Helnwein: Weil's mir zu eng, war in Österreich - und nach wie vor könnte ich hier nicht mehr leben. Österreich ist für die Kunst, die ich mache, zu isoliert, zu wenig international.
Helnwein: Das ist mir, ehrlich gestanden, egal. Ein Anliegen habe ich aber schon: Mich kennen viele Leute von früher - so viel Verbundenheit zu meiner Heimat habe ich schon, dass ich diesen Menschen zeigen möchte, was ich in der Zwischenzeit gemacht habe.
Helnwein: Einen Teil der Bilder gab's schon, einen Teil hab' ich extra für die Ausstellung gemacht. Die großen Schwarz-Weiß-Szenen, die Madonna mit den Nazis zum Beispiel, die sind nicht neu. Das sind Bilder mit zwei mal drei Metern - aber die sind für diesen Raum zu klein. Außerdem sind sie in Amerika, sie gehören mir nicht. Es wäre schwer gewesen, sie herzubringen. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und habe die Bilder einfach über Digitalisierung vergrößert, auf fünf Meter Breite.
Helnwein: Genau. Die Bilder sind nicht dafür gemacht worden; und trotzdem habe ich noch keinen Platz gesehen, wo sie so authentisch hängen.
Helnwein: Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Dominikaner sehr entscheidend an der Inquisition mitgewirkt haben. In der Kirche wirken die Bilder ganz anders als in einem neutralen Museumsraum. Ich habe die Bilder in Amerika ausgestellt, wo den Leuten einfach der Bezug fehlt. Trotzdem haben viele Menschen darauf reagiert - fast alles waren Juden. Menschen mit europäischem Hintergrund waren sehr betroffen.
Helnwein: Richtig. Schauen Sie: Man ist als Künstler sehr oft einer Sache voraus. Denken Sie an Orwell oder Huxley - vieles ist eingetroffen, was sie geschrieben haben. In den siebziger Jahren habe ich mich mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftigt. Das war damals ein komplettes Tabu. Die Leute haben gesagt: Der ist wahnsinnig! Ein Perverser! Und jetzt denken Sie, was in den Medien in den vergangenen fünf, sechs Jahren hochgekommen ist an Kindesmissbrauch!
Helnwein: Aus demselben Grund, aus dem ich überhaupt zu malen begonnen habe. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen tat ich das nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil mich gewisse Dinge sehr beschäftigt haben, mich betroffen gemacht haben. Als Künstler habe ich das Privileg, mich darüber zu äußern. Ich bin nicht abhängig, brauche keinen zu fragen, kann alles kommentieren, kann mich revanchieren. Ich habe deswegen zu malen begonnen, weil ich mich an der Gesellschaft revanchieren wollte.
Helnwein: Ich male meistens Gesichter. Die Reduktion nur aufs Gesicht, das liegt mir. Im konkreten Fall die Köpfe mit den Klebebändern: Ich mache meine Bilder völlig intuitiv, ohne Plan. Im Nachhinein erschrecke ich immer wieder, welche Aktualität diese Bilder haben. Auch hier: Ich komme mit meinen Bildern nach Österreich, habe keine Ahnung, was in diesem Land geschieht - und lese ständig von dem armen Mohren, den sie mit Klebebändern zugeklebt haben.
Helnwein: Ich habe viel ausprobiert und verändert. Was ich aber nie aufgeben wollte, das ist, ein Outsider zu sein, nirgends dazuzugehören. Was ich bisher gemacht habe, war unabhängig von jeder Mode.
Helnwein: Das Erlernen des Handwerks ist mir nicht schwer gefallen, es war mir aber auch nicht wichtig - ein Mittel zum Zweck. Mir war immer nur die Aussage wichtig. Bei jedem Bild habe ich jemand ganz konkret im Auge, für den ich das Bild male. Sonst würde ich es nämlich nicht malen. Ich denke an das Publikum, das von den Bildern emotional berührt wird.
Helnwein: Wenn ich erst Kunstgeschichte studieren muss, um zu den Bildern etwas zu sagen, dann kann man sich diese Bilder gleich sparen. Das größte Unglück der zeitgenössischen Kunst ist, dass es keine Auftragskunst mehr gibt. Denn die wichtigsten Werke der Kunstgeschichte waren Auftragswerke. Heute malen viele Künstler autistisch und geben's irgendeinem Galeristen. Mir ist immer wichtig zu wissen, wo das Bild hängt, was es bewirkt.
Helnwein: Ich glaube nicht an diese ganze Wahrsagerei. Was ich glaube, ist, dass die Apokalypse den Sinn hat, uns ein mögliches Szenario zu zeigen. Die grauenhaften Schilderungen sollen die Menschen erinnern, was alles möglich ist. Wir können jederzeit die Welt in ein Inferno verwandeln. Es liegt an uns, wie es ausgeht.