February 8th, 1996
Die Woche
Opfer und Idole
Katja Hertin
An seinen Bildern kommt man nicht so leicht vorbei. Mit schockierender Präzision zeit Gottfried Helnwein die Folgen von Gewalt. Jetzt präsentiert die Kulturbrauerei den Künstler im Doppelpack: Am Sonntag beginnt eine Ausstellung in der Galerie im Pferdestall. Am gleichen Tag hat im Kesselhaus das Theaterstück "A und K" Premiere, zu dem Helnwein das Bühnenbild entworfen hat.

Schnee ist gefallen. Durch die Fenster von Burg Brohl wandert der Blick über sanfte Hügel in Puderzuckerweiß. "Ich hasse diese Gesellschaft. Sie kotzt mich an", sagt Gottfried Helnwein. Ganz ruhig und sachlich sagt er das. Im gleichen Ton, in dem er wenige Minuten zuvor festgestellt hat: "Regen haben wir reichlich in der Eifel, aber Schnee bleibt hier selten liegen."

So wie Helnwein da sitzt, auf seinem restaurierten Stilstuhl bei einer gepflegten Tasse Tee und Buttergebäck, mag man ihm seine Haßgefühle nur schwer abnehmen. Vier wohlgeratene Kinder, eine charmante, kluge Frau, genug Geld für eine Haus in Los Angeles und diese wunderschöne Burg, eine große Retrospektive, die um die Welt touren wird, ein neuer Katalog bei Dumont - wie kann man da noch die Gesellschaft hassen?

Helnweins Aufmachung, die große Brille im 70er Jahre-Stil, die Cowboystiefel, das um die Stirn gebundene Tuch über schulterlangem Haar, verleitet zu dem Schluß, wir hätten es mit einem in die Jahre gekommenen Hippie zu tun, der seinen jugendlichen Feindbildern treu geblieben ist. Doch mit seinem Outfit lockt der Künstler auf die falsche Fährte. Im Gespräch merkt man schnell, daß das Anderssein, das Außerhalb-der-Gesellschaft-Stehen für ihn keine nostalgische Pose, sondern einzig mögliche Existenzform ist.

Die behütete Kindheit in einer streng katholischen Wiener Familie erlebt der Maler, Grafiker und Fotograf als eine qualvoll dumpfe, gleichförmige Zeit des Zwangs. In dem "unerträglichen", "ekelerregenden" Schulsystem findet sich der Außenseiter nicht zurecht, er fliegt wegen ungenügender Leistungen von der Schule und träumt davon, Revolutionsführer zu werden, um alles in die Luft zu sprengen. Auf der Wiener Akademie erfüllt sich der Student diesen Traum. Mit einigen Freunden entfesselt er in den ehrwürdigen Räumen ein revolutionäres Inferno aus Rauchpulver, Stinkbomben, Farbeiern und selbstgebastelten Sprengkörpern.

Lange bevor sich Rainald Goetz bei einer Lesung medien-gerecht die Stirn auf ritzt, zerschneidet sich Helnwein die Hände. Er fügt sich Wundmale bei, wie sie die Heiligen auf den christlichen Bildern zur Schau tragen. Der gegeißelte Jesus, Sebastian von Pfeilen durchbohrt, die geräderte Katharina. Leidenschaftlich gern trägt er Verbände, setzt sie auch in ersten künstlerischen Aktionen ein. Bis heute führt Helnwein in seinen hyperrealistischen Bildern und Fotografien bandagierte, verstümmelte, mißhandelte Opfer vor, die ihre Leiden mit der wehrlosen Hingabe von Märtyrern tragen. Oft sind es Kinder, besonders schutzbedürftige Mitglieder der Gesellschaft.

Als Maler ist Helnwein Moralist. Auch wenn er selbst diesen Begriff ablehnt, weil Moral zu viel mit der Gesellschaft und ihren Normen zu tun hat. Helnweins Opfer klagen an. Seine Bilder verletzen, weil sie aufrütteln wollen. Nicht die Suche nach einer neuen Form des Ausdrucks, sondern die Empörung über Gewalt gegen Kinder sei sein erster künstlerischer Impuls gewesen. sagt Helnwein rückblickend.

Es ist schwer, diesen Bildern aus dem Weg zu gehen. Auch wer den Namen Helnwein noch nie gehört hat, wird einige seiner Werke kennen. Denn nach dem Motto "Malerei muß sein wie Rockmusik" hat Helnwein immer versucht, seine Arbeiten unters Volk zu bringen. Er gestaltete Titelbilder von "Esquire" und "Time" bis zu "Spiegel" und "Playboy", ließ seine Arbeiten als Wandkalender drucken, entwarf Plakate für kulturelle Veranstaltungen und politische Aktionen. Kultstatus erlangte sein Plattencover für die Skorpions: ein Selbstbildnis mit bandagiertem Kopf und gabelähnlichen Instrumenten in den Augenhöhlen.

Das Feuilleton hat seine Probleme mit so viel Trivialkultur in realistischer Manier.

Seine endgültige "Exkommunizierung" aus der Kunstszene betreibt Helnwein mit einem zweiten großen Thema, das sich mit seinem Horrorkabinett menschlicher Grausamkeiten nur schwer in Verbindung bringen läßt. Die Berühmten, Reichen, Vergötterten beschäftigen den Maler seit den 8oerjahren mindestens ebenso wie die Entrechteten und Mißbrauchten dieser Welt. Er möchte herausfinden, was etwa einen mäßig begabten jungen Schauspieler wie James Dean zur Kultfigur macht. So erklärt Helnwein sein Interesse für die unzähligen Idole, die er mit Pinsel oder Kamera porträtiert hat. Peter Alexander, schmierig grinsend, auf der Grenze zwischen Kitsch und Satire. Andy Warhol in Schwarzweiß, unangenehm nah, mit verschleiertem Blick und ungesund glänzender Haut. William Burroughs, listig-verschlagen mit erhabenem Revolver. Arno Breker, Lieblingsbildhauer der Nazis, mit einem Beuys-Porträt in den Händen.

Mittlerweile ist Helnwein selbst ein Star, den die Aura anderer, noch berühmterer Menschen zu faszinieren scheint. Im Atelier steht - wie eine Skulptur - ein glamouröses Abendkleid Marlene Dietrichs auf einer Kleiderpuppe. Handschriftliche Zettel der Diva hängen im Büro hinter Glas an der Wand.

Söhnchen Ali heißt nicht nur nach einer Boxerlegende, sondern trägt mit zweitem Namen auch noch den Namen des Rockidols Elvis.

Probleme, die beiden gegensätzlich Sujets unter einen Hut zu bekommen, hat Helnwein nicht. Im Gegenteil: Manchmal läßt er die Idole sogar für die Opfer arbeiten. Wie jetzt in Berlin. Da versteigert er anläßlich der Präsentation eines riesenhaften Schwarzenegger-Porträts von 16 auf 15 Meter eine handlichere Arbeit zugunsten mißhandelter Kinder.

Um Gewalt - gegen Kinder und Ausländer - geht es auch in dem Berliner Gastspiel des Landestheaters Tübingen, zu dem Helnwein das Bühnenbild entworfen hat. Unter der Regie von Gert Hof erzählt "A und K oder Ein Brudermord wieder gutgemacht" die alte Geschichte von Kain und Abel neu: Als Schwarzer zerbricht Kain an den Repressionen der Gesellschaft. Ein Helnwein-Thema. Seine Begabung, Bilder mit großer Plakativität zu erschaffen, funktioniert auch in der Dreidimensionalität. Sehr wirkungsvoll kontrastierte er etwa in Hans Kresniks Barschel-Stück "Macbeth" beschauliches Kinderspiel mit blutigen Badewannen-Orgien.

Die Arbeit für das Theater macht Helnwein Spaß, weil sie die Einsamkeit des Malers zeitweise ersetzt durch eine Auseinandersetzung mit Wahlverwandten wie Gert Hof und Kresnik. Er selbst geht weder gerne ins Theater noch ins Kino. "Ich bin nicht gern Publikum. Ich mag es nicht, zwischen all den Menschen zu sitzen." Lieber schiebt er oben in seiner Burg eine Videokassette ein. Tagsüber läuft im Atelier ununterbrochen der Fernseher. Helnwein, der Märtyrer, inszeniert sich seine private, kleine Horrorshow mit Talkshows, Familienserien und Fröhlichen Musikanten. Um immer informiert zu sein über den Zustand dieser Gesellschaft.