorbestraften Schriftsteller Burkhard Driest in die Kirchenallee geholt. Die Musik ließ Zadek von einer Rock-Gruppe namens "Einstürzende Neubauten" spielen. Im Foyer ließ er vor der Premiere zur Sicherheit Ohrenstöpsel verteilen. Nach der "Andi"-Premiere wurde Peter Zadek im Wartezimmer eines bekannten Hamburger Hals-, Nasen- Ohrenarztes angetroffen.

Schon zu "Andi" bediente sich Zadek eines Plakats des Künstlers Helnwein; es zeigte den nackten Hintern des Hauptdarstellers und prangte sieben Meter hoch über dem Schauspielhaus-Eingang.

"Andi" kostete 900 000 Mark Produktionskosten und wurde von 45000 Menschen besucht. Zadek ließ in dieser Woche verlauten, "Lulu" werde nur halb so viel kosten.

Intendant Peter Zadek hat in Hamburg jährlich eine Viertelmillion Mark Grundgehalt kassiert. Außerdem zahlte ihm die Stadt aus dem Etat der Kulturbehörde 70 000 Mark Prämie für jede eigene Inszenierung.

Trotz guter vertraglicher Konditionen wird Peter Zadek Hamburg verlassen. Als Begründung hat er angeführt; "Ich habe in Hamburg populäres Theater zu Kinopreisen nicht durchsetzen können."