June 1st, 2003
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Die Grotesk Burlesk Tour von Marilyn Manson
Die Artwork für "The Golden Age Of Grotesque" stammt vom österreichischen Künstler Gottfried Helnwein, der Manson in zweifacher Ausführung mit den berühmten Micky-Mouse-Ohren auf dem Albumcover zeigen wollte. Und wieder wurde in den USA eine Kontroverse um Manson ausgelöst, der davon absah, eines der Heiligtümer der US-amerikanischen Kultur zu entweihen.

Er ist böse und bekannt für seine "morbide anmutende Verkleidung"(1). Die Meinungen über Marilyn Manson sind einhellig. Schon längst ist er mit jeder Neuerscheinung zu Gast im meinungsbildenden Feuilleton, aber die Figur und ihr provokantes Schaffen als Ganzes zu erfassen gelang bisher kaum. DIE ZEIT verortete den Skandalmusiker beispielsweise pophistorisch in der Nähe von Jim Morrison und Alice Cooper, und bescheinigte ihm somit "keine besonders originelle Leistung"(2).Mit seinem ersten kommerziellen Erfolg "Antichrist Superstar" stellte er sich 1996 in dem Videoclip "The Beautiful People" als unfertige Prothesenfigur dar, die dem Schönheitsideal einer verkommenen kapitalistischen Gesellschaft nacheifert und unter qualvollen Schmerzen sich selbst erschafft. Fotografie und Film der 20er Jahre, die Beschäftigung mit der Ästhetik der Maschinen und die Erschaffung künstlicher Figuren, dienten bei der visuellen Umsetzung des Songs als Vorlage. Wie nah beieinander the beautiful und the horrible liegen, zeigt sich schon in seiner Selbststilisierung durch die Namensmixtur aus einer Hollywoodschönheit und einem Massenmörder. Und während er hier noch Schönheit als Freiheit definiert, proklamiert er im Song "I don’t like the Drugs" die weisse heterosexuelle Rasse als die einzig wahre Norm. Mansons Kritikpunkte erweitern sich auf die Allmacht der Kirche und des Fernsehens, die ganz alltäglichen Drogen also, und das Stück "The Dope Show" aus dem Album "Mechanical Animals" führt diese fort. Die Prothesen sind inzwischen abgelegt, und der Künstler tritt nun als undefinierbares Zwitterwesen in Erscheinung, um sich für das Video "mObscene" jedoch erneut zu verwandeln, und sich diesmal als in schwarzem Edelzwirn gekleideter Dandy darzustellen, und im Clip zu "Tainted Love" die Provokation vielmehr durch die Anwesenheit von knapp bekleideten Cheerleadermädchen hervorgerufen wird. Das Aussehen für sein aktuelles Album "The Golden Age Of Grotesque" hat Manson nicht mehr radikal verändert. Die Artwork für "The Golden Age Of Grotesque" stammt vom österreichischen Künstler Gottfried Helnwein, der Manson in zweifacher Ausführung mit den berühmten Micky-Mouse-Ohren auf dem Albumcover zeigen wollte. Und wieder wurde in den USA eine Kontroverse um Manson ausgelöst, der davon absah, eines der Heiligtümer der US-amerikanischen Kultur zu entweihen. Nun posiert er in eleganten Anzügen, mal in grau, mal in rot, und nur noch seine stets verstörende Kontaktlinse und seine metallischen Zähne wirken irritierend.Die Provokation aber bleibt, und gleichzeitig spricht Manson der amerikanischen Bevölkerung jedes Bewusstsein für Ironie und Satire ab. Und so bieten ihm die Moralapostel Geld für das Nichtstattfinden seiner Konzerte in ihren Städten und fürchten sich weiter vor ihm. Auch wenn ein Interview in dem oscarprämierten Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" von Michael Moore bei einigen seiner Kritiker Gehör fand, und ihn als Entertainer anerkannten, konnte er jüngst mit der Ausstellung seiner Leichengemälde in Los Angeles wieder von seiner dunklen Seite reden machen.Mit der Live-Show "Grotesk Burlesk" führte er nicht in üblicher Manier seinen Kampf gegen heuchlerische Moral, fanatischen Konservatismus, falschen Patriotismus und diskriminierende Religionen fort. Für Manson hat das Thema Beziehungen eine völlig neue Dimension erreicht. Eine Inspirationsquelle war ihm dabei die Endzeitstimmung im Berlin der 20er und 30er mit der bisher nicht gekannten kulturellen Fülle und Freiheit, dem Expressionismus, dem Dadaismus, dem Cabaret und dem Swing. Auch wenn er sich mit dem Vergleich der als "Entartet" verbotenen Künstler dieser Zeit mit seiner Arbeit ein wenig weit aus dem Fenster lehnt, kommt ein weiterer Aspekt in Mansons Schaffen zum Tragen: die Zensur.