
Damit setzte der österreichische Maler eine Kritik der - ebenfalls porträtierten - Journalistin Alice Schwarzer in die Tat um. Zu Richters "männerorientierter Sichtweise", die gewiß nicht aus böser Absicht heraus entstanden, aber gerade in ihrer Selbstverständlichkeit so unerhört sei, hatte sie sich einen künstlerischen Gegenentwurf gewünscht. Helnweins Porträtserie, die derzeit in der Galerie Koppelmann zu sehen ist, umfaßt Politologinnen, Frauenrechtlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Musikerinnen.
Die (durchaus subjektive) Auswahl reicht von Rosa Luxemburg und Emmeline Pankburst über Marie Curie und Mileva Einstein bis zu Simone de Beauvoir und Ingeborg Bachmann; von Camille Claudel und Käthe Kollwitz über Marlene Dietrich und Marilyn Monroe bis zu Maria Callas und Billie Holiday. Dabei werden mehrere Ebenen ablesbar. Historische Frauengestalten stehen neben zeitgenössischen Persönlichkeiten.
Die "klassische" Auffassung von Kultur erscheint neben dem modernen Kulturverständnis, das etwa in den Porträts der Rocksängerin Tina Turner oder der Walt-Disney-Übersetzerin Erika Fuchs zum Tragen kommt. In der Betrachtung der bekannten und der unbekannteren Gesichter drängen sich Biographien, Geschichten, Schicksale auf. Darin wird zugleich der weibliche Anteil an der kulturellen Entwicklung sichtbar gemacht.
Indem Helnwein dem - Bildgewordenen - Leistungsprinzip der Männer nun ein bildliches Leistungsprinzip der Frauen entgegenstellt, will der Künstler sich ausdrücklich gegen die jahrhundertealte Unterdrückung von Frauen durch Männer richten.
Sein Ansatz bleibt jedoch zwiespältig: Gerade diese Denkungsart birgt eine der Wurzeln für die fortwährende Ungleichbehandlung von Menschen gegenüber anderen Menschen. Denn sie schreibt weiterhin fest, daß ein Mensch vorrangig durch seine außergewöhnlichen Lebensleistungen etwas Besonderes, "Wertvolles" darstellt - und nicht als alltäglich im Leben stehendes Individuum. Ob Frau oder Mann.