Gottfried Helnwein, Das stille Leuchten der Avantgarde, 1986Nach den kunsthandwerklichen Arbeiten steht im Wiener Dorotheum am kommenden Dienstag die Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Da es nicht die Hauptauktion des Frühjahrs mit der Moderne ist, versammelt der Katalog ein breites Angebot oft auch mit unbekannteren Namen. Man muss bei den 260 Stücken schon die Suche auf sich nehmen, um die Qualität zu entdecken. Die gibt es aber. In der Klassischen Moderne steuert etwa der in Frankfurt geborene Carl Piepho eine ansprechende großbürgerliche Szene in hellen Farben und impressionistisch aufgelockertem Duktus bei. Die „Teestunde“ zeigt eine Dame im Sommerkleid am Tisch in die Lektüre vertieft sitzen (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). In einem kleinen quadratischen Format hielt Broncia Koller-Pinell lediglich die Gesichtspartie ihrer Schwester Etka Hertzig fest. Da das Gemälde dazu noch vom Rand überschnitten ist, erhält das Porträt eine sehr direkte Wirkung, hervorragend verstärkt durch den flächigen Farbauftrag (Taxe 2.200 bis 3.000 EUR).Ein weiteres Frauenbildnis stammt aus der Hand von Max Beckmann. Der expressionistische Holzschnitt „Frau mit Kerze“ datiert ins Jahr 1920 und lässt die Dargestellte unsicher zur Seite blicken (Taxe 10.000 bis 17.000 EUR). Bei Otto Dill geht es wilder zu. In dem Gemälde „Geführte Hengste“ versuchen zwei Bauern die beiden ungestümen Tiere zu bändigen (Taxe 18.000 bis 25.000 EUR). Zwei Blätter in der Auktion vermitteln einen Eindruck von den unheimlichen Traumwelten Alfred Kubins. Die Zeichnung „Hütet das Geheimnis“ ist ein Zwitterwesen aus einem Lurch mit einem menschenähnlichen Kopf (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR) und aus dunklen Niederungen ragt über einem Steilhang am Fluss das verwunschene „Schloss“ aus den Märchen auf (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Mit Franz von Zülows „Kellergasse“ findet sich eine idyllische Dorfschilderung, die lediglich durch den nervösen Pinselstrich und die ungewohnte Farbstellung gestört wird (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR).Das erste gänzlich abstrakte Bild listet der Katalog von Arnulf Rainer. Die beiden Streifenbündel aus schwarzem Bleistift auf Vorder- und Rückseite eines Papiers von 1952 sind Blindzeichnungen des Grandseigneurs der österreichischen Gegenwartskunst (Taxe 6.000 bis 9.000 EUR). Eine gegenständliche Richtung führte der Franzose Bernard Buffet nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Die Lithografien von Pariser Plätzen, Brücken und Straßen ohne jegliches Leben künden mit ihren breiten schwarzen Konturstrichen von einer existenzialistischen Leere (Taxe je 3.000 bis 4.000 EUR). Gänzlich unprätentiös erscheint dagegen die wie zufällig geschüttete Anhäufung von weiß lackierten Samenkapseln auf weißer Leinwand von Gottfried Bechthold aus dem Jahr 1970 (Taxe 3.800 bis 4.500 EUR). Daneben scheint seine wulstige Steinskulptur schon mehr mit Bedeutung aufgeladen zu sein (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR).Der Farbmagier Herbert Brandl schließt auf einem Materialbild aus Gips und Sand die violette Mitte durch ihre Komplementärfarbe Gelb ein (Taxe 4.500 bis 6.000 EUR). Auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Die gescheiterte Hoffnung“ bezieht sich Gottfried Helnwein in seinem vier Meter breiten Fototriptychon „Das stille Leuchten der Avantgarde“. Dem Werk des Romantikers stellt er zwei Selbstbildnisse mit blutrot eingefärbten Bandagen gegenüber, die an den Wiener Aktionismus erinnern (Taxe 14.000 bis 18.000 EUR). „Waiting to exhale“ ist ein typisches Multiple von Arman aus dem Jahr 1997, in dem er Zigarren in Plexiglas einschließt (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Auch Gerwald Rockenschaub ließ sich von Armans Akkumulationen von alltäglichen Konsumgütern inspirieren, reihte aber in „Pures Wasser – aus den Bergen Österreichs“ die 19 Wasserflaschen fein säuberlich in einer Reihe im Plexiglaskasten auf (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR).Die Auktion beginnt am 9. März um 14:30 Uhr. Bis zum Auktionsbeginn ist die Vorbesichtigung täglich außer sonntags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 9 bis 17 Uhr möglich. Der Katalog ist auch im Internet unter www.dorotheum.com abrufbar.
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04.03.2004Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching