"Komm Schatzl, lach amal. Jetzt mach ma a schöne Futografie“, piepst der eine mit süßer Hausfrauenstimme. „Sei net ordinär"“, orgelt der andere, und in abbittendem Oma-Ton: „Er is halt so aufgeregt mit zwa Zeitungsleut.“ Kommt Paul nach Wien, ist Deix nicht weit.Bernhard Paul, seit 25 Jahren Direktor des Circus Roncalli hat sein Hauptquartier in Köln. Weil er mit seinem Jubiläumsprogramm im September am Wiener Rathausplatz gastiert, ist er schon jetzt zum Trommeln da. Weshalb Manfred Deix, europaweit berühmter Österreicher-Karikaturist, den Sitter für (derzeit) 66 Katzen und zwei Hunde bestellt, um Hand in Hand mit seinem alten Bernie-Boy pubertäre Hopser zu vollführen. Es muss im Gasthaus Schwarzer Adler sein, in der Schönbrunnerstraße. Dort gibt's laut Deix/ Paul die beste Leberknödelsuppe der Welt. Und dort dauert's meist bis sehr spätfrüh.BUSENFREUNDE Am Morgen danach kann's Paul passieren, dass ihm das Stubenmädel im Hotel mit spitzen Fingern ein handbeschriebenes Fax überreicht: „Danke, Schatz. Die Nacht mit Dir war wunderbar" Dein Manfred“ Schlimme Zeichnungen hebt sich Deix wenigstens für Pauls Bürofax auf. Dessen Angestellte erröten kaum mehr. Außerdem kennen sie den Anhang der zwei: Pauls rassig-italienische Zirkusreiterin Eliana mit den drei Kids ebenso wie Deix angetrautes Busenwunder Marietta.Was unverzüglich zum Schlachtruf „Duttenbussen“ führt, den die beiden Busenfreunde ausstießen, sobald ein Prachtexemplar am Horizont erschien. So vor 37 Jahren. „Wir waren die kurzgeschorensten Provinzler auf der Wiener Grafischen gegen den Rest der Kunstwelt. Die Unattraktivsten vom Outfit her“, grämen sie sich heute noch. „Jeder Professor hatte längere Haar als wir.“ Und erst die Eltern der Schulkollegen. Urbane Menschen, in Khaki-Anzügen und mit Clark's-Boots, die damals besonders hoch angesehen waren.Paul, 18, kam aus Wilhelmsburg/NÖ, Deix, 16[289], aus Böheimkirchen an der Westbahn. Unsicher bis zum Geht-nicht-mehr schämten sie sich auf den Tod für ihre Mütter: „Zwei Frauen mit Hubertusmänteln, an Filzhuat mit einer Hahnenfeder, die Einkaufstaschen als Handtaschen überm Arm. Und am Elternsprechtag haben's immer g'rehrt.“ Selbstverständlich völlig grundlos aus der Sicht der kreativen Knaben.LACHKABINETT Die ließen sich in rasender Geschwindigkeit die Haare wachsen - was bei Paul zur mündlichen Enterbung durch seinen wutentbrannten Vater führte - und funktionierten die Grafische zur Clown-Akademie um. Gottfried Helnwein, später als Schockmaler berühmt, wurde der Dritte eines infernalischen Trios.Schulschwänzer-Pflichttermin war der Ausflug zum Foto-Automaten am Westbahnhof. Mit gegenseitig Finger-in-den-Mund-stecken und Hinternzwicken. Lachen bis zum Umfallen ihr Tages-, Wochen-, Lebensziel. An der 49er-Endstation nahmen sie sich an den Händen, und hopsten wie im Kindergarten. Das „Schaut's euch die Trotteln an"“ der Leut' war nur Ansporn, höher zu hüpfen und lauter zu lachen. Und erst das „Schamt's Euch“ im Stephansdom bei der Mai-Andacht, mitten unter lauter alten Frauen. „Helnwein war der Rülpser-König, metallisch, cremig und mit donnernden Geräuschen“, erkennen Paul/Deix noch heute neidlos an.In der Schule gab Paul den Pausenclown: Deix' Zähne operierte er mimisch mit dem Zirkel, den Blinddarm mit einem Lineal. Nicht ohne „die Naht“ auf dem behaarten Bauch dick mit Uhu-Alleskleber zu verpicken. Während Deix statt der schulisch erwünschten botanischen Studien nichts als Karikaturen kritzelte. „Auf jeden Block, in jedes Heft. Ich wollte, ich hätte sie gesammelt“, jammert Paul. Nur die Zeichnung, wie der Pfarrer den Rosenkranz als Lasso wirbelt, hätte Freddy lieber lassen sollen. Oder war's seine Jesus-Interpretation, die schließlich zu seinem Rausschmiss führte? Ach. Über manches schweigt man besser.SCHLUSS MIT ÜBERLUSTIG Sie laufen auch schon seltener zur Hochform auf. Na ja, 55 und 53. Deix füllt die Nacht seit sieben Jahren bestenfalls mit weißen Spritzern ab. 120 Zigaretten reichen. Aber schlank ist er. „Wie ein Mannequin. Er wiegt sich jeden Tag. Schau, ich hab drei Kilo abgenommen"“, lispelt Paul. „Wenn sich Wohlstand an der Körperfülle messen lässt, ist Bernie sehr reich und sehr dick“, säuselt Deix den Herzbruder zur Revanche in den Himmel. Schließlich regiert der ein Imperium" Da muss sich Bernie frisch revanchieren und legt Deix' Reinfall mit Billy Wilder auf den Tisch. Der davon kam, dass sie einander immer mit verstellten Stimmen zu „Millionärskunden“ bestellten. Also.„Hier von Vegesack“ rief um Mitternacht einer bei Deix an, und fragte, ob Billy Wilder ein Bild kaufen könne. „Eh leinwand, Bernie“, tröstete Deix, was Herrn von Vegesack konsternierte. „In Ordnung, Alter, gib mir den Billy"“, brummte Deix - und hatte im Nu den echten Wilder dran. Müssig, zu sagen, dass ihm das Herz in die Hose fiel. Er verschenkte das Bild und bekam auch Lohn für die gute Tat: Eine Seite Vorwort für sein 11. Buch, samt Vergleich mit Karl Kraus. Imponierend"Nur bei den Müttern schinden die berühmten Söhne wenig Eindruck. Als Deix auf Familienausflug einen Mann mit Zumpferl im Gästebuch der Böheimkirchner Konditorei hinterließ, schämten sich die Damen genau wie früher am Elternsprechtag. Bernies Mutter, 88, machte sich später von Wilhelmsburg an den Tatort auf, um das Zumpferl mit Kuli wegzukritzeln.
