Über Nacht habe ich es gewußt, das war als ich 19 war, auf die Akademie zu gehen. Vorher wußte ich nicht genau was ich machen sollte, dachte Revolutionsführer - alles ändern, es war natürlich nicht durchführbar. Plötzlich kam mir die Idee, das ist die einzige Möglichkeit wo man nicht alles schlucken muß, was einem die Gesellschaft vorsetzt. Wo man sich wehren kann, wo man seine eigenen Regeln macht. Ich wollte keine Vorgesetzten, niemanden der mir sagt, was ich machen soll, ich wollte nach meinen eigenen Regeln spielen. Mit etwas wo ich mich wehren kann, mit ästhetischen Mitteln; und wo ich in der Gesellschaft gehört, wahrgenommen werde. Diese Erkenntnis war der Grund, warum ich gesagt habe, so ich mache Kunst.
Also ich glaube, daß jede Kunst die ehrlich, wichtig und bedeutend ist, irgendwann schockiert. Die Kunst - die wirkliche Kunst - ist immer die Gegenposition zum Bürgertum und der Künstler ist der einzige Gegenspieler des Bürgertums. Eine Gesellschaft ohne Künstler würde völlig erstarren, es würde alles zu Beton werden, nichts würde sich mehr verändern. Das Ziel des Bürgers, des Spießbürgers, ist es alles zu erhalten, einzufrieren und keine Veränderung zuzulassen. Das wovor sich jede Gesellschaft fürchtet ist Veränderung, nicht vor Krieg und Bomben, nein vor Veränderung. Das Schlimmste ist, wenn sich etwas verändert. Deshalb die Angst vor Ausländern - plötzlich schwarze Gesichter, die reden anders, haben andere Gebräuche - es entsteht Panik, das kennt er nicht. Er möchte am liebsten, daß jeder das gleiche Haus hat, das gleiche blöde Gesicht, die gleiche Zeitung liest und die gleiche Fernsehsendung sieht. Es muß alles berechenbar sein und der Traum ist Sicherheit. Es wäre der Tod von allem geistigen, spirituellen und auch menschlichen. Die absolute Sicherheit ist der Friedhof, da ändert sich nichts mehr, außer daß man verfault. Und deshalb glaube ich, der Künstler hat die Aufgabe, so wie "der Hecht im Karpfenteich" zu sein und die Gesellschaft immer wieder mal in den Arsch zu treten. Sachen zu sagen und zu formulieren, die etwas In Bewegung bringen. Und deshalb waren viele Künstler - ohne das sie es vielleicht wollten oder wußten - Missionäre, haben vorausgesagt, vorausgeplant, in Bewegung gesetzt - durch Ideen, Kommentare oder Reaktionen.
Ich habe mich nur an der Kunst orientiert, das waren die einzigen Orientierungspunkte die ich nicht bereut habe. Alles andere hat sich für mich persönlich als Fehler herausgestellt. Neugierde war mir von klein auf eigen - ich habe immer gefragt, wollte immer wissen, was los ist. Das Schlimmste war für mich, wenn mir die Leute irgend etwas erzählten was gar nicht stimmt: Die Kommunisten und Russen sind schlecht und der Papst ist lieb usw. man wird einfach angelogen von A bis Z und das ist immer noch so. CNN ist eine Orgie von Verleumdungen und Lügen. Der Niki Lauda hat mir einmal erzählt, wenn er Geschichten über sich in der Zeitung liest, mindesten 80 Prozent davon sind völlig frei erfunden. Überhaupt von allem was weltweit verbreitet wird - ich meine das wirklich - sind 80 Prozent. völlig frei erfunden. Das gilt auch für die Geschichtsschreibung, die offizielle Lehrmeinung, es sind zum Großteil Manipulationen und Erfindungen. Wenn man z.B. die Geschichte des ehemalige Ost- und Westdeutschland hernimmt, gleiche Sprache, gleiches Volk und doch glaubt man es müssen zwei verschiedene Planeten gewesen sein. Und das sind Völker die nahe beisammen leben und nur kurze Zeit getrennt waren. Die katholische Kirche hat in 2000 Jahren eine "linke" Geschichtsschreibung zusammen gepfuscht. Man hat versucht, alles was vorher war auszulöschen, sodaß mit dem Christentum alles bei der Stunde Null anfängt. Es hat aber schon früher gigantische Hochkulturen mir einem gigantischen Wissen gegeben. Die Inder, die Kelten, Schamanen oder Hexen und andere. Die Kirche hat versucht alles auszumerzen was an Konkurrenz da war, man hat Hexen verbrannt über Jahrhunderte, hunderttausende Frauen gefoltert. Warum? Weil sie einfach Wissen hatten. Die Drahtzieher sind dabei nicht die kleinen Folterer sondern die, die ganz oben sitzen und Angst haben vor Konkurrenzwissen. Damals war es der Papst der es in Auftrag gegeben hat, ohne ihm wäre das nicht passiert. Der Papst, der auf seinen Schätzen drohnt und die Finger nicht zusammenkriegt vor lauter Ringe. Es geht immer um totale Kontrolle und deshalb lügt man Leute an und wer immer es wagt eine eigene Meinung zu haben, den macht man kaputt. Wenn der Handke als einziger aufsteht und sagt: Das was in Serbien passiert ist einfach ein Verbrechen - womit er meiner Meinung nach recht hat - denn wenn Zivilisten und Flüchtlinge bombardiert werden, dann ist das für mich schon ein Verbrechen. Und das, weil CNN beschlossen hat: die Serben sind schlecht und die Kosovo-Albaner sind gut. In Wirklichkeit sind beide Opfer. Aber alleine, daß der Handke - er war immer der Superstar - das sagt, macht ihn plötzlich zum Outsider. Man merkt, die freie Meinung, so wie es in der Verfassung angeblich garantiert ist, die gibt's nicht, höchstens dann wenn man nur alles nachsagt. Jedenfalls sind Künstler die einzigen, die nicht konform gehen mit der Massenrealität, der Handke ist so einer.
Wenn jemand etwas macht damit er mehr gesehen wird, dann ist es nur ein Werbegag.
Es ist angenehm, weil ich hier so frei bin. Es ist nicht Wien, sondern Krems, und es ist für mich ein wunderschöner Platz. Die Leute hier sind sehr sympathisch, es sind Leute mit denen man gut arbeiten kann. Die Stadt ist schön und dieses Stück Land an der Donau ist wunderbar Und es ist außerhalb vom Kunstbetrieb in Wien. Die Wiener Kunstszene besteht zum Großteil aus Arschlöchern, das kann jeder bestätigen der dort lebt. Es sitzen dort ein paar Mafiosi drinnen die sich dieses Rotlichtmilieu aufteilen, die schauen, daß niemand anderer dort mit seinen Huren unterkommt. Es ist ein kleiner beengter Ort, eine kleine Welt, ich bin leider dort geboren und aufgewachsen. Jeden Tag bin ich froh, daß ich dort nicht mehr leben muß. Wenn ich kurz nach Österreich komme und ich bin in Krems und nicht in Wien, dann ist schon alles wunderbar. Der Ausstellungsraum hier ist außerdem faszinierend. Es ist etwas anderes ob ich in einer Galerie oder einem Museum ausstelle, oder in diesem Raum mit tausend Jahren Geschichte. Die Größe, die Dimensionen, die großen Wände - es ist eine Herausforderung in einem Raum zu arbeiten der auch die Geschichte dieser Region und des Abendlandes darstellt. Die Fresken, die Statuen - Kunst der vergangen Jahrhunderte - es ist viel spannender als in einem sterilen Raum.
Nein, das würde ich mir nie vorgeben lassen. Aber im Rahmen dieses Festivals habe ich mir einen Titel ausgewählt, der da reinpaßt und auch zu meinem ganzen Werk paßt. Wenn irgend etwas paßt zu meiner Arbeit - so wie ich es sehe - dann Apokalypse.
Die Serie - aus der auch das Ausstellungsplakat stammt. Es gab bereits zwei Bilder, und die Ausstellung nahm ich zum Anlaß die Serie fertigzustellen.
Kinder sind das Zentralthema meiner Arbeit. Kinder sind für mich das erfreulichste in der Welt. Tiere und Pflanzen sind auch erfreulich, die einzige Spezies mit der ich wirklich Probleme habe, die den Planeten wirklich belastet, sind die Erwachsenen und da muß ich sagen, vor allem die Männer. Weil Männer - ganz nüchtern, so banal das klingt - weil alle Kriege, alle Folterungen, alle Verstümmelungen, Massenmorde sind zu 99 Prozent von Männern ausgegangen. Ein Teil der männlichen Psyche oder der Gene ist leider das Killen. Es gibt Gott sei Dank Ausnahmen, aber zum Großteil haben Männer einen Faktor in sich den man Killermaschine nennen muß. Kinder hingegen sind wunderbar und ich wollte auch immer sehr viele Kinder haben. Mit Kindern zu kommunizieren macht Spaß, mit Erwachsenen reden nervt oft. Wenn man mit Kindern redet hat man das Gefühl es fällt die ganze Last ab und man fühlt sich gut, es ist lustig, man kann viel vernünftiger mit Kindern reden. Außerdem ist jedes Kind eine Chance, das später einmal, irgendein vernünftiger Typ dasteht. Wenn ich sehe wie hoch die Kinderkriminalität und Selbstmordrate ist, welch ein Problem Rauschgift darstellt - ich habe Kinder gesehen die mit 13 in der Irrenanstalt gelandet sind und völlig vernichtet waren durch Rauschgift - oder daß in Amerika Kinder alle abschießen, dann sehe ich, daß von Erwachsenen regelmäßig alles kaputt gemacht wird.
Es ist ganz einfach. Wenn man vor Kindern, vom ersten Moment an Respekt hat, vor einer großen Persönlichkeit, die halt zufällig einen kleinen Körper hat. Das Zweite, bezeichnet man mit dem altmodische Wort Liebe. Drittens, daß man ehrlich zu ihm ist und ihm hilft sich durchsetzten, unabhängig zu bleiben, für seine Ziele zu kämpfen, sich nicht unterdrücken zu lassen und eine eigene Meinung zu haben. Wenn man daran arbeitet, dann kann nichts schief gehen.
Der Jüngste ist 12, der Älteste 22. Dazwischen gibt es noch einen Jungen und ein Mädchen.
Ich lebe schon lange nicht mehr hier, es gibt wenig was mich verbindet. Das so genannte österreichische das ich in mir und auch in meiner Kunst habe - ich mache schon sehr österreichische Kunst, Kunst die in einer österreichischen Tradition steht - ist der Teil, der mich mit dem Land verbindet. Und dann gibt es ganz wenige Freunde, Manfred Deix vor allem, den ich kenne, seit ich sechzehn war, es ist eine intensive lange Beziehung mit ihm. Wo ich eine Verbindung habe das ist vor allem die wienerische Sprache, die geht mir im Ausland ab. Es ist so eine wunderschöne, facettenhafte, faszinierende, kreative Sprache die man nirgendwo sonst findet. Wenn ich jemand treffe der dieser Sprache mächtig ist, bedeutet es für mich einen Hochgenuß.
Nein, ich bin auch noch nicht lange genug dort. Irland ist für mich ein Stück Heimat, denn es ist das freieste Land das ich kenne und man ist unabhängig. Es will mir niemand etwas vorschreiben, es mischt sich niemand ein, es lebt doch jeder nach seiner Facon. Die Iren haben 700 Jahre um ihre Freiheit gekämpft, sind brutalst unterdrückt worden, aber sie sind nicht zu brechen - außerdem sind die Iren direkt und nicht arrogant. Im Gegensatz zu den unterwürfigen Schleimern in Wien, die wenn man sich umdreht einem das Messer in den Rücken. Ein so großes Ausmaß an Falschheit und Hinterlistigkeit wie in Wien habe ich auf der ganzen Welt noch nie gesehen.
Ja! Nicht nur ich, - auch viele andere. Ich will nicht sagen, daß es in Wien nicht auch nette Leute gibt, es gibt auch dort Leute die ich gerne habe, aber die Szene, die Insider... . Es gibt kein Land wo alles schlecht ist, jedes Land hat Vor- und Nachteil. Wien hat auch viele Vorteile, schöne Häuser zum Beispiel. Nur die Kunstszene ist verrottet, eine Mafia von Wixern, es war immer so und wird nie anders sein. Ich habe kein Problem damit, den einen gefällt's und die Wiener lassen es sich gefallen.
Für mich ist Kunst eine Lebensentscheidung, unabhängig von Technik. Es ist viel Arbeit, wie bei jeder Kunst, auch bei der Musik, muß man viel üben. Man sollte sich viel Kunst anschauen. Um zu sehen wo hängt mein Herz daran, was berührt mich, was verwirrt mich, was regt mich auf. Und das andere ist - immer noch - viel nach der Natur zeichnen. Das will ich auch wieder machen, mich in die Berge setzen und nach der Natur zeichnen. Die Natur ist immer eine gute Möglichkeit um sich zu schulen.
Man muß sich seine Wünsche selbst verwirklichen, meistens hart erarbeiten. Es kommt niemand der Wünsche erfüllt. Wünsche muß man sich selbst machen, sich ihnen stellen, auf den harten Weg begeben und damit erfüllen.
Gottfried Helnwein ist entgegenkommend, überhaupt nicht überheblich, und - wie Sie beim Lesen des Interviews merken - sehr direkt, wie er es ja auch in seinen Bildern ist. Die Ausstellung eines der bedeutendsten und erfolgreichsten Künstlers der Gegenwart ist schlicht gesagt sehenswert. Die Räumlichkeiten der Dominikanerkirche in Verbindung mit den teilweise bedrückenden, erdrückenden, gewaltigen und überdimensionalen Helnwein-Bildern, läßt - so glaube ich - niemanden unbeeindruckt. 10 Jahre sind vergangen, seit der letzten Helnwein-Ausstellung in Österreich, wer weiß wann ...? - ein weiterer Grund warum Sie sich die "Apokalypse" nicht entgehen lassen sollten.