Vor dreieinhalb Jahren, anläßlich der Premiere der Verlorenen Zeit, bot Ilse Ritter, wie der Litfassäulen-Betrachter sich angenehm erinnern mag, die blanke Oberweite durchaus reizvoll dar; der erotische Effekt war mehr der Szene, der Umarmung mit Eva Mattes, zu danken als dem abgebildeten Fleisch und fand so seinen Sinn. Als dann Uwe Bohm auf dem Plakat zur Aufführung, leicht verrenkt, den Blick auf den eigenen schieren Knaben-Hintern warf, fehlte ein ins Auge springender Beweggrund für die Freiübung. Zadek und seine Werbeleute nahmen kühn den Verdacht in Kauf, sie spekulierten auf die Instinkte der Passanten.
Nun, zur Inszenierung von Wedekinds Lulu, hat der Graphiker Gottfried Helnwein tief ins Thema gegriffen. Er hat den entsprechend geschrumpften und überdies vom Kragen bis zur Sohle in einen Mantel gehüllten Charakterdarsteller Heinz Schubert so plaziert, daß sich dessen Augen in Höhe der Blöße von Susanne Lothar befinden; Gulliver, leicht fröstelnd, angesichts eines freizügigen Riesenfräuleins sozusagen.
Wahrlich, genau darum geht es bei Wedekind. Die Dame bringt die Herren nicht etwa in hartem Geschlechterkampf zur Strecke. Des Weibes Urkraft ist der Männer Schicksal. Sie erliegen ihr unausweichlich.
Und weil dies so ist, weil die Literatur deutlich durchschlägt auf das Werbebild, weil Witz im Sinne künstlerischer Erfindung aufgeboten und zum Ziel gelangt ist und weil Wedekinds Geist zu seinem Recht kommt - darum wäre es billig, dem Intendanten Peter Zadek nachzusagen, er strebe offenbar immer wieder demselben Punkte zu, und dies sei am Ende nur mit verschleppter Pubertät zu erklären. Und noch billiger wäre es zu fragen, was denn sein Ensemble an reizvollen Körperteilen noch zu bieten habe und auf welche Anblicke via Litfass wir bis zum Ende seiner Amtszeit weiterhin gespannt sein dürfen.
Nein, dergleichen bleibt ungesagt und ungefragt, und wer Anstoß nimmt soll rasch die Augen niederschlagen und sich darauf besinnen, daß es Genies schlechthin freisteht, die Welt auf immer neue, aber auch auf immer dieselbe Weise herauszufordern, daß sie also die Wahl haben, ob sie uns aufregen oder langweilen wollen.
Das Genie Peter Zadek scheint nun einmal mehr und mehr der zweiten Möglichkeit zuzuneigen.