October 18th, 2003
Die Welt
Was ist schon Kunst?
Georg M. Oswald
Der Schriftsteller und Rechtsanwalt Georg M. Oswald über das Besorgnis erregende Literaturverständnis deutscher Gerichte
Die "Mitte der Gesellschaft" aber hat längst gelernt, dass man sich über Kunst nicht aufzuregen braucht, auch wenn sie es noch so sehr darauf anlegt. Marylin Manson? Ein Fall für Antje Vollmer. Da arbeitet einer hart an seinem Mythos, die Inkarnation des Bösen, der Satan selbst zu sein, und dann kommt eine deutsche Bundestagsabgeordnete und erklärt ihn für "exzellente Kunst". Wenn ästhetisch wie politisch alles erlaubt ist, ist alles egal, also nicht der Rede wert. Selbst, wer - ein kleiner Marylin Manson der Literatur - seine Schockeffekte so gekonnt setzt wie Michel Houellebecq, ist nach ein paar Jahren schon fast wieder vergessen. Hat sich Antje Vollmer eigentlich je über ihn geäußert?

Früher hatte man mit der Kunstfreiheit noch Probleme. Der bayerische Dichter Oskar Maria Graf erzählt in seinen Erinnerungen eine Anekdote, der zufolge der Transport eines Bildes von Franz Marc um 1910 von seinem Atelier in die Schwabinger Galerie auf einem Leiterwagen einen regelrechten Tumult auslöste. Immer mehr Passanten folgten dem Wagen und schimpften wütend auf ein Bild des Malers, der die Frechheit besaß, Pferde in blau abzubilden, wo es doch eine allgemein bekannte Tatsache war, dass es derlei nicht gab. Es hätte nicht viel gefehlt, und die spontan versammelten Ikonoklasten hätten das verstörende Bild aus der Welt geschafft.Ein Skandal, der uns heute allenfalls über die bäurische Rückständigkeit der Protestierenden schmunzeln lässt, denn unsere Augen sind Schlimmeres gewöhnt als blaue Pferde. Für die empörten Betrachter von damals käme eine Stunde nächtliches Zapping vermutlich einem Höllensturz gleich, der sie um den Verstand brächte. Wir brauchen das zum Einschlafen.Soeben ist Quentin Tarantinos neuer Film "Kill Bill" in den Kinos angelaufen, und was man hört, soll er in seinen Gewaltdarstellungen noch weit über "Pulp Fiction" hinausgehen. Natürlich wird man ein bisschen darüber diskutieren, ob das in Ordnung geht oder nicht. Aber nur Fundamentalisten - egal welcher Couleur - kämen auf die Idee, die Kopien des Films zerstören zu wollen. Es wäre ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen.Die "Mitte der Gesellschaft" aber hat längst gelernt, dass man sich über Kunst nicht aufzuregen braucht, auch wenn sie es noch so sehr darauf anlegt. Marylin Manson? Ein Fall für Antje Vollmer. Da arbeitet einer hart an seinem Mythos, die Inkarnation des Bösen, der Satan selbst zu sein, und dann kommt eine deutsche Bundestagsabgeordnete und erklärt ihn für "exzellente Kunst".Ausgebuffte Vollironiker, die wir sind, wissen wir, welchen Zauberspruch wir noch den schönsten und schaurigsten Zumutungen entgegenzuhalten brauchen, um sie zu bannen. Er lautet: "Es ist ja nur Kunst." Schlingensief in Bayreuth? Ein Skandal? Nein. Nur Kunst. Es bedeutet nicht mehr als eine Geisterbahnfahrt. Also nichts. Franz Marcs wütende Zeitgenossen nahmen seine Arbeit ernster, als es heute dem größten Enthusiasten gelänge. Aber leider lag es nur daran, dass sie sich nicht auskannten.Was hier über die bildende Kunst und die Kunst der Bilder gesagt wurde, gilt noch in weit höherem Maß für die Literatur, denn was die Unmittelbarkeit ihrer Wirkung betrifft, war sie den anderen Künsten schon immer unterlegen. Trotzdem ist die Geschichte der verbotenen Bücher nicht kürzer als die der verbotenen Bilder, eher im Gegenteil. Nirgends ist es so leicht wie in der Literatur, Angriffe, Schmähungen und Provokationen zu verstecken, so dass der eigentlich Gemeinte es gar nicht mitbekommt, während sich alle anderen über ihn totlachen. Aus gutem Grund also gehörte die Zensur zu veröffentlichender Texte jahrhundertelang zum politischen Werkzeug jedes Souveräns, und es ist immer noch historisch brandneu, dass es keine staatlich verordneten Bücherverbote mehr gibt. In Deutschland etwa herrscht dieser Zustand gerade mal 13 Jahre. Es ist selbstverständlich, dass die Literatur in den Jahrhunderten davor starke Traditionen herausgebildet hat, wie unter der Zensur, mit ihr und gegen sie zu schreiben sei. Sie scheinen plötzlich obsolet, denn wo nichts verboten wird, kann man sich gegen Verbote nicht wehren. Ebenso selbstverständlich ist, dass den Schriftstellern etwas fehlt, wenn ihnen plötzlich der beste Feind abhanden kommt, so dass die neu gewonnene Freiheit durchaus etwas Schales an sich hat. Es gibt deshalb die gelegentlich an literarischen Stammtischen geäußerte Ansicht, nur unter der Knute der Zensur könne große Literatur entstehen. So abstrus diese Auffassung ist, sie ahnt zumindest, dass in unfreien Zeiten von der Literatur mehr erwartet wird als in freien. Wenn ästhetisch wie politisch alles erlaubt ist, ist alles egal, also nicht der Rede wert. Selbst, wer - ein kleiner Marylin Manson der Literatur - seine Schockeffekte so gekonnt setzt wie Michel Houellebecq, ist nach ein paar Jahren schon fast wieder vergessen. Hat sich Antje Vollmer eigentlich je über ihn geäußert?

Helnwein and Manson
Surface Magazine
September/October 2003 — James Montgomery
05. May 2003 — DER SPIEGEL