Über den Umgang mit der "entarteten" und mit der sogenannten schönen Kunst sollen sich demnächst die Abgeordneten des Bonner Bundestags klarwerden. Das jedenfalls ist das Ziel einer Großen Anfrage, welche die Fraktion der Grünen einbringen wird. Zur Vorbereitung auf diese Debatte hatte sie gestern zu einer öffentlichen Fraktionssitzung eingeladen. Als Gäste und Diskussionspartner waren der in der Nazizeit selbst als "entartet" diffamierte Maler Georg Meistermann, der Wiener Maler und Graphiker Gottfried Helnwein, sowie der Kunsthistoriker Werner Alberg aus Düsseldorf gekommen.
"Wir müssen dem ästhetischen Ideal des Nationalsozialismus einen eigenen Kunstbegriff entgegensetzen, der gleichzeitig auch Grundlage für die überfällige Grüne Kulturdebatte ist", heißt es in einem Thesenpapier. Nach Ansicht der Abgeordneten Vollmer hat eine Konfrontation der damals anerkannten "schönen" Nazi-Kunst mit einem demokratischen Kunst- und Kulturverständnis nie stattgefunden.
Alberg, der im vergangenen Jahr nationalsozialistische und "entartete" Kunst in Dasseldorf präsentiert hatte, sprach von einer Renaissance faschistischer Ästhetik sowie dem Versuch einer Rehabilitierung bekannter NS-Künstler. Alberg forderte dazu auf, zunächst den Begriff des "Schönen" zu diskutieren. Der sei schließlich zentral in der nationalsozialistischen Ästhetik gewesen. "Jede wahre Kunst muß ihren Werken den Stempel des Schönen aufprägen", zitierte Alberg aus einer Rede Hitlers.
Mehr als ein ästhetisches Problem sieht der frühere Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, Georg Meistermann, in der nationalsozialistischen Kunst. Übergeordnet sei das Bild des Menschen, "des deutschen Menschen", gewesen. Der 76-jährige äußerte sich skeptisch zum Erfolg der Großen Anfrage. "Die Folge, wenn's schiefgeht, ist noch mehr Reaktion", sagte er.
Daß der NS-Geist nicht mit der "Stunde Null" gestorben sei, hatte Helnwein erfahren müssen. Unbekannte klebten das Etikett "Entartete Kunst" auf seine Bilder. Der Wiener mußte sich jedoch auch die Kritik Albergs gefallen lassen. "Mehr als problematisch" sei, daß Helnwein sein neues Buch "Der Untermensch" betitelt und vor wenigen Wochen fürs Foto einer großen Illustrierten vor einem Hitler-Bild posiert habe.