May 5th, 2003
Süddeutsche Zeitung
Beziehungsjazz
Fritz Göttler
Hyperrealismus, an Helnwein geschult. Im Cabinet des Dr. Avary – „Die Regeln des Spiels“, eine neue filmische Psychose nach Bret Easton Ellis
Ein Alptraum an amerikanischer Naivität, aber, sagt Avary, keinesfalls nihilistisch. Hyperrealismus, an Helnwein geschult, der ein Plakat für den Film geschaffen hat. Eine politische Geschichte – aus einem ähnlichen Sumpf von Alkohol und Lebensüberdruss stammt, eigenem Bekunden nach, der augenblickliche Präsident der USA. Irgendwann in Europa, in Venedig, kommen weiße Masken ins Spiel. Und ein Gefühl von Leere und Erleichterung.

Europa wird ganz kurz abgehandelt in diesem Film, imZeitraffer, im Touristen-Sauseschritt: London, Amsterdam,Paris, die Schweizer Berge, Italien, nochmal London, woMenschen sind so bizarr wie in einem Polanskifilm ...Victor heißt der junge Mann, der seine Freunde unduns mit diesem touristischen Blitz an den Rand derAtemlosigkeit bringt, an jenen Punkt, wo dieAufnahmekapazität des Gedächtnisses zu versagendroht.Es ist eine böse kleine Parodie auf alle esoterischenReisenden, von der frühen Romantik bis zum spätenFlower-Power.Der Rest des Films spielt in Amerika, auf dem Campus vonCamden, einer Dutzenduniversität der Neunziger, unterkiffenden, alkoholbenebelten, sexbesessenen,todessüchtigen Studenten. Ein Taumel der Beziehungenund one night stands, fliederfarbene anonyme Liebesbriefeim Postfach und ein Blow Job mit dem Prof, die Flucht vordem brutalen Dealer oder die Frage, durch wen man seineUnschuld am liebsten verlieren mag. Ein Spiel mit denRisiken und Nebenwirkungen, die das Teenie-Genrebereithält – du klopfst an die Tür desangehimmelten Kommilitonen, und wenn der öffnet, kanner sich an deinen Namen nicht erinnern und hat sowieso eineandere im Bett. Ein Beziehungsjazz, den Regisseur RogerAvary filmhistorisch exakt situiert – durch Bezug aufdie Roaring Twenties, das Cabinet des Dr. Caligari.Mit Quentin Tarantino hat Avary lange im gleichen Videoshopgejobbt, und das war die Quelle für alles, was er imKino bislang gemacht hat. Gemeinsam haben die beiden dasDrehbuch zu „Pulp Fiction“ fabriziert, danach hatAvary mit seinem Film „Killing Zoe“ füretwas Furore gesorgt, und seit über zehn Jahren widmeter sich nun der Welt des Bret Easton Ellis. Für„American Psycho“ war er als Regisseur imGespräch, aber dann hat er doch „Rules ofAttraction“ (deutsch: „Einfachunwiderstehlich“) den Vorzug gegeben, undaugenblicklich ist er mit der Verfilmung von„Glamorama“ beschäftigt. Mit Bret EastonEllis hat das Genre des Jugendfilms seine Unschuldverloren, in einer Weise, dass man auch John-Hughes-Filmesich fast nicht mehr anzuschauen traut – Avary istbekennender Fan dieses Regisseurs. „Rules“ gibtsich aggressiv, ein Triumphmarsch, aber das Personal isteher mickrig , eine Handvoll TV-Serien-Teenies, in eineunheile Welt transferiert, James Van Der Beek – erspielt den Bruder des „American Psycho“ Bateman–, Shannyn Sossamon, Jessica Biel, Ian Somerhalder. Esgeht um Attraktionen und Anziehungskräfte, umindividuellen Umgang mit dem Faktor Zeit, die Hoffnung, imRücklauf alles ungeschehen zu machen, die Frageschicksalshafter Koinzidenz – mit einer magischenSplit-Screen-Sequenz. Ein Alptraum an amerikanischerNaivität, aber, sagt Avary, keinesfalls nihilistisch.Hyperrealismus, an Helnwein geschult, der ein Plakatfür den Film geschaffen hat. Eine politischeGeschichte – aus einem ähnlichen Sumpf vonAlkohol und Lebensüberdruss stammt, eigenem Bekundennach, der augenblickliche Präsident der USA.Irgendwann in Europa, in Venedig, kommen weiße Maskenins Spiel. Und ein Gefühl von Leere undErleichterung.

THE RULES OF ATTRACTION

USA 2002 – Regie, Buch: RogerAvary. Nach dem Buch v. Bret Easton Ellis. Kamera: RobertBrinkman. Schnitt: Sharon Rutter. Mit: James Van Der Beek,Shannyn Sossamon, Jessica Biel, Kip Pardue, IanSomerhalder, Swoosie Kurtz, Faye Dunaway, Eric Stoltz.Concorde, 110 Minuten.

01. October 2002
www.avary.com — Los Angeles
30. September 2002
Roger Avary — Los Angeles