April 15th, 1988
Frankfurter Allgemeine
Das Recht auf Irrtum
Günter Bannas
Die erste "Kulturdebatte" der Grünen in Bonn
Bittere Erfahrungen offenbar brachten Meistermann zu der Sentenz, die Grünen sollten es besser sein lassen, eine Anfrage dieser Art an die Bundesregierung zu richten; was sie erreichen wollten mit Fragen, die Kohl, der Bundeskanzler, ohnehin nicht begreife, den Meistermann nebenher als einen größeren "Spießbürger" als Goebbels und Hitler bezeichnete. Die Alten und die Jungen. Meistermann, der Verfolgte, trat mit Abstraktem hervor. Gottfried Helnwein, 1948 geboren, mit einem aggressiven, fotoähnlichen Realismus. In der Schule, erzählte er, habe er ein Bild Hitlers gemalt, mit der Folge, daß der Lehrer hinauslief und mit allen Kollegen zurückkam. "Die Macht des Bildes" habe er kennengelernt, und später unbekannte Neonazis hätten seine Adresse gefunden und nach dem Bild gefragt.

"Der Faschismus war auch und gerade ein kulturelles und ästhetisches Ereignis. Daß er so erfahren wurde, machte einen Teil seiner Massenwirksamkeit aus." So begründete Antje Vollmer die erste "Kulturdebatte" in der Bundestagsfraktion der Grünen. Ungewöhnlich war es nicht, fast eher zwangsläufig, daß die Bonner Grünen in ihrer Debatte nicht bei kulturellen Phänomenen der Gegenwart ansetzen wollten, etwa einer kapitalismuskritischen Betrachtung des Kunstmarktes, sondern das Thema wählten: "Entartete Kunst und der Faschismus als Kulturphänomen".

Linien aus der Zeit vor 1945 in die Zeit danach zu ziehen, Versäumnisse anzuprangern - auf anderen Gebieten tun es die Grünen auch, manche ein wenig selbstgewiß, andere eher froh darum, nicht in NS-Versuchung gekommen zu sein wie ältere aus ihren eigenen Reihen. Weil die Grünen keine Volkshochschule sind, wurde die scheinbar historische Debatte zu einer aktuell-politischen: Soll NS-Kunst wieder gezeigt werden, ist sie nicht schon - in Filmen - ständig zu sehen, oder ist die "Schwarzwaldklinik" so harmlos wie die "Feuerzangenbowle". haben Rock-Konzerte in ihrer auf Massenhaftigkeit und Anonymität angelegten Form nicht einiges gemein mit Nazi-Fackel-Aufmärschen, und gibt es nicht auch in der Linken Tendenzen einer "Vorschreibe-Mentalität"?

Georg Meistermann - 1933 wurde dem damals 22 Jahre alten Maler das Ausstellen verboten - warnte vor dem Irrtum, der sich durch Vollmers Thesenpapier und auch durch Teile einer überaus bildungs-bürgerlichen Debatte zog. Es handele sich nicht um ein ästhetisches Problem, sondern um ein politisches, weltanschauliches: um das Bild des Menschen. Kunst und Kultur habe der Nationalsozialismus seinen politischen Zielen untergeordnet, Andersdenkende auszuschalten und Juden als Untermenschen zu behandeln. So könnten Kultur und Politik im Nationalsozialismus nicht isoliert werden.

Meistermann verwies auf die Subjektivität der Kunst und ihrer Betrachtung, auf Individualität und Einzigartigkeit: All das "wollte Hitler nicht". Von Verfolgung sprach er, in der Zeit vor 1945, und von der Zeit danach: Wer wem einen Nolde geschenkt habe (Vetter an Schmidt), der eben nicht zu den "Entarteten" gezählt worden, sei, sondern zu Goebbels' Günstlingen. Bittere Erfahrungen offenbar brachten Meistermann zu der Sentenz, die Grünen sollten es besser sein lassen, eine Anfrage dieser Art an die Bundesregierung zu richten; was sie erreichen wollten mit Fragen, die Kohl, der Bundeskanzler, ohnehin nicht begreife, den Meistermann nebenher als einen größeren "Spießbürger" als Goebbels und Hitler bezeichnete. Die Alten und die Jungen. Meistermann, der Verfolgte, trat mit Abstraktem hervor. Gottfried Helnwein, 1948 geboren, mit einem aggressiven, fotoähnlichen Realismus. In der Schule, erzählte er, habe er ein Bild Hitlers gemalt, mit der Folge, daß der Lehrer hinauslief und mit allen Kollegen zurückkam. "Die Macht des Bildes" habe er kennengelernt, und später unbekannte Neonazis hätten seine Adresse gefunden und nach dem Bild gefragt.

Werner Alberg, Jahrgang 1949, Kenner der Kunstmarktszene, berichtete vom gestiegenen Marktwert der NS-Malerei, und auch, daß es eine Vermarktung junger Künstler gebe, die der NS-Ästhetik erlegen seien. Die Debatte kam auf, ob NS-Kunst zu zeigen sei. Ja, sagten vor allem die Jüngeren, weil gerade die NS-Kunst der Lächerlichkeit preisgebe, und Helnwein erinnerte an das Bild eines vor einem Spiegel gestikulierenden Hitler. Doch Meistermann warnte. Diese Hoffnung sei lächerlich. Auch Jüngere erinnerten an die Aura der NS-Kultur, daß Sportler Modell für Breker standen und daß die NS-Architektur genutzt werde ohne Verweis auf die Vergangenheit.

"Über die Notwendigkeit der Wiedereroberung des ästhetischen Raumes" wurde gesprochen. Das sei nicht Sache der Politiker, mahnte der SDS-Veteran Udo Knapp. Für Waltraud Schoppe, ehemalige Fraktionssprecherin, war es "eine grausliche Vorstellung", daß die Grünen ästhetische Kriterien entwickeln sollten für die Kunst. Ihre Vision sei eine "liberale Gesellschaft", was den Irrtum einschließe, auch wenn er schmerzlich sei. Einen "Kulturbegriff", warf jemand ein, könne man nicht beschließen, aber klar sei: "Wir machen Kultur."

Und heute? Helnwein sprach von der faszinierend-gefährlichen Ästhetik der NS-Aufmärsche, der Uniformen und Lichterdome. Jemand ging so weit, eine Linie von damals hin zur "strammstehenden Eins" des Zeichens des Ersten Deutschen Fernsehens zu ziehen, während andere auf Selbstkritik achteten. Eine Debatte des "Bildungsbürgertums" finde hier statt, das den "Spießbürger" aufs heftigste bekämpfe und vor einer "Massenkultur" warne. Doch was sei mit den Aufmärschen der Friedensbewegung? Gebe es nicht auch heute ein "Bedürfnis nach Massenkultur"? Und gebe es nicht auf der Linken "diktatorische Komponenten der Auseinandersetzung mit der Kunst"? Einst seien Texte der linken Gruppe "Ton Steine Scherben" in einem neonazistischen Blättchen erschienen, wegen des Inhalts etwa, gemeinsam sei man stark, was in der linken Szene zu einer heftigen "Verräter-Diskussion" geführt habe. Die Linken würden Künstler fast wie "Eigentum" behandeln und eine "unheimliche Vorschreibe-Mentalität" zeigen. "Das war die erste grüne Kulturdebatte", schloß Antje Vollmer die Debatte. Die "Große Anfrage" freilich wird zu überarbeiten sein.