Im Westen kam der Werbung gerade im Bereich der Unterwäsche eine zentrale Rolle in der Propagierung neuer Körperbilder und dem Ausloten der Schamgrenze zu. Als Anfang der 80er der bis dahin völlig unbekannte Mark Wahlberg im Calvin-Slip posierte, war ein neuer Star geboren - und im Bereich der Männerunterwäsche eine Revolution in Gang gekommen. In Österreich waren es immer wieder Palmers-Werbungen, die ausloteten, wie weit Unterwäschewerbung gehen darf.
Mittlerweile sogar ziemlich weit: Im Sommer vor zwei Jahren kamen die Palmers-Girlies auf der Bühne der Salzburger Festspiele an. In Martin Kusejs Inszenierung des "Don Giovanni" zierte eine riesengroße Strümpfewerbung das Bühnenbild - ohne allerdings Proteste von moralischer oder kirchlicher Seite zu ernten. Um Fragen des Product-Placements im subventionierten Kulturrahmen kreiste dagegen die angefachte Diskussion.
Als Gottfried Helnwein vor 14 Jahren für die Eröffnung der Münchner Opernfestspiele seine Kostümentwürfe in Form von Frauen in Dessous aus Versandhauskatalogen ausschnitt, war das noch etwas anderes: Er wurde dafür (gemeinsam mit Regisseur Johann Kresnik) kurzerhand gefeuert.
Eine Episode, die zeigt, wie leger unser Umgang mit dem Intimen mittlerweile geworden ist. Wenngleich man sich vor Verallgemeinerungen hüten muss. Unterwäschetrends haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten derartig potenziert und diversifiziert, dass eindeutige Rückschlüsse auf ein bestimmendes Körperbild nur mehr schwer möglich sind. Wenn Wolford derzeit einen Romantiktrend behauptet, Hanro die Femme fatale beschwört, La Perla weiterhin auf den Retro-look setzt, dann steckt dahinter natürlich ein Markt, der gute Umsätze schreibt und dafür auch immer neue Trends generieren muss. Aber wer weiß, wahrscheinlich erfahren wir schneller, als uns lieb ist, welchen Körperbildern wir zu Anfang des neuen Jahrtausends wieder aufgesessen sind.
(Auszug)
30. May 1990Frankfurter Allgemeine ZeitungGerhard R.KochTypisch ist auch dafür der Streit zwischen August Everding und Wolfgang Sawallisch um die Bayrische Staatsoper.Dieser Zwist hat nun eine bemerkenswerte Teiltransplantation erfahren. Diesmal heißen nämlich die Kombattanten nicht Everding und Sawallisch, sondern Sawallisch steht nun ein ganzes Künstlerquintett gegenüber:der Choreograph Hans Kresnik, der Maler Gottfried Helnwein, der Schriftsteller Gerd Jonke und der Tänzer Ismael Ivo sowie ein nicht namentlich genannter "Lichtdesigner der Rockmusikszene"- wobei Kresnik und Helnwein als die Hauptwidersacher dastehen.Ob Kresnik- Helnweins "Trionfi" den Segen der Orffianer gefunden hätte, ist sekundär gegenüber der Tatsache, dass man wissen muss, worauf man sich einlässt. Ein leider gänzlich fiktives Beispiel mag dies belegen: Käme ein Opernintendant, gar ein Festspielleiter auf die Idee, den amerikanischen Rocksänger und "Down by Law"- Schauspieler Tom Waits als Don Giovanni zu verpflichten, dann verhieße eben dies raueste, knurrendste Originalität eines unbehausten Vokalwüstlings. Sich dann über mangelnde Probenadrettheit und ungenügende Belcanto- Geschmeidigkeit zu beklagen, zeugt vom Mangel an Realismus. Konzeptionslosigkeit hat also nicht die Bayrische Staatsoper Kresnik und Helnwein anzulasten, sondern der Vorwurf fällt auf die großmächtige Institution zurück.
