Der größte Fehler in meinem Leben war, daß ich nicht schon mit 14 aus Österreich abgehauen bin. Einfach weil Wien eine äußerst unangenehme Stadt ist. Eine Stadt, in deren Klima Künstler wie Thomas Bernhard, die Wiener Aktionisten, Arnulf Rainer und andere Leute entstehen.
Nein, überhaupt nicht. Nur ist ihre Kunst symptomatisch für Wien. Schließlich spiegelt eine Kunstrichtung immer die Gesellschaft. Thomas Bernhard hat sein Leben einer einzigen Haßorgie gegen Österreich gewidmet, wobei er so geschäftig war, daß man immer fürchten mußte, sein Leben könne nicht ausreichen, um halbwegs das loszuwerden, was er mit sich herumtragen mußte. Das läßt weitreichende Schlüsse auf Österreich zu. Auch gibt es keine Kunst auf der Welt, die so aggressiv und so bösartig ist wie der Wiener Aktionismus. Das ist nicht zufällig entstanden, in dieser Atmosphäre tauchte schon vor 200 Jahren der Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt mit seinen Grimassen auf.
Der erste Hoffnungsstrahl war eigentlich Rock 'n' Roll. Als ich sechs Jahre alt war, öffnete ich eine flache Kaugummipackung. Darin war außer dem Kaugummi auch ein Bildchen von Elvis Presley. So habe ich Elvis gesehen, bevor ich ihn hörte. Das Radio spielte "Wenn die Conny mit dem Peter" oder "Pack die Badehose ein". Elvis war kaum zu hören - ein süßelnder Peter Kraus war schon das wildeste, was man sich vorstellen konnte. In jener Zeit habe ich Elvis bei einem Kaugummi gefunden, mit der engen Jean und den weißen Schuhen, dem schwarzen Hemd und einem Halstuch. Und das war einfach ein großes Erlebnis, muß ich sagen. Ohne seine Musik gehört zu haben, empfing ich seine Botschaft und wußte, es gibt Hoffnung, es gibt eine andere Welt als diese.
Elvis verkörperte primär eine alternative Welt. Sie hatte mit Auflehnung zu tun, war aber in erster Linie eine Gegenwelt zu der Welt der Erwachsenen. Hier war alles dümmlich und rund geformt, ich hatte das Gefühl, alle Leute sind nicht größer als ein Meter fünfzig. Alle waren dick und rund, hatten dicke Nasen und dicke Gesichter. Das ist das, woran der Manfred Deix schon sein Leben lang arbeitet, diese häßlichen Dicken mit ihren roten Wangen und ihren fleischigen Ohren, fleischigen Hälsen und fetten, stumpfen Gesichtern. Dieses Land nach dem Krieg war ein Inferno der Häßlichkeit. Die runden Wienerwaldschuhe, die Goiserer, die runden Rucksäcke, die runden Knickerbocker, die plumpen, breiten Hosenträger, die klobigen Hosen - nichts war elegant! Wenn man dagegen den Elvis anschaut, muß man auf die Knie sinken. Weil es einfach ein prächtiger Mensch war, nur Schönheit. Das war eine Hochkultur im Vergleich zu diesem Abschaum hier.
Mickey Mouse. Alle guten Sachen, alles, was mich interessiert hat, kam aus Amerika. Dieses Land war das große Gegenuniversum zur Welt meiner Jugend und der Welt meiner Eltern. Das haben wir schon als Kinder gemerkt. Es war unser Traum, Blue Jeans anzuziehen, aber es war strengstens verboten. Kaugummis wollten wir haben. Genauso verboten wie Rock 'n' Roll und Mickey Mouse. Alles war sündig und schlecht. Amerika erschien uns, den Kindern der Nachkriegszeit, als Paradies. Dort schien alles möglich, alles riesengroß, es verhieß eine tolle Welt: Hollywood, die Filme, die Musik, die riesigen Autos. Und vor allem eine selbstbewusste, aggressive Jugend.
Heutzutage existiert kein Zentrum mehr, in dem man als aufsteigender Künstler sein muß. Früher war das Rom. Später mußte man nur nach Paris gehen und war im Mittelpunkt der Welt. Heute ist es international geworden und sehr verteilt. Das ist auch gut so.
Wien ist immer noch isoliert und provinziell. Natürlich gibt es auch viele künstlerische und kulturelle Qualität. Aber dort herrscht ein seltsamer Gegensatz zwischen bestimmten Künstlern, die wichtig sind und etwas können, und dieser Provinzialität. Die Leute werden größenwahnsinnig und verschätzen sich total. Viele Informationen gelangen komischerweise nicht nach Wien. Von Wien aus gesehen ist der Blick auf die Welt einfach verzerrt. Außerdem habe ich nie ein Heimatgefühl gehabt, mir bedeutet das nichts. Ich wohne jetzt im Rheinland, welches das größte und wichtigste Zentrum für bildende Kunst Europas ist. Es gibt nirgendwo mehr Künstler, Museen, Sammler, Kunstvereine und Aktivitäten als hier. In Wien gibt es halt die Oper und die klassische Musik. Und dann kommt das Burgtheater. Und dann kommt irgendwann Literatur und dann Antiquitäten. Wenn jemand dort "Kunst" kauft, dann sind es Jugendstilvasen, Teppiche oder ein Biedermeiermöbel. Und wenn es ganz extrem wird, dann ein Biedermeierbild, einen Waldmüller oder sowas. Für zeitgenössische Kunst gibt es in Österreich keine Sammler. Bildende Kunst war in Österreich immer das unterste vom Stellenwert her. In Wien besonders.
Österreich zeigt einen ganz magischen Sog: Wer dort einmal geboren wurde, der kann nie wieder weg, so scheint es. Hundertwasser, H.C. Artmann, Handke, alle sind fort von Österreich. Fast alle mußten zurück und kleben an diesem Ort. Das ist mir ein Rätsel, weil ich habe nicht sowas wie ein Heimatgefühl und werde sicher nicht mehr zurückgehen.
Sie haben früher sehr viel gegen die Psychiatrie gemalt. Es gibt Ihr Bild des verkrampften Mannes, der gerade einen Elektroschock erhält. Auch Ihre chirurgischen Wundklammern, die, in die Mundwinkel eingehängt, das Gesicht zu einem Zwangslächeln ziehen, gehören zum Themenkreis der Psychiatrie, da sich Psychiater ja eher als Chirurgen verstehen, denn als Seelenärzte. Ist das heute noch ein Thema?
Natürlich, die Psychiatrie ist die modernste Priesterkaste, die ein äußerst unterdrückerisches Instrument in den Händen der Macht darstellt. Analysiert man die Rolle der Psychiatrie in der NS-Zeit, ist das sehr aufschlußreich. Die Ideologie vom Herren- und vom Untermenschen, die scheinbar rassisch und wissenschaftlich bewiesen ist, stammt von diesen sogenannten Wissenschaftlern. Sie haben die Massenvernichtung der Juden und sonstigen "Untermenschen" vorbereitet und durchgeführt. Ihr wahrer Einfluß wird überhaupt nicht erkannt! Die wirken weiterhin. Es gibt Zigtausende Menschen, die durch Gehirnoperationen zu Zombies gemacht wurden. Oder man hat mit Elektroschocks Gehirnteile weggebrannt. Die ganze Idee dabei ist, jeden, der nicht zur sogenannten "Normalität" gehört, mit allen möglichen Mitteln wieder "normal" zu machen.
Es war eine Befreiung! Als ich wegging, hat sich alles verändert! Ich begann hier sehr viel zu experimentieren und abstrakte und monochrome Bilder zu malen. In Österreich hatte ich das Klischee, ein Maler des Realismus zu sein, was irgendwie erdrückend war. Ich bin nicht auf einen Stil festzunageln, weil ich zuviel verschiedene Sachen mache. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen, die eine bestimmte Form des Ausdrucks, einen Stil oder ihr Medium gefunden haben und das bis zu ihrem Lebensende durchvariieren, liegt mir das überhaupt nicht. Es beunruhigt mich maßlos, wenn etwas etabliert oder gar akzeptiert wird.
Diese Arbeit mit Trivialinhalten und Massenvervielfältigungen im Sinne der Pop-Art führe ich weiterhin fort. Meine Posters gibt es in Australien, in Skandinavien, in Amerika, in Südamerika, auf der ganzen Welt sind die bekannt. Ich möchte verschiedene und auch gegensätzliche Sachen machen. Das interessiert mich, das ist aufregend. Meine Arbeiten passen wenig zusammen, deshalb haben sie ein unterschiedliches Publikum. Ich arbeite heute sehr viel mit Fotografie. In Köln habe ich eine große Fotowand mit Kindergesichtern gemacht, hundert Meter lang und vier Meter hoch. Sie galt der Erinnerung an die "Reichskristallnacht", zu deren fünfzigjährigem Jubiläum diese Foto-Installation genau zwischen dem Dom und dem Museum Ludwig gebaut wurde. Der Domplatz war voll, Hunderttausende haben es so gesehen. Doch der Zugang zu dieser Kunst ist sicher schwieriger als bei James Dean-Bildern.
Es geht nicht darum, einen Stil oder ein Medium zu erfinden. Alles war schon da, und das ist gut so. In der postmodernen Zeit läßt sich auf eine unendlich lange Zeit der Erfahrungen zurückschauen. Man kann sich freuen, daß alles schon einmal gemacht wurde. Das ist ein Gefühl von Freiheit. Alles ist möglich. Ganz wie mir zumute ist, kann ich monochrom malen, expressiv oder realistisch. Im Augenblick gibt es kein stilistisches Diktat. Die Kunstszene ist etwas ratlos, weil sie erstmals kein Dogma hat. Und das ist gut so. Außerdem finde ich es aufregend, mit einem riesigen, breiten Pinsel auf einer riesigen Fläche zu malen. An einem monochromen Bild arbeite ich monatelang. Ich übermale es immer wieder, es hat unglaublich viele Schichten. Immer wieder drüber, bis ich das Gefühl habe, jetzt ist das Bild fertig.
Alle großen Kunstwerke waren immer vordergründig, trivial und spekulativ. Mathias Grünewald, Hieronymus Bosch, Goya, all diese Künstler malten so. Doch hundert Jahre später, wenn der Künstler tot ist, erhält das Kunstwerk einen Nimbus. Das Spießertum entrückt es künstlich in eine Welt des puren Glorienscheins. Den Dadaisten ging die Spießerwelt auf die Nerven, die haben einfach etwas hingerotzt, was ihnen viel Spaß gemacht hat. Es war eine Blödelei wahrscheinlich, ganz vordergründig und spekulativ. Sie wußten, die Leute würden sich ärgern. Und es war sehr wahrscheinlich auch trivial. Das gilt auch für den Wiener Aktionismus, für jede Art von Kunst, die bedeutend ist. Im Nachhinein wird es heilig gesprochen. Man stülpt einen Glassturz darüber, stellt es ins Museum Lind schreibt daneben: "Exkremente von Otto Mühl, 1963". Das läßt man sich signieren.
Ja, natürlich. Die meisten Amerikaner nehmen nicht an, daß außerhalb der USA irgendetwas von Bedeutung ist. Sie sehen sich als Mittelpunkt der Welt und haben den Eindruck, die Vereinigten Staaten seien das einzige freie Land, in dem es Kultur und Zivilisation gibt. Außerhalb hausen ein paar Affen, Neger und Kommunisten, kurz gesagt Unruhestifter, die am besten mit einem Bombenteppich beruhigt werden. Dieses Gedankengut ist ziemlich weit verbreitet, sogar bei relativ gebildeten Leuten, nicht nur in den Unterschichten. Trotzdem ist Amerika ganz faszinierend.
Immer, wenn ich in ein fremdes Land komme, schaue ich mir das Werbefernsehen an. In den amerikanischen Werbespots ist das zentrale Thema das Orale, das Fressen. Obwohl es in den Staaten ein so miserables Essen gibt, ist es unheimlich wichtig. Die Werbung zeigt sehr viele Tabletten und Schmerztabletten, und alles ist 'crunchy', 'crispy', 'rich', 'flavoured' und 'tasty'. Dauernd knuspert und frißt jemand. In Deutschland aber dreht sich alles um Putzen und Waschen. Grüner Riese und Weißer Riese und Andy, aufregend schäumende Shampoos und milde Frische, der Weiße Blitz und das strahlende Blinken. Laufend spiegeln sich die Hausfrauen in Pfannen und Fußböden, während der weiße Wirbelwind die Küche durchfegt. Das ist es, wofür sich die Deutschen interessieren. Werbung sagt über die Mentalität des Volkes viel aus.Die Kunst in Amerika ist eigenartig anders und ein faszinierendes Neuland. Und doch ist mir vieles durch meine Jugend vertraut. Die gleichen Dinge, die Andy Warhol und Michael Jackson geprägt haben, haben auch mich beeindruckt. Ich habe dieselben Mickey-Mouse Hefte gelesen, dieselben Cartoons gesehen, dieselbe Musik gehört. Dadurch ist es ja auch meine Welt. Auch die Fernsehserien meiner Kindheit, wie Petrocelli, Flipper und Lassie, skizzierten mein Amerikabild. Als ich das erste Mal nach Amerika kam, war es wie in einen Film einzusteigen, wie in ein Kino. Irgendwie kam...